Kritik am Silicon Valley Die Konterrevolution

Im Visier der Kritiker: Google, Apple, Facebook und Amazon Foto: AFP

Google, Facebook & Co. treiben vom Silicon Valley aus die digitale Revolution voran. Milliarden von Nutzern verleihen ihnen Macht. Doch nun formiert sich massive Kritik – sie geht ausgerechnet von Ex-Mitarbeitern der Konzerne aus.

Stuttgart - Die Zukunft der Welt steht auf dem Spiel. Die Umwelt könnte irreparabel zerstört werden, wichtige Rohstoffe bald verbraucht sein. Zunächst leise vorgetragene Kritik wird lautstarker, dann schließen sich die Skeptiker zusammen, unter ihnen befinden sich Industrielle und Wissenschaftler. Ihre Kritik mündet in einem Thesenpapier, das von diesem Zeitpunkt an viele Diskussionen bestimmen wird: Der Club of Rome zeigt 1972 die „Grenzen des Wachstums“ auf.

 

Ein halbes Jahrhundert nach der Gründung des legendären Clubs wiederholt sich die Geschichte. Schon seit einer Weile rumort es rund um das vermeintlich allmächtige Silicon Valley, in dem sich die Tech-Konzerne anschicken, mit einer digitalen Revolution die Wirtschaft neu zu erfinden, die Politik unterzupflügen und ihre Kunden in ergebene Konsumenten zu verwandeln. Frühere Mitarbeiter der großen Vier – von Google, Amazon, Apple und Facebook – haben sich im Center for Humane Technology (Zentrum für eine menschliche Technologie) zusammengeschlossen. Sie sind überzeugt davon, dass im Tal der Technik-Träume viele Dinge gewaltig schief laufen.

Instagram und Youtube im Visier

Der Kernvorwurf: die Gesellschaft sei auf dem besten Weg, von der Technik unterjocht zu werden. Was als Wettrennen der Konzerne um die Aufmerksamkeit der Konsumenten begann, bedrohe nun die Grundfeste des Zusammenlebens: die mentale Gesundheit der Menschen, die Demokratie, die Kinder. Das Center for Humane Technology stellt die Giganten des Social Media Geschäfts an den Pranger: Instagram? Verherrliche ein von schönen Bildern geprägtes Leben und unterhöhle damit das Selbstwertgefühl vieler. Facebook? Trenne die Menschen in abgeschottete Echo-Kammern und trage damit zur Zerstörung von Gemeinschaften bei.

Die Kritik an den großen Vier ist keinesfalls neu – neu jedoch ist, dass sich die Kritiker unter einer Fahne zusammenschließen und eine Bildungskampagne auf den Weg bringen, die Facebook & Co. ins Visier nimmt. 5,7 Millionen Euro kommen der Organisation „Common Sense“ zugute, die an amerikanischen Schulen die jüngste Zielgruppe der Konzerne über die Schattenseiten der Onlinewelt aufklären will. Weitere 40 Millionen Euro fließen in Werbung, die den Nutzern verdeutlichen soll, um was es den Tech-Konzernen wirklich gehe: darum, ihre Kunden süchtig zu machen. Süchtig nach Neuem und nach Bestätigung.

Die Achillesferse von Facebook: das Image

Bemerkenswert ist, dass die Kritik nicht aus dem linksalternativen Intellektuellenmilieu hervordringt – also von den üblichen Verdächtigen. Die Kritik kommt aus dem Herz des Silicon Valley selbst, was sie für Google, Apple und Amazon besonders gefährlich macht: Die Kritiker wissen, wie die Unternehmen ticken, sie kennen ihre Schwächen. Das Center for Humane Technology versammelt einige der einstigen Top-Kräfte des Silicon Valley: Justin Rosenstein hat bei Facebook den Gefällt-mir-Daumen mit erfunden, Roger McNamee den jungen Mark Zuckerberg beraten, Tristan Harris bei Google über den Zusammenhang von Design und Ethik nachgedacht. Viele weitere Mitstreiter wissen genau, wie der Hase läuft: Sie haben genug Geld verdient, um unabhängig zu sein, sie verfügen über finanzielle Mittel, um sich bemerkbar zu machen, auch über Kontakte in die Politik. Und sie kennen die Achillesferse von Google und Facebook: ihr Image.

