Die wohnungspolitischen Hoffnungen Stuttgarts ruhen nicht zuletzt auf dem Rosensteinviertel, das auf den durch Stuttgart 21 frei werdenden Gleisflächen entstehen soll. Nun liegt ein Rahmenplan vor – der mittlerweile dritte. Aus dem Gemeinderat, aber auch von Verbänden gibt es Kritik. Baubürgermeister Peter Pätzold (Grüne) sagt im Interview, wo er noch Spielraum sieht und welche Einwände er nicht nachvollziehen kann.
Herr Pätzold, was war am 24. Juli 1997?
Das weiß ich nicht.
An diesem Tag wurde im Gemeinderat der Rahmenplan des Büros Trojan & Trojan für die Gleisflächen beschlossen. 2005 wiederholte sich der Vorgang mit einem Entwurf des Büro Pesch. Und nun soll der Gemeinderat ein drittes Mal einen Rahmenplan absegnen. Wie viele braucht es noch?
Nur noch einen, nämlich den aktuellen von asp Architekten und Stadtplaner und Koeber Landschaftsarchitektur.
Und der wird am Ende umgesetzt?
Das ist die Grundlage für alle Planungen, die folgen. Und wir sind ja auch schon in der Umsetzung. Die Maker City, also das Gebiet C 1 bei den Wagenhallen, planen wir auf dieser Grundlage.
Ist ein Grund für die Vielzahl an Planungen die Unsicherheit, wann die Gleisflächen tatsächlich zur Verfügung stehen?
Vom Plan von Trojan & Trojan blieb ja immerhin das Europaviertel übrig, das auch umgesetzt wurde. Viel von der langen Planungszeit erklärt sich aber aus der Geschichte von Stuttgart 21 und den Irrungen und Wirrungen, die damit verbunden sind.
Die lange Wartezeit hat offensichtlich nicht gutgetan. Kritiker wie der Mieterverein monieren, in der Zwischenzeit seien von ursprünglich 7500 geplanten Wohnungen nur 5000 übrig geblieben. Woran liegt diese Schrumpfkur?
Eine Klarstellung, die Zahl 7500 bezieht sich nicht nur auf die Gleisflächen, sondern auf das gesamte Gebiet inklusive Bereiche am Rande des Nordbahnhof- und Europaviertels, wo viele neue Wohnungen in verschiedenen Projekten entstehen. Wie viele Wohnungen im Rosensteinviertel insgesamt entstehen, hängt von jedem einzelnen Wohnungsbauprojekt ab, der Gebäudetypologie, dem Wohnungsmix und den Größen der Wohnungen. Außerdem braucht das Viertel auch Schulen, Kitas, Infrastruktur, Freiflächen, die waren in früheren Planungen nicht vorgesehen.
Gibt das Areal nicht mehr her, wenn man dichter und höher baut, als es im Rahmenplan vorgesehen ist?
Die vorgesehene Dichte ist schon sehr hoch. Wir berechnen gerade, ob die Verschattung durch die Gebäude nicht schon zu groß ist. In dem Gebiet gehen wir von mindestens fünf, eher sechs bis sieben, teilweise neun bis zehn Geschossen bei den Häusern aus. Das ist in Stuttgart mit dem Westen vergleichbar. Das macht unser neues Arbeitsmodell, das seit Kurzem im Ausstellungsraum Rosenstein in der Eichstraße steht, deutlich. Man sieht gut, wie sich das Rosensteinquartier bei der Dichte etwa vom bestehenden Nordbahnhofviertel absetzt – da sehen die Häuser am Nordbahnhof richtig klein aus.
Trotzdem gibt es Kritik nicht zuletzt aus dem Gemeinderat an den Plänen.
Ich habe mit den angesprochenen Themen wie Wohnungszahl und Topografie des Viertels gerechnet. Die haben wir intensiv mit Bürgern und Stadträten in den Workshops besprochen. Am Ende des Verfahrens ist es der Gemeinderat, der entscheidet. Wie es der Name schon nahelegt: Der Rahmenplan gibt einen Rahmen vor. Was konkret entsteht, legen die noch aufzustellenden Bebauungsplänen fest. Das wird aber eine spannende Diskussion werden. Es gibt zwei Anträge aus dem Gemeinderat zum Thema Stadtklima und Dichte. Der eine sagt, wir sollen mehr und dichter bauen, und der andere sagt, wir sollen gar nicht bauen.
