Krisenland Deutschland Der deutsche Patient

Es läuft vieles nicht sehr gut in Deutschland, in der Bildergalerie werden Krisen aufgelistet vom Wohnen über den Sport bis zur Infrastruktur und Digitalisierung. Foto: pixelio/P

Deutschland ächzt. Die Pandemie und die Flut haben schonungslos Defizite offengelegt. Die Infrastruktur ist so renovierungsbedürftig wie das Bildungssystem. Und die nächste Krise kommt bestimmt – spätestens nach der Bundestagswahl. Höchste Zeit für ein Umdenken.

Bauen/Wohnen: Tomo Pavlovic (pav)

Stuttgart - Die Begeisterung hält sich in Grenzen. Die Wahl wird zu einer Qual. In Kürze wird das deutsche Volk darüber entscheiden, wer die Nachfolge von Angela Merkel als Bundeskanzlerin antreten darf. Oder besser gesagt: antreten muss.

 

Wer dieses Land künftig politisch führen will, darf keine Angst vor Herausforderungen haben. Denn die sind gewaltig. Schon deswegen sind viele Wählerinnen und Wähler skeptisch ob des Personals, das sich zur Wahl gestellt hat.

Eine aktuelle Studie der Universität Hohenheim hat ergeben, dass die Mehrheit der Wählerinnen und Wähler so gar nicht überzeugt ist von der Kompetenz der Kandidatin und der Kandidaten fürs höchste politische Amt in Deutschland.

Demnach können weder Annalena Baerbock (Grüne) noch Armin Laschet (CDU) oder Olaf Scholz (SPD) begeistern. Nur 35 Prozent der mehr als 20 000 Befragten schreiben den Spitzenkandidaten von Union, SPD und Grünen positive Eigenschaften zu.

Besorgniserregende Umfragewerte

Ähnlich uninspiriert wird die Arbeit der Parteien beurteilt, fand das Team um den renommierten Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider heraus. Bei der CDU hielten sich die positiven und negativen Bewertungen mit jeweils 20 Prozent die Waage. Bei allen anderen Parteien gibt es mehr negative Bewertungen.

Das sind besorgniserregende Umfragewerte, die sicher auch mit dem jeweiligen Erscheinungsbild von Scholz, Baerbock und Laschet im Wahlkampf zu tun haben. Doch gleichgültig, ob es sich nun um geschönte Lebensläufe oder ein falsch platziertes Lächeln dreht, diese vergleichsweise harmlosen Pannen und Aufreger können kaum erklären, weshalb so viele Bürger unzufrieden sind – und mindestens jeder Vierte höchstwahrscheinlich überhaupt nicht zur Wahlurne schreiten wird.

Deutschland hat Burn-out

Verantwortlich dafür ist mitunter der Vertrauensverlust der Menschen in die Politik und deren Gestaltungsfähigkeit. Der Sozialwissenschaftler Meinhard Miegel hat 2014 ein Buch mit dem sinnigen Titel „Hybris. Die überforderte Gesellschaft“ veröffentlicht, in dem er der deutschen Gesellschaft die Diagnose Burn-out stellt: „Alles in ihr ist auf Exzess ausgelegt: Bauten, Mobilität, Sport, Arbeit, Vergnügen, Technik, Kommunikation, Schulden, staatliche und selbstredend wirtschaftliche Aktivitäten.“

Das ziellose Streben nach Mehr führe zu einer allgemeinen Überforderung, sagt Miegel, bei den Eliten wie bei allen anderen. Großprojekte scheitern oder werden viel zu spät fertig, das gilt für Konzerthäuser, Bahnhöfe und Flughäfen. Es gäbe zwar immer mehr Akademiker, aber auch immer mehr Dilettanten. Zu viel Erwerbsarbeit für Hochqualifizierte, die aber zu schlecht bezahlt wird, was sich in der Krise bei der Pflege und der Kinderbetreuung zeigt.

Krisenthema Wohnen

Oder das Dauerkrisenthema Wohnen, das die Politik gleichgültig welcher Couleur nicht in den Griff bekommt. Und das Reizwort Digitalisierung, seit Corona in aller Munde, nicht nur in den Schulen und Universitäten. Tatsächlich hat sich seit Meinhard Miegels Kritik nichts verändert, vieles eher noch verschlechtert.

Das Berliner European Center for Digital Competitiveness (ECDC) verortete die Bundesrepublik jüngst auf dem vorletzten Platz der sieben wichtigsten Industrienationen der Welt bei der Digitalisierung. In Europa rangiert Deutschland laut ECDC ebenfalls knapp vor dem Schlusslicht: Schlechter schneidet nur Albanien ab.

Nach der Krise ist vor der Krise. Andauernd. Und ständig kommen neue hinzu. Nach der großen Finanzkrise waren es Millionen Geflüchteter aus Syrien, die in Europa Schutz suchten. Seit zwei Jahrzehnten verbreiten weltweit islamistische Terroristen Angst und Schrecken. Irgendwann kam die Pandemie, das Warten auf den Impfstoff. Dann die Flutkatastrophe. Afghanistan. Und über allem schwebt das Damoklesschwert des Klimawandels.

Deutschland ächzt

Von den scheinbar kleinen persönlichen Krisen und Katastrophen ganz zu schweigen. Die Menschen scheinen erschöpft zu sein, im Alltag wie im Sport. Die Volksseele spiegelt sich nirgendwo besser als im Stadion, heißt es. Symptomatisch waren die frustrierenden Auftritte der Fußballnationalmannschaft bei der letzten Europameisterschaft und das mittelmäßige Abschneiden der Olympia-Teilnehmer.

Deutschland ächzt. Angela Merkel hat vor Jahren einen viel bewunderten wie geschmähten Slogan angesichts der Aufnahme Hunderttausender Geflüchteter geprägt: „Wir schaffen das.“ Und trotz aller Erfolge: Wenn man sich anschaut, was man als Gesellschaft seit Jahren alles nicht schafft, woran die Politik scheitert, schwindet diese Zuversicht.

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