Kritik am ESC in Baku Pop und Politik: ein altes Spiel

Dass der Eurovision Song Contest in Baku stattfindet, löst immer noch heftige Diskussionen aus. Foto: dapd
Dass der Eurovision Song Contest in Baku stattfindet, löst immer noch heftige Diskussionen aus. Foto: dapd

Zwischen glitzerndem Musikvergnügen und der harten politischen Realität: Der Eurovision Song Contest war in seiner Geschichte schon oft Anlass für Debatten und Zwischenfälle.

Kultur: Tim Schleider (schl)
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Baku - Der letztjährige Grand Prix in Düsseldorf war noch gar nicht richtig vorbei, da begannen schon die ernsten Debatten: ein Eurovision Song Contest in Aserbaidschan? Die weltgrößte Unterhaltungsshow in einem Land mit keineswegs makellosen demokratischen Verhältnissen, noch dazu mitten im Islam – kann und darf das sein?

Viele taten so, als sei es überhaupt das erste Mal, dass die veranstaltende Eurovision in eine solche Bredouille zwischen Pop und Politik kommen würde. Das kann natürlich nur der glauben, der wenig Ahnung von der Materie hat. Seit seiner Premiere 1956 in Lugano hatte der Grand Prix d’Eurovision de la Chanson stets auch eine politische Komponente. Länder schicken Künstler in einen Songwettbewerb, bewerten sich dann untereinander und küren so ein europäisches Siegerlied – der damalige kommunistisch regierte Ostblock erkannte jedenfalls sofort die Gefahr, die in einem solchen Projekt steckte, war es erst mal richtig populär geworden. Deswegen gründete der osteuropäische TV-Verbund Intervision 1961 als Gegenmodell das Internationale Songfestival, zunächst im polnischen Danzig, später in Sopot. Das damals politisch neutrale Finnland war das einzige Land, das regelmäßig an beiden Wettbewerben teilnahm.

Probleme beim Grand Prix des Westens gab es auch schon 1969. Der wurde nach einem spanischen Vorjahressieg (Massiel mit „La la la“) in Madrid ausgetragen, damals noch ganz im Zeichen der postfaschistischen Franco-Diktatur. Mehrere Länder diskutierten, ob sie dem Wettbewerb fernbleiben sollten. Konsequent war dann nur Österreich. Im Jahr darauf boykottierten gleich fünf Länder den Grand Prix. Das lag allerdings nicht an der Politik, sondern am Umstand, dass es just in Madrid aufgrund eines noch wenig durchdachten Punktvergabesystems zum Schluss nicht einen, sondern vier punktgleiche Siegertitel gegeben hatte. Das empfand man als Demütigung.

Auch in Israel und Jugoslawien gab es Probleme

1979 fand der Grand Prix dann erstmals außerhalb von Europa statt: in Israel. Die arabischen Länder zwangen die Türken, ihre Teilnahme in Jerusalem abzusagen, andernfalls würde man alle Öllieferungen einstellen. Ankara gehorchte. Im Jahr darauf meldete sich die Türkei beim Wettbewerb in Den Haag aber mit einem Song mit satirischer Note zurück: Ajda Pekkan sang den Titel „Pet’r Oil“.

Probleme gab es auch beim Grand Prix 1992 im schwedischen Malmö. Als einziges kommunistisches Land war Jugoslawien schon seit 1961 Grand-Prix-Teilnehmer. 1992 gab es nur gar kein Jugoslawien mehr; der Vielvölkerstaat war zerfallen und in erste Bürgerkriege verwickelt. Die Serben beharrten damals aber nicht nur in der UN, sondern auch beim Grand Prix auf ihren Alleinvertretungsanspruch. Die Organisation fügte sich trotz Protesten aus Slowenien und Kroatien. Doch die Provokation ging noch weiter: Im Vorstellungsfilm aus Belgrad, der kurz vor dem Auftritt der Sängerin namens Extra Nena lieg, zeigte das serbische Fernsehen demonstrativ auch Landschaftsbilder aus Landesteilen, die längst zu Nachbarstaaten gehörten.

Große Aufregung auch 1999, wiederum in Jerusalem: die transsexuelle Sängerin Dana International hatte durch einen Sieg in Birmingham den Grand Prix nach Israel geholt. Monatelang opponierten die orthodoxen Parteien des Landes gegen den „gotteslästerlichen“ Charakter der Veranstaltung, es wurde schon über eine Verlegung nach Malta diskutiert. Doch damals dominierten noch die gemäßigten und eher weltlich orientierten Kräfte des Landes – der Grand Prix konnte nicht nur in Jerusalem stattfinden, in einem Show Act durfte Dana mit vielen Künstlerkollegen sogar an der Mauer der heiligen Altstadt auftreten.

Ein positives Beispiel: Zypern

Letztes Beispiel für die Nähe von Pop und Politik, diesmal im positiven Sinne: Zypern. Seit 1980 nimmt der politisch geteilte Inselstaat am Grand Prix teil, jedenfalls der mehrheitlich von Griechen bewohnte Süden. Traditionell vergibt man jedes Jahr seine Höchstpunktzahl an das große Griechenland; die Türkei bekam dagegen nie auch nur einen einzigen Punkt, egal, was die Türken auf der Bühne auch darbieten mochten.

Es dauerte bis 2003, um diesen Bann zu brechen. Beim Song Contest in Riga gewann die Türkin Sertab Erener mit „Every­where that I can“ mit nur drei Punkten Vorsprung vor Belgien. Entschieden wurde das erst durch die Punktevergabe in Nikosia. Zwölf Punkte gingen nach Griechenland, wie stets. Aber immerhin acht gab es für die Türkei. Damit war die Sache entschieden: Ausgerechnet Zypern schickte den Grand Prix für 2004 erstmals nach Istanbul.

 




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