Krise des VfB Stuttgart Warum der VfB Stuttgart seinen Ansprüchen hinterherhinkt

Enttäuschter Abgang: Auch für den VfB-Außenverteidiger Pascal Stenzel lief es in Sandhausen nicht. Foto: Baumann

Der VfB Stuttgart will mit seinem Zweitliga-Fußballern hoch hinaus – allerdings zeigt die Leistungskurve vieler Spieler vor dem Spiel gegen den 1. FC Nürnberg nach unten. Eine Analyse.

Sport: Carlos Ubina (cu)

Stuttgart - Die Zahlen sprechen für sich. 73 Prozent in Sandhausen, das identische Verhältnis in Osnabrück, gar 85 Prozent gegen den SV Wehen Wiesbaden – die Ballbesitzquoten des VfB Stuttgart sind Beleg einer drückenden Überlegenheit. Untermauert durch die Anzahl der gespielten Pässe: 543:198 zuletzt im Hardtwaldstadion, 600:217 im Auswärtsspiel zuvor an der Bremer Brücke und 828:151 im Heimspiel gegen den Aufsteiger aus Hessen.

 

In Summe kam der Fußball-Zweitligist in diesen drei Partien auf 79 Torschüsse, aber die VfB-Mannschaft erzielte in Summe nur zwei Treffer. Und hier beginnt das Problem, das sich mit den zusätzlichen Niederlagen beim Hamburger SV und gegen Holstein Kiel nun zu einer Reihe des Unvermögens verknüpfen lässt: 1:2, 0:1, 2:6, 0:1, 1:2.

Fünfmal ging der VfB in der laufenden Saison als Verlierer vom Platz. Dabei lässt sich ein Muster erkennen: Aufwand und Ertrag stehen in einem miesen Verhältnis. Für Sven Mislintat ließe sich über die Begegnungen beim SV Sandhausen und beim VfL Osnabrück sogar „eine Blaupause“ legen. Früher Rückstand, Schwierigkeiten mit der Aggressivität des Gegners und am Ende der verzweifelte Versuch einer Aufholjagd. „Wir können nicht immer nur davon reden, viel den Ball zu haben, sondern wir müssen auch die nötigen Ergebnisse erzielen“, sagt der Sportdirektor.

Tim Walters ernüchterndes Fazit

Also: Dominanz ja! Aber nicht mehr um jeden Preis? Das ist jetzt die große Frage beim Blick auf die Spielweise. Für Tim Walter fällt die Antwort klar aus. „Es gibt keine zwei Meinungen, wie wir Fußball spielen wollen“, sagt der Trainer. Nach vorne gerichtet. Aktiv. Leidenschaftlich. Für Walter geht es jedoch seit Wochen darum, wie seine Elf mehr aus ihren Möglichkeiten herausholen kann. Als das maximale Maß der Ineffektivität gilt immer noch das Spiel gegen Wehen Wiesbaden. „Die Gegner machen aus nichts ein Tor, und wir machen aus viel nichts“, fasst der 44-Jährige seine Erfahrungen aus der seitherigen Ergebniskrise zusammen.

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Vielleicht ist es aber auch so, dass beim VfB weitaus mehr als die Resultate nicht stimmen. Atmosphärische Störungen soll es zwischen der sportlichen Leitung und dem Trainer geben. Siege sollen intern von Walter gefordert worden sein. Ansonsten wurde mit Konsequenzen gedroht. Verantwortlich dafür zeichnen der Vorstandsvorsitzende Thomas Hitzlsperger und Sportdirektor Mislintat. Das war vor dem Landesderby gegen den Karlsruher SC. Dann kam der Sieg – und die Situation beruhigte sich. Ein Spiel später nach dem Misserfolg von Sandhausen spitzt sich die Lage vor der Heimpartie am Montag gegen den 1. FC Nürnberg wieder zu.

Walter steht unter Druck, Ergebnisse liefern zu müssen, gleichzeitig will er jedoch die Entwicklung der Mannschaft nicht vernachlässigen. Ein Spannungsfeld, zumal beim VfB das Ziel Aufstieg nicht aus den Augen verloren werden soll. Im Fokus der Kritik steht wie so oft der Trainer, doch bei der Suche nach den Gründen, warum die Stuttgarter ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden, dreht sich auch vieles um das Team an sich.

Sven Mislintats harte Einschätzung

Zwar wirkt das Stuttgarter Spiel in mehreren Bereichen jetzt reifer als zu Saisonbeginn, aber die Lernkurve zeigt nicht mehr nach oben. Denn mit der neu hinzugewonnenen Abgeklärtheit ging offenbar der Punch vor dem Tor verloren. „Immer nur Pech im Abschluss ist auch mangelnde Qualität“, sagt Mislintat. Dabei hat er einen Kader zusammengestellt, der in der Theorie Zweitligaerfahrung mit jugendlichem Offensivgeist verbinden sollte.

Doch in der Praxis haben Spieler wie Atakan Karazor und Philipp Klement die Erwartungen bisher noch nicht erfüllt. Hamadi Al Ghaddioui, der Dritte aus dem Bunde der Neuverpflichtungen mit starker Zweitligavergangenheit, funktioniert zumindest als Joker. Die mit reichlich Potenzial ausgestatteten Nicolas Gonzalez und Orel Mangala schwanken in ihren Leistungen zwischen verheißungsvollen Momenten und stets demselben Fehlverhalten. Marc Oliver Kempf, Pascal Stenzel und Santiago Ascacibar, denen der Schritt vom Perspektiv- zum Führungsspieler zugetraut wird, kommen nur langsam voran. Und Talente wie Silas Wamangituka oder Roberto Massimo drohen zu stagnieren.

Dennoch: Kapitän Kempf wie Torhüter Gregor Kobel betonen, dass es im Mannschaftskreis „keinen Zweifel“ darüber gebe, dass man Ballbesitzfußball à la Walter praktizieren wolle. Jede andere Herangehensweise erscheint ja auch schwer nachvollziehbar. Oder soll sich der VfB in Sandhausen oder gegen schwächelnde Nürnberger im eigenen Stadion hinten einigeln, um auf Konter zu lauern?

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