Nichts fürchten die Tech-Konzerne mehr als Kratzer an ihrer glänzenden Fassade. Facebook, das von sich behauptet, die Menschen einander näher zu bringen. Google, das allwissende Nachschlagewerk. Amazon, das superpraktische Kaufhaus für Alles. Mit ihrer Kampagne wollen die Kritiker ein „kulturelles Erwachen“ beschleunigen: Menschen sollten sich bewusst machen, dass die Konzerne mit ihren Geräten und Netzwerken unersättlich ihre Aufmerksamkeit aufsaugen wollen – jene Aufmerksamkeit der Nutzer zahlt sich für die Social Media-Unternehmen aus: Facebook profitiere von Klicks auf Inhalte, die Verschwörungstheorien verbreiten, Twitter baue auf Millionen Nutzer. Rund ein Sechstel von diesen besteht jedoch in Wahrheit aus automatisierten Bots. Die Konzerne verwandeln Milliarden von Klicks pro Tag in Werbeerlöse, die auch klassische Zeitungshäuser und Fernsehsender in deren Existenz bedrohten.

Die Stunde der Konterrevolutionäre

Schon jetzt haben sich die Kritiker derart lautstark zu Wort gemeldet – pikanterweise auch auf den von ihnen selbst scharf kritisierten Social Media-Plattformen, – dass führende Köpfe aus dem Silicon Valley reagieren. Facebook-Chef Mark Zuckerberg kommentierte den jüngsten Rückgang der Nutzungsdauer im Netzwerk: Dies sei gar nicht so schlimm, es gehe doch nur um das Wohl der Nutzer. Noch perfider ging Apple-Chef Tim Cook vor, der dem britischen „Guardian“ mit Blick auf seinen Neffen und andere Kinder sagte: „Es gibt manche Dinge, die ich nicht erlauben würde. Ich möchte nicht, dass sie ein soziales Netzwerk nutzen.“ Ein verbales Foul an der Konkurrenz.

Die wirklichen Kritiker um Tristan Harris und Justin Rosenstein lassen sich davon nicht blenden. Sie fordern die Tech-Konzerne auf, das Design ihrer Angebote so zu verändern, dass die Suchtgefahren für die Nutzer sinken. Blinkende Statusmeldungen, grelle Farben und andere Aufmerksamkeit erzeugende Tricks stehen in ihrem Visier. Das Center for Humane Design wirbt zudem bei umworbenen Fachkräften darum, nicht sofort dem Lockruf des Geldes zu folgen und bei der Jobwahl darauf zu achten, ob das Geschäftsmodell des künftigen Arbeitgebers der Gesellschaft wirklich nutzt. Die Politik solle den Schutz der Verbraucher verbessern und Druck auf die Firmen ausüben.

Nach der digitalen Revolution made in Kalifornien schlägt die Stunde der Konterrevolutionäre. Die Skeptiker wollen den Konzernen das aufzeigen, was diese am meisten fürchten: die Grenzen ihres Wachstums.

Fakten zu den großen Tech-Konzernen

Diese Konzerne stehen im Fokus

Facebook Das größte soziale Netzwerk der Welt, derzeit mit mehr als zwei Milliarden aktiven Nutzern. Zu Facebook gehören auch Instagram und WhatsApp. Konzernchef Mark Zuckerberg stand wegen Änderungen im sogenannten Newsfeed der Plattform zuletzt stark in der Kritik.

Google Größte Suchmaschine der Welt – im Dezember 2017 entfielen knapp 70 Prozent aller Suchanfragen auf Desktop-PCs auf Google, bei mobilen Geräten war der Konzern noch erfolgreicher. Google-Mutterkonzern Alphabet erwirtschaftete 2017 einen Umsatz von mehr als 90 Milliarden Euro.

Amazon Das Unternehmen mit Sitz in Seattle ist ein Online-Versandhaus, das mittlerweile mit Zukäufen wie der amerikanischen Bio-Supermarktkette Whole Foods auch immer stärker in die reale Welt vordringt. Weltweiter Umsatz 2017: 145 Milliarden Euro

Apple Das legendäre Unternehmen mit Sitz in Cupertino sticht unter den vier genannten Unternehmen heraus. Apple verdient das meiste Geld mit Hardware – mit hochpreisiger Hardware, wie iPhones, iPads und Mac-Desktopcomputern.

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