Krise im Baugewerbe Bezahlbarer Wohnraum im Kreis Ludwigsburg knapp

Die Wohnungsbau Ludwigsburg hat in der Zeit von 2019 bis 2022 insgesamt 310 neue Wohnungen erstellt, davon 144 öffentlich geförderte. Foto: IMAGO/Jochen Tack/IMAGO/Jochen Tack

Die IG Bau warnt wegen hoher Kosten und zu starrer Vorschriften vor einem Einbruch im Baugewerbe. Auch die Stadt Ludwigsburg muss Bauprojekte stoppen – mit fatalen Folgen, befürchtet der Oberbürgermeister.

Die Mitteilung der Industriegewerkschaft Bauen – Agrar – Umwelt (IG Bau) hat den Charakter eines Brandbriefes: Einen „Booster für den Neubau“ fordert die stellvertretende Bezirksvorsitzende Yvonne Artico, sonst drohe ein massiver Abwärtstrend im Neubau. „Bauvorhaben werden derzeit auf Eis gelegt, weil hohe Baukosten und Zinsen auf hohe Hürden durch staatliche Bauvorschriften treffen“, erklärt Artico. Das sei „ein toxischer Mix für den Wohnungsbau“. Die Kaufpreise für Neubauwohnungen seien „aus den Fugen geraten“.

 

Yvonne Artico fordert vor allem neue Wohnungen, „die zur Lohntüte der Menschen passen“, somit bezahlbare Wohnungen und Sozialwohnungen. Nach den Berechnungen der IG Bau müssten Bund und Länder bis 2025 mindestens 72 Milliarden Euro in die Hand nehmen. Zudem dringt die Baugewerkschaft auf ein „schlankeres“ Baugesetzbuch: Gesetze, Normen und Verordnungen müssten dringend durchforstet werden. „Die Stellplatz-Verordnung und der Schallschutz sind zwei Beispiele, die unbedingt entschlackt gehören“, nennt sie zwei Beispiele.

Was sagt der Ludwigsburger OB Knecht zur Lage?

Ludwigsburgs Oberbürgermeister Matthias Knecht stimmt der IG Bau in vielen Punkten zu. „Insgesamt fehlt für den Wohnungsbau eine auskömmliche, zuverlässige und planbare Förderkulisse“, sagt er. Ohne eine solche könne vor dem Hintergrund sehr hoher Baukosten und der aktuellen Zinslage kein marktpreisdämpfender und geförderter Mietwohnungsbau realisiert werden. „Sozialpolitisch wird das fatale Auswirkungen haben, da schon heute der Druck auf dem Wohnungsmarkt sehr groß ist und eine Vielzahl von Wohnungssuchenden nicht mit dem für sie passenden Wohnraum versorgt werden kann“, ergänzt der Oberbürgermeister.

Nach Auskunft der Stadt kann die Wohnungsbau Ludwigsburg aufgrund der Rahmenbedingungen derzeit geplante Projekte mit 314 Wohneinheiten nicht realisieren. Dies liege neben den hohen Kosten und Zinsen an der „nicht auskömmlichen Förderkulisse“, an die zu hohe energetische Anforderungen (KfW 40) geknüpft seien. „Es entstehen nicht nur höhere Baukosten und Mieten, sondern auch höhere Betriebskosten, da mit einer kontrollierten Lüftungsanlage zusätzliche Anlagentechnik gefordert wird“, erklärt Sprecherin Karin Brühl. Das Förderprogramm des Landes für 2023 sei seit Mai ausgeschöpft, neue Förderanträge würden erst 2024 bewilligt.

Wie läuft es bei öffentlichen Ausschreibungen?

Die städtischen Bauvorhaben seien trotz einiger Unwägbarkeiten im Großen und Ganzen im Zeitplan. Vor allem Handwerker für Heizung, Lüftung, Sanitär und Elektrik seien schwer zu finden und stark ausgelastet. Die Teilnahme an öffentlichen Ausschreibungen sei „eher verhalten“. Vor allem Bauvorhaben an Schulen, in denen nur in den Ferien gearbeitet werden könne, benötigten einen großen zeitlichen Vorlauf. Spezialanfertigungen hätten lange Lieferzeiten.

„Bei Brandschutztüren müssen wir derzeit mit fünf Monaten kalkulieren“, sagt Karin Brühl. Bei größeren Hochbaumaßnahmen mit einem längeren Projektplan müsse stets ein Zuschlag für Unvorhergesehenes einkalkuliert werden, um Mehrkosten aufzufangen. Die auftretenden Probleme am Bau sind deshalb so tragisch, da Stadt und Kreis in den vergangenen Jahren ziemlich gute Zahlen vorweisen konnten. So hat die Wohnungsbau Ludwigsburg von 2019 bis 2022 insgesamt 310 neue Wohnungen erstellt, davon 144 öffentlich geförderte. In diesem Jahr werden Neubauprojekte in Neckarweihingen (53 Wohneinheiten), Grünbühl (74 Wohneinheiten) und das Jägerhof-Quartier mit 161 Wohneinheiten realisiert.

Wie läuft es bei der Wohnbaugenossenschaft des Landkreises?

Laut den Zahlen der IG Bau und des statistischen Bundesamtes wurden im gesamten Landkreis Ludwigsburg im vergangenen Jahr 1387 Wohnungen neu gebaut, 30 mehr als in 2021. Die neu gegründete Bürgergenossenschaft Wohnen des Kreises plant derzeit drei Projekte mit insgesamt 51 Wohneinheiten. „Für das erste Jahr ist das ein sehr guter Erfolg. Entscheidend wird künftig auch sein, wie stark die Kommunen die Bürgergenossenschaft mit Grundstücken unterstützen“, meint Andreas Fritz von der Pressestelle des Landratsamtes.

Weitere Themen