Die Netztochter der Deutschen Bahn schneidet Gehölz an Bahnstrecken nur ungenügend zurück, sagen Kritiker. Aus einem internen Papier geht hervor, dass auch die Bahn erhebliche Defizite sieht.

Berlin - Die Deutsche Bahn (DB) ist in weit größerem Umfang als bisher bekannt für Unfälle, Störungen und Verspätungen im Schienenverkehr verantwortlich. Vor allem die mangelnde Instandhaltung der bundeseigenen Strecken durch die zuständige DB Netz führt seit Jahren zu massiven Beeinträchtigungen und Risiken für Fahrgäste. Das belegen Unterlagen und Angaben der Bundesregierung, die der Stuttgarter Zeitung vorliegen.

Allein 2013 gab es demnach bundesweit rund 2000 Unterbrechungen im Bahnverkehr wegen Bäumen, die auf Gleise gestürzt waren. Das räumte das Bundesverkehrsministerium schon vor einiger Zeit in der Antwort auf eine Anfrage des Bahnexperten der Grünen, Matthias Gastel, und weiterer Bundestagsabgeordneten ein. In mindestens 38 Fällen kam es wegen umgestürzter Bäume zu meldepflichtigen Zugkollisionen, bei denen größere Schäden entstanden oder sogar Personen verletzt wurden. 2014 meldete die DB weitere 20 größere Baum-Unfälle an die Aufsichtsbehörde, wie nun eine erneute Anfrage der Grünen ergab (siehe Infokasten).

Experten kritisieren, dass der Konzern nicht nur die Wartung von Gleisen und Bahnhöfen, sondern auch die Vegetationskontrolle entlang des 34 000 Kilometer langen Schienennetzes seit mehr als einem Jahrzehnt systematisch vernachlässige, um Kosten zu sparen. Die DB weist solche Vorwürfe zwar offiziell kategorisch zurück, in internen und vertraulichen Unterlagen der Konzernspitze werden gravierende und fortbestehende Mängel aber offen eingeräumt. So heißt es im Sanierungskonzept „Zukunft Bahn“ von DB-Chef Rüdiger Grube, das derzeit auch den DB-Aufsichtsrat beschäftigt, auf Seite 19 wörtlich: „Trotz Vegetationsprogrammen verursachen Bäume im Gleis oder in der Oberleitung heute noch viel zu oft Streckensperrungen.“ Eine Folge davon: voriges Jahr kam jeder vierte DB-Fernzug mit mehr als sechs Minuten Verspätung ans Ziel. Zur Verbesserung soll nun in 111 besonders betroffenen Abschnitten der Bewuchs weiträumiger gekappt werden, um das Umstürzen von Bäumen auf Gleise „in sicherheitsrelevanten Bereichen wirksam zu verhindern“.

Die Schweiz macht vor, wie es geht

Bahnexperte Gastel sieht darin das Eingeständnis der DB-Spitze um Grube und den zuständigen Netzvorstand Volker Kefer, „dass dieser Bereich in der Vergangenheit zusehends vernachlässigt wurde“. Eine nachhaltige Vegetationskontrolle wie in der Schweiz sei überfällig. In der Alpenrepublik wird Gehölz entlang der Strecken wenn möglich so weit entfernt und gekappt, dass auch bei den sich häufenden Stürmen und Unwettern kein Zug auf einen umgestürzten Baum prallen und Reisende gefährden kann. Ein sicherer und pünktlicher Bahnbetrieb, mahnt Gastel die DB, sei „kein Gnadenakt für den Fahrgast“, sondern grundlegende Voraussetzung für das Wachstum des Schienenverkehrs.

Erschreckt hat den Experten, dass der Bund und seine Aufsichtsbehörden offenkundig nur wenig über den Zustand des Netzes und die Instandhaltung durch die DB wissen. Das zeigten die spärlichen Antworten auf die bohrenden Fragen der Abgeordneten zur Sicherheit im Bahnverkehr.

Im Bundesverkehrsministerium von Alexander Dobrindt (CSU) sieht man bislang aber offenbar keinen Handlungsbedarf. Die Instandhaltung des Schienennetzes sei Aufgabe der DB, heißt es in der Antwort der Bundesregierung. Dazu gehöre die Vegetationskontrolle, die wiederum vom Eisenbahn-Bundesamt auf Streckenfahrten „planmäßig überwacht“ werde. Bei Sturmwarnungen dürfe in gefährdeten Abschnitten seit 2012 zudem nur noch maximal Tempo 80 gefahren werden. Die DB Netz sei verantwortlich für „ein bundesweites Programm zur Grunddurcharbeitung und veränderter Pflege der Vegetation“.

Kritiker hegen einen weiteren Verdacht

Die Vermutung, dass der Bund und damit der Steuerzahler systemwidrig auch die Vegetationsprogramme entlang der Gleise finanzieren, weist das Ministerium zurück. Hier handle es sich um Instandhaltung, die von der DB Netz mit Eigenmitteln zu tragen sei. Kritiker hegen den Verdacht, dass der Konzern wie in anderen Netzbereichen die laufende Wartung und Pflege vernachlässigen und durch periodische große Instandsetzungen ersetzen könnte, die dann der Bund gemäß der Leistungs- und Finanzierungsvereinbarung mit dem Unternehmen bezahlen müsste.

Viele Unfälle bei der Bahn

Vorwurf
Die Bahn ist viel sicherer als Auto, Bus, Rad oder Flugzeug. Doch seit der Bahnreform und dem missglückten Börsengang mehren sich Hinweise, dass die nach dem Aktienrecht agierende Deutsche Bahn AG ihre Renditen auch auf Kosten der Sicherheit trimmt. Allein zwischen Januar 2012 und Mitte 2014 hat das Eisenbahn-Bundesamt (EBA) mehr als 120 Verfahren wegen „schwerwiegender Verletzungen von Sicherheitsanforderungen durch DB-Unternehmen“ gegen den Konzern geführt und „sofortige Vollziehung“ angeordnet, zumeist Streckensperrungen wegen Unfallgefahr durch Mängel im Netz. Das bestätigte die Bundesregierung nach einem SWR-Bericht vor einiger Zeit.

Beispiel
So entging zum Beispiel Düsseldorf im Juli 2013 nur knapp einer Katastrophe, als ein 232 Meter langer Gefahrentransport mit zwölf Gaskesselwagen und 1000 Tonnen Ladung im Stadtteil Derendorf entgleiste und ganze Stadtviertel wegen akuter Explosionsgefahr gesperrt werden mussten. Ursache: marode Bahnschwellen, die bis zu 60 Jahre alt waren und die Stahlgleise nicht mehr hielten. Laut dem EBA-Unfallbericht hatte die DB Netz die Anlagen ein Jahr zuvor kontrolliert. Doch für die Inspektion des 5,3 Kilometer langen Abschnitts ohne Hilfsmittel waren nur 127 Minuten veranschlagt. Die Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen gegen Verantwortliche der DB Netz AG ein.

Vorfälle
Auch die häufigen Zