Kritik am Europaviertel Zu schnell, zu opportunistisch

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Das Architekturforum Baden-Württemberg ist der Planungs- und Baugeschichte des Europaviertels hinter dem Stuttgarter Bahnhof nachgegangen. Zwei Kardinalfehler, die zur Sprache kamen, dürften zum Misslingen beigetragen haben.

Noch drehen sich die Kräne, aber das neue Stadtviertel rund um die Stadtbibliothek nimmt zunehmend Gestalt an. Foto: dpa 15 Bilder
Noch drehen sich die Kräne, aber das neue Stadtviertel rund um die Stadtbibliothek nimmt zunehmend Gestalt an. Foto: dpa

Stuttgart - Was hatte es nur mit der rätselhaften Überschrift auf sich? „Schluss mit der Romantik des Städtebaus – wir müssen endlich konkret werden“: So war die Veranstaltung des Architekturforums im Literaturhaus überschrieben, in der es um das Stuttgarter Europaviertel gehen sollte. Europaviertel nennt sich das im Bau befindliche Stadtquartier hinter dem Hauptbahnhof. So weit, so klar. Aber auf die Vokabel „Romantik“ käme angesichts der dortigen Unwirtlichkeit vermutlich kein Mensch. Eher erschauert man wie der Stuttgarter Oberbürgermeister Fritz Kuhn, den in dieser Bürowüste nach eigenem Bekunden kafkaesker Grusel überkommt.

Was ist das also für eine kuriose Forderung, mit einer inexistenten Romantik des Städtebaus an dieser Stelle aufzuräumen? Und was ist überhaupt mit Romantik gemeint? Das Rätsel löste der Darmstädter Architekt Klaus Trojan, der 1996 den städtebaulichen Wettbewerb für das Neubaugebiet hinter dem Bahnhof gewonnen hatte: Der Ruf nach dem Ende der Romantik in Stuttgart erscholl aus den Reihen der Deutschen Bahn, die 1997 auf der Immobilienmesse Mipim in Singapur ihr eigenes Städtebaumodell für diesen ersten Stuttgart-21-Bauabschnitt aus dem Hut zauberte. Als romantisch, so konnte man in Anbetracht dieses Modells schlussfolgern, gilt der DB im Städtebau alles, was nicht dem alleinigen Ziel der Profit­maximierung dient.

Die Bahn liebt es billig

Nun ist es nicht das erste Mal, dass der Staatskonzern Wettbewerbe der öffentlichen Hand vom Tisch zu wischen versucht und mit desolaten Entwürfen Marke Eigenbau Kosten sparen will. In München beispielsweise zog die Bahn eine Billigversion für den Bahnhofsumbau aus der Tasche, die vom Gemeinderat jedoch abgeschmettert wurde, und auch die Schreckensvision der DB für Stuttgart wurde zum Glück nicht Realität.

Das Europaviertel, wie es nun da steht, lässt freilich auch keine Glücksgefühle aufkommen, so dass die zentrale Frage des Abends lautete: Wie konnte das passieren? Warum ist aus der städtebaulichen „Jahrhundertchance“ dieses öde Hinterland geworden? Um dem auf den Grund zu gehen, hatte das Architekturforum neben dem Stadtplaner Klaus Trojan den Architekten Dieter Schmoll vom Düsseldorfer Büro RKW eingeladen, das mit der Planung des Milaneo-Projekts beauftragt ist, sowie den einstigen Abteilungsleiter des Stuttgarter Stadtplanungsamts Uwe Stuckenbrock.

Sündenfall im Doppelpack

Die Antwort nach dem Warum ist nicht einfach. Wer Ursachenforschung betreibt, verheddert sich sofort in einem schwer durchschaubaren und oft auch unverständlichen juristischen, finanziellen, planungsrechtlichen und politischen Gestrüpp. Zwei Kardinalfehler, die zur Sprache kamen, dürften jedoch maßgeblich zum Misslingen beigetragen haben:

Der Masterplan von Trojan und Trojan bot zwar ein solides städtebauliches Gerüst für die Entwicklung des Areals. Dennoch wurden nach Meinung von Klaus Trojan in Stuttgart überstürzte Entscheidungen getroffen: „Der Bebauungsplan hat zu schnell das Machbare fixiert.“ Genaues Ausloten der Potenziale und eine sorgfältigere Planung seien zwar der mühsamere und längere Weg, führten am Ende aber zu besseren Ergebnissen. „Von der Politik wird dieses Vorgehen aber meist (und so auch hier) sehr opportunistisch unterlaufen.“

Den zweiten Sündenfall stellt die überdimensionierte Shoppingmall Milaneo dar. Zu früh zu schnell an den Investor verkauft und im B-Plan für diesen Zweck eingetragen, sollte das Grundstück einige Jahre darauf von der Stadt zurückgekauft werden, die zu diesem Zeitpunkt nicht mehr hinter dem Projekt stand. Da die Rückkaufskosten aber 12 Millionen Euro betragen hätten, blieb es beim Milaneo. Und so kam es, dass zur Kompensation für das ausufernde Konsumparadies vom Gemeinderat obendrauf Wohnungen vorgeschrieben wurden. Romantisch, nicht wahr?