Nach Interview zu Stuttgart 21 Kritik an Aussagen des Architekten Ingenhoven

Von , Tom Hörner und  

Der Name Christoph Ingenhoven ist untrennbar mit dem Projekt Stuttgart 21 verbunden. Seine aktuellen Aussagen zu Stuttgart polarisieren.

Architekt Christph Ingenhoven bei der S-21-Grudnsteinlegung im Jahr 2016. Foto: dpa
Architekt Christph Ingenhoven bei der S-21-Grudnsteinlegung im Jahr 2016. Foto: dpa

Stuttgart - Kaum ein gutes Haar hat der Architekt Christoph Ingenhoven in einem Interview mit dem „Spiegel“ an Stuttgart gelassen. Die Bahn hat ihn dafür schon scharf kritisiert. Doch es gibt noch weitere Passagen in dem Interview, die Widerspruch hervorrufen.

Technikfeindlich? Keine Spur

In Stuttgart, lobt Architekt Christoph Ingenhoven beispielweise, gebe es die weltbesten Tragwerksplaner und Bauphysiker. Aber eben auch Leute, die eine ausgeprägte Technikskepsis vertreten und „die nur verhindern wollen“. Und der Architekt hat sogar eine Erklärung dafür: „Der Pietismus hat eine Mentalität hervorgebracht, die nicht nur friedlich und offen ist.“

Außerdem: Sehen Sie die zehn wichtigsten Fakten zu Stuttgart 21 im Video:

Der evangelische Stadtdekan Søren Schwesig ist mit dieser Auffassung nicht einverstanden. Speziell im Protest gegen Stuttgart 21 kann Schwesig „keine pietistisch untermauerte Haltung“ erkennen. Dass das Thema immer wieder „religiös überhöht“ worden sei und auf der Seite der Projektgegner sogar Gottesdienste gefeiert worden seien, habe er „immer bemängelt“, sagt der Stadtdekan. Sollten vom Pietismus geprägte Menschen in Sachen Stuttgart 21 aktiv gewesen sein, dann auf beiden Seiten, ist Søren Schwesig überzeugt.

Von Technikfeindlichkeit könne im Falle des Pietismus schon gar keine Rede sein. Es habe viele von dieser Glaubensrichtung geprägte Pfarrer gegeben, die daneben in Technik und Wirtschaft aktiv waren. Als Prototyp des pietistische geprägten Theologen und schwäbischen Tüftlers gilt ihm Philipp Matthäus Hahn (1739 bis 1790), der nicht nur die Neigungswaage, astronomische Uhren und eine Rechenmaschine entwickelt hat. „Hahn hat die Grundlagen für die Industrie in Württemberg gelegt“, sagt der Stadtdekan. So gilt der tüftelnde Theologe als Begründer der Feinmechanikindustrie im Zollernalbkreis. Schwesig: „Viele mittelständische Unternehmen sind aus pietistischen Familien herausgewachsen.“ Typisch für den Pietismus sei, „dass der Glaube Tat werden soll“, sagt Søren Schwesig. „Diese Haltung hat die Menschen im armen Württemberg zu fleißigen Tüftlern gemacht.“ Dies habe sich auch in der Armenfürsorge gezeigt, wo sogar Firmen gegründet worden seien, um Arbeitsplätze für Arme und Waisen zu schaffen. Allenfalls in einem Punkt habe Christoph Ingenhoven „nicht ganz unrecht“, findet der evangelische Stadtdekan, der selbst nicht pietistisch geprägt ist. Denn tatsächlich habe der Pietismus eine „gewisse obrigkeitskritische Haltung“ hervorgebracht. Diese habe sich daraus ergeben, dass der Einzelne in Glaubensfragen selbst Bescheid wissen sollte „und die Gemeinde entscheidet, ob die Predigt des Pfarrers auch biblisch ist“, sagt Søren Schwesig. „Die Gemeinde wollte mitreden“, erklärt der Stadtdekan. „Aber das ist für die Entwicklung ja eher gut.“

Überspitzter Hinweis

Auf den Vorwurf von Christoph Ingenhoven, dass Stuttgart unattraktiv sei und die Politik seit Jahrzehnten nichts dagegen tue, entgegnet Stuttgart-Marketing-Chef Armin Dellnitz: „Ich verstehe die Bemerkung von Herrn Ingenhoven als einen überspitzten Hinweis darauf, die großen Chancen, die Stuttgart in den nächsten Jahren hinsichtlich eines städtischen Wandels hat, auch optimal zu nutzen. Stuttgart wird medial zu häufig in Verbindung gebracht mit den Themen Stau, Verkehr, Feinstaub. Ganz ohne Frage ist dies imagebelastend und für die Stadt nicht unproblematisch.“

