Krise der Vereinten Nationen Weltpolitik aus dem Südwesten

Von David Stellmacher 

Angesichts immer neuer Konflikte scheint die internationale Politik aus den Fugen geraten zu sein. Wie können die UN in Zukunft dieser Situation besser begegnen? Darüber haben jetzt in Stuttgart zwei hochrangige Ex-Diplomaten diskutiert.

Vollversammlung im New Yorker Hauptquartier der Vereinten Nationen Foto: EPA
Vollversammlung im New Yorker Hauptquartier der Vereinten Nationen Foto: EPA

Stuttgart - Kaum ein Zweiter dürfte die Eigenheiten der Vereinten Nationen besser kennen als er. Mehr als drei Jahrzehnte lang hat Hans-Christof Graf von Sponeck, dessen familiäre Wurzeln in Baden-Württemberg liegen, in leitenden Positionen die operative Arbeit der Organisation mitgestaltet – und dabei seit 1968 zahlreiche humanitäre Einsätze auf verschiedenen Kontinenten koordiniert. Bis heute nennt er den ehemaligen UN-Generalsekretär Kofi Annan einen engen Freund und geschätzten Gesprächspartner, der „fast schon zu gut für die UN“ gewesen sei. Gemeinsam mit Ekkehard Griep, Buchautor und ehemaliger UN-Diplomat, hat Graf von Sponeck am Donnerstagabend im Saal der Stiftung Geißstraße zur UN-Politik der Zeitgeschichte referiert. Eingeladen hatte der Landesverband der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen.

Machtpolitische Dominanz im Sicherheitsrat

Zuletzt war von Sponeck als Beigeordneter des UN-Generalsekretärs verantwortlich für Nahrungsmittel-Hilfsprojekte im Irak. Ein Einsatz, der den altgedienten Spitzendiplomaten in Gewissensnöte brachte: Aus Protest gegen die Sanktionen des Sicherheitsrates und deren Auswirkungen auf die Bevölkerung im Irak quittierte er seinen Dienst. Seither versucht der ausgeschiedene Spitzendiplomat als Redner und Universitätsdozent in Marburg für eine Reform der UN und gegen eine großmachtpolitische Dominanz des Weltsicherheitsrates zu werben. Denn die fünf Ständigen Mitglieder des Sicherheitsrates, so von Sponecks Vorwurf, erschwerten die humanitären Möglichkeiten des Gremiums und legten völkerrechtliche Normen mehr zum eigenen Vorteil denn in globaler Verantwortung aus.

Für Ekkehard Griep, Herausgeber des im vergangenen Jahr erschienenen Sammelbandes „Wir sind UNO – Deutsche bei den Vereinten Nationen“, war es daher eine Selbstverständlichkeit, auch Graf von Sponeck in seine Porträtreihe bekannter deutscher UN-Diplomaten aufzunehmen. Von Sponeck gehöre zu genau „den Menschen, die das System am Laufen halten“ – und mit ihrer Kritik und scharfen Analyse auch voranbringen könnten, sagte Griep, der als NATO-Offizier und Top-Diplomat auch selbst für UN-Friedensmissionen verantwortlich war. Insgesamt habe er für sein Buch 45 Diplomaten interviewt. Der älteste unter ihnen sei 1959 in die Vereinten Nationen eingetreten, der jüngste erst 2011. „Damit zeigt sich vor allem, wie vielfältig das Aufgabenspektrum der Deutschen bei der UN ist“, erläuterte der Autor und verwies auf die zahlreichen biographischen Stationen, die etwa sein Gesprächspartner durchlaufen hatte.

Die zwei Gesichter der UN

Ob in New York, Genf, Ghana, Pakistan oder Indien: Als jahrzehntelanger Protagonist im System der UN hatte Hans-Christof Graf von Sponeck an vielen Orten der Welt Gelegenheit, sich ein eigenes Bild der Organisation zu verschaffen – mitsamt all ihren Möglichkeiten und Grenzen. „Was dabei immer wieder entsteht, ist ein Zusammenprall“, betonte der Ex-Diplomat mit Blick auf die in seinen Augen ambivalente globale Rolle der Vereinten Nationen. „Es gibt unglaubliche Gegensätze zwischen der politischen und der operativen UNO – und es ist zu hoffen, dass der Generalsekretär genug Kraft hat, zu sagen, was geändert werden muss.“ Denn wie damals im Irak sei der Sicherheitsrat wegen seiner fünf Vetomächte in heutiger Zeit nicht selten ein Hindernis im konstruktiven Umgang mit sicherheitspolitischen Krisen und humanitären Katastrophen.

Auch für Graf von Sponecks persönlichen Bruch mit der UN-Organisation war die Unzufriedenheit mit Entscheidungen des Weltsicherheitsrates verantwortlich. Wegen der Sanktionen gegen Irak zwischen 1998 und 2000 wuchs bei ihm das Gefühl, als Nothilfekoordinator in Bagdad gegen machtpolitische Interessen nicht anzukommen. „Wir hatten große Schwierigkeiten, das Programm so durchzusetzen, dass die Menschen geschützt werden“, stellte der Diplomat heraus. Ohnedies sei die Arbeit im Irak eine logistische Herausforderung gewesen. Erst die mangelnde politische Unterstützung des Rates aber habe die Hilfe für die Menschen vor Ort torpediert.

Deutsche Einflussmöglichkeiten

Diese Antagonismen, zeigte sich der Ex-Diplomat überzeugt, seien auch für weitere Krisen des Nahen und Mittleren Ostens prägend gewesen. „Das hat sich wie ein Lauffeuer ausgebreitet in Libyen und Syrien.“ All diese persönlichen Erfahrungen und Geschichten deutscher Diplomaten vorzustellen und so Strukturen der UN wie auch deutsche Einflussmöglichkeiten herauszuarbeiten, darum gehe es in dem Buch „Wir sind UNO“, meinte Ekkehard Griep. Er ermunterte das Stuttgarter Publikum, auch selbst „den ein oder anderen roten Faden, der sich durch die Interviews des Buches zieht“, als Betrachtung deutschen Einflusses zu entdecken. In jedem Falle sei es angesichts der Vielzahl an internationalen Krisen und Konflikten in heutiger Zeit „bemerkenswert, wie viel die UN-Diplomaten leisten“.