Einer der Kritikpunkte bezieht sich auf die heute noch bestehende Kante zwischen Gleisflächen und Unterem Schlossgarten. Wird dort im Sinne der Durchlässigkeit zu wenig an der Topografie gearbeitet?
Unser Ziel ist es natürlich, den Zugang zum neuen Viertel von dieser Seite so leicht wie möglich zu machen. Wir schleifen die angesprochene Kante. Aber es macht einen Unterschied, ob man 500 000 Tonnen Erde bewegt oder 1,2 Millionen Tonnen. Das dauert länger, der Aufwand ist größer, und ob zum Beispiel 22 000 Lastwagen oder mehr als das Doppelte mit dem Aushub durch die Stadt fahren, ist ein ganz beträchtlicher Unterschied. Wir wollen ein CO2-neutrales Viertel. Der massive Aushub würde dem Projekt einen erheblichen CO2-Rucksack mitgeben. Im ursprünglichen Entwurf war vorgesehen, dass das ganze Quartier auf einer schiefen Ebene steht. Seit der Überarbeitung ist das eher eine Ebene mit dezentem Gefälle, dafür muss man dann zum Park hin einen größeren Höhenunterschied hinnehmen, der dennoch mit barrierefreien Wegebeziehungen überwunden werden kann. Das alles ist eine Abwägung, die am Ende der Gemeinderat entscheidet.
Der sogenannte Gleisbogenpark, eine gekrümmte Grünfläche, die sich durchs Rosensteinquartier ziehen soll, wird in seiner Dimension infrage gestellt. Können Sie sich da nochmals Änderungen vorstellen?
Für den geforderten Eingriff habe ich kein Verständnis. Der Park ist der zentrale Baustein, der im Wettbewerb den Ausschlag für den siegreichen Entwurf gegeben hat. Er ist ein verbindendes grünes Element, und in einem zentralen Bereich auf Höhe der neuen S-Bahn-Haltestelle Mittnachtstraße wird der Damm geschliffen und damit durchlässig. Bei der Öffentlichkeitsbeteiligung zum Rahmenplan haben sich die Bürger hier sogar noch mehr Grün gewünscht. Wir brauchen den Park auch als Ausgleichsfläche für den Artenschutz, Spielflächen und die Radwegeverbindung in den Norden.
Ist der Rahmenplan zu unverbindlich?
Der Rahmenplan hat keine gesetzliche Bindung. Er setzt für Politik und Verwaltung den Rahmen. Der rechtsverbindliche Plan ist am Ende der Bebauungsplan. Unser Ziel ist es, dass der Rahmenplan anpassbar ist und atmen kann. Denn wir werden das Areal sicherlich nicht innerhalb von drei Jahren entwickeln. Das dauert länger.
Bebauungspläne fallen nicht über Nacht vom Himmel. Angeblich dauern sie in Stuttgart besonders lange. Droht dem Rosensteinviertel von dieser Seite Verspätung?
Wir rechnen mit ca. drei Jahren für die Bebauungspläne. Wenn alles ohne große Einsprüche etc. glatt läuft. Das ist nicht langsamer als anderswo. Wir haben mit der eigens eingerichteten Abteilung Rosenstein beim Amt für Stadtplanung und Wohnen gezeigt, wie wichtig uns das Projekt ist.
Bleibt es bei der Abteilung, oder übernimmt eine Projektgesellschaft die Geschäfte?
Es wird sicherlich eine besondere Struktur geben müssen für die Entwicklung des Areals, wie die ausschauen kann, untersuchen wir gerade mit externer Unterstützung.
Und wann hat diese Projektgesellschaft ihre Aufgabe erledigt?
Das ist eine gute Frage. Wir gehen optimistisch davon aus, dass wir 2029 mit den ersten Bauten beginnen können, wobei wir bei der Fläche C1 früher dran sind. Es wird wohl auf eine Entwicklungszeit von zehn Jahren hinauslaufen – wenn nicht noch mehr.