Man sollten aber nicht vergessen, dass sich Stuttgart insbesondere in den vergangenen zehn Jahren gut entwickelt habe. Die Stadt habe deutlich an Attraktivität gewonnen. Beispielsweise mit den beiden Automobilmuseen, einem exzellenten Kulturangebot und dem zweitgrößten Musicaltheater Deutschlands bewege sich die Landeshauptstadt in der touristischen Oberliga, sagt Dellnitz. Dies lasse sich leicht belegen:

„Mit über 20 000 Gästebetten, über 3,7 Millionen Übernachtungen und einem dynamischen Zuwachs an Hotelbetten sprechen die Zahlen eine deutliche Sprache. Richtig ist aber auch, dass der Wettbewerb unter den Städten groß ist. Viele Städte sind sehr engagiert, profilieren sich mit herausragenden Angeboten und werden damit zunehmend interessanter. Stuttgart ist aufgefordert, sich diesem Wettbewerb zu stellen und muss alles dafür tun, seine Lebens- und Aufenthaltsqualität nachhaltig zu verbessern.“ In Zusammenhang mit der Fertigstellung von Stuttgart 21 ergeben sich laut Dellnitz große Chancen, das zentrale Thema der Mobilität in einer Großstadt neu zu erfinden. Zusätzliche Fläche könnten zukunftsweisend gestaltet werden. Das seien großartige Perspektiven, die dazu führen können, dass Stuttgart beispielhaft werden kann für innovative innerstädtische Lösungen im Bereich Mobilität, Wohnen, Leben und Wohlfühlen. Der Tourismuschef ergänzt: „Diese Chancen sind von der Politik erkannt worden. Nun bleibt zu hoffen, dass parteiübergreifend daran gearbeitet wird, mit sehr mutigen Entscheidungen die Ziele schnellstmöglich zu erreichen. Eine große Bereitschaft aus allen Teilen der Bevölkerung, daran mitzuarbeiten, ist vorhanden.“

IHK: Stuttgart ist attraktiv

Dass die Region Stuttgart und die Stadt nicht attraktiv seien, glauben die großen Unternehmen in der Landeshauptstadt nicht: „Die Region Stuttgart hat eine innovative Industrielandschaft, exzellente Universitäten und Forschungseinrichtungen“, sagt eine Sprecherin des Technologiekonzerns Bosch. Mit vielen dieser Einrichtungen gebe es Kooperationen. Das Unternehmen habe einen hohen Bedarf an Fach- und Führungskräften und beschäftige schon heute mehr als 20 000 Softwareentwickler. Erst vor wenigen Wochen sei in Stuttgart-Feuerbach ein IT-Campus eröffnet worden, an dem mehr als 2000 Mitarbeiter tätig seien. Auch Daimler ist nicht der Meinung, es sei besonders schwer, talentierte Mitarbeiter nach Stuttgart zu bekommen: „Wir bekommen jedes Jahr allein in Deutschland eine sechs­tstellige Zahl an Bewerbungen“, meint ein Sprecher. Und unter diesen seien „tausende Talente aus der ganzen Welt, die sich auf Jobs in und um Stuttgart bewerben.“ Mehr als 140 000 Bewerbungen gibt es jedes Jahr bei Porsche, darunter 6000 für 200 Ausbildungsplätze. „Diese Zahlen sprechen für Porsche als Arbeitgeber, sie sprechen aber auch für Stuttgart und seine Region,“ sagt ein Sprecher der Sportwagenschmiede: Diese Attraktivität zu erhalten sei aber „eine ständige Herausforderung“.

Wie schön Stuttgart unter städtebaulichen Gesichtspunkten sei, „ist Geschmackssache“, heißt es bei der Industrie und Handelskammer (IHK) Region Stuttgart. Tatsache sei aber, dass die wachsende Zahl an Beschäftigten und der Zuzug aus anderen Gegenden „für diese Stadt als attraktiven Ort zum Arbeiten und Leben sprechen“. Im Wettbewerb mit anderen Metropolen müsse Stuttgart aber mithalten können. Dies gelte für den Ausbau des Öffentlichen Personennahverkehrs ebenso wie für die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum.

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