Krise, weil der Ärztliche Direktor geht Was wird aus dem Rote-Kreuz-Krankenhaus der Sana?

Rotes-Kreuz-Krankenhaus in Bad Cannstatt Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Das Rote-Kreuz-Krankenhaus in Bad Cannstatt verliert seinen renommierten Ärztlichen Direktor an das Klinikum der Stadt. Und mit ihm sein ganzes Ärzteteam der Lungenfachklinik. Wie soll es mit dem Haus des Sana-Konzerns weitergehen?

Familie/Bildung/Soziales: Mathias Bury (ury)

Vor dem Hintergrund der geplanten großen Krankenhausreform zeichnet sich in der Landeshauptstadt eine erste Veränderung der Kliniklandschaft ab. Der Ärztliche Direktor des Krankenhauses vom Roten Kreuz (RKK) in Bad Cannstatt, Martin Hetzel, wechselt an das Katharinenhospital des städtischen Klinikums. Der bekannte Pneumologe geht nicht alleine, sein gesamtes ärztliches Team mit acht Oberärzten begleitet ihn. Gleichzeitig wechselt der Chefarzt der Thoraxchirurgie im Klinikum Esslingen, Rainer Sätzler, ebenfalls an das Klinikum der Stadt. Auch mit Sätzler wandern drei Ärzte aus seiner Abteilung in die Landeshauptstadt ab.

 

Durch diesen Zugewinn kann das Klinikum der Landeshauptstadt, das bisher im Bereich der Lungenheilkunde nicht so gut aufgestellt ist und selbst nicht als Lungenzentrum zertifiziert ist, einen neuen Schwerpunkt mit den Hauptabteilungen Pneumologie und Thoraxchirurgie bilden. Als Start wird der Januar nächsten Jahres genannt. Es sind für den neuen Bereich zwei Stationen im Katharinenhospital vorgesehen.

Für das Krankenhaus vom Roten Kreuz, eine Fachklinik mit 102 Betten, stellt sich mit diesem gravierenden Verlust die Zukunftsfrage. Auch für das Klinikum Esslingen hat der Abgang des Chefarztes der Thoraxchirurgie spürbare Folgen. Zusammen mit dem RKK und dem Klinikum der Stadt Stuttgart bildet man seit mehr als zehn Jahren das zertifizierte Thoraxzentrum Esslingen Stuttgart (TESS). Das RKK hat dabei den Part der Pneumologie, das Klinikum Stuttgart leistet die Strahlentherapie, das Klinikum Esslingen die Thoraxchirurgie. Dieser Verbund ist mit dem Wechsel Vergangenheit.

Die Sana bestätigt auf Anfrage die Kündigungen. Man sei mit dem städtischen Klinikum „in Verhandlungen über eine strategische Partnerschaft bei der Gesundheitsversorgung in Stuttgart“. Zu den Gründen der Entwicklung erklärt ein Konzernsprecher: „Die Debatte um die Krankenhausreform hat bereits Auswirkungen auf die Personalsituation.“ So orientiere sich das medizinische Personal schon jetzt in Richtung jener Kliniken „mit voraussichtlich höheren Leveln“. Wichtig sei bei den Gesprächen, die Interessen der Mitarbeitenden zu wahren und die Arbeitsplätze für die Zukunft zu sichern.

Mit dem neuen Player auf diesem Gebiet erwächst dem seit Langem größten und traditionsreichsten Lungenzentrum in Stadt und Region, dem Robert-Bosch-Krankenhaus (RBK), ein starker Konkurrent heran. Denn anders als beim Thoraxzentrum Esslingen Stuttgart sind die Abteilungen des neuen Wettbewerbers an einem Ort gebündelt und in ein Haus der Maximalversorgung integriert. Das RBK selbst hat erst im Juli vorigen Jahres seine Lungenfachklinik Schillerhöhe am Standort Gerlingen geschlossen und ist mit dieser in das große Haupthaus auf dem Burgholzhof in Bad Cannstatt gezogen.

Über die verschiedenen Gründe für den Wechsel der beiden Chefärzte lässt sich nur spekulieren. Nach der Coronapandemie haben die Inflation durch die Energiekrise und der wachsende Personalmangel für zusätzlichen Druck gesorgt. Das gilt auch für eine spezialisierte Lungenfachklinik wie das RKK von überschaubarer Größe, die einen Namen hat, aber angesichts häufig multimorbider, also an mehreren Erkrankungen leidender älterer Patienten nicht direkt auf die Expertise anderer medizinischer Disziplinen im eigenen Haus zurückgreifen kann.

Und die Gewinnung von ärztlichem Personal ist überdies durch neue, seit vorigem Jahr geltende Vorgaben in der Facharztausbildung, die für angehende Pneumologen mehr Einsätze in anderen internistischen Disziplinen verlangt, nicht einfacher geworden. Offenbar muss auch das RKK inzwischen mehr teure Leasingärzte einsetzen. Zudem ist seit Längerem von einem Investitionsstau in dem zum Klinikkonzern Sana gehörenden Fachkrankenhaus die Rede. In Esslingen sollen auch Unstimmigkeiten zwischen den beiden Chefärzten in der gemeinsamen Klinik für Gefäß- und Thoraxchirurgie, von denen einer Geschäftsführender Chefarzt ist, den Abgang gefördert haben.

Für alle Krankenhäuser mit Lungenabteilungen wachsen bald die Anforderungen. Das hat schon seit geraumer Zeit den Wettbewerb unter den Anbietern auch in der Region angeheizt. Von 2025 an gelten für Kliniken bei Lungenkrebsoperationen Mindestmengen von 75 solcher Eingriffe im Jahr. Das ist durchaus viel. Das Thoraxzentrum Esslingen Stuttgart erreicht nach eigener Aussage vom Vorjahr 90 bis 100 Bronchialkarzinom-OPs im Jahr und liegt damit sicher über dieser Untergrenze. Gut die Hälfte komme aus dem Krankenhaus vom Roten Kreuz, die andere Hälfte seien Patienten des Klinikums Esslingen oder überwiesen von den Kreiskliniken Esslingen. Das Robert-Bosch-Krankenhaus hatte 130 Operationen von Lungenkrebs im Jahr angegeben. Das Marienhospital hatte für sein noch relativ junges Lungenzentrum zu diesem Zeitpunkt gut 40 Lungenkrebs-OPs genannt.

Auch in der Region beteiligen sich einige Krankenhausträger seit wenigen Jahren am Wettbewerb um Lungenpatienten. Die Rems-Murr-Kliniken hatten für ihr vor zwei Jahren gegründetes Lungenzentrum 60 bis 70 Eingriffe angegeben. Das Klinikum in Stuttgart war zu diesem Zeitpunkt mit rund 25 OPs von Primärtumoren der Lunge im Jahr noch Schlusslicht in der Region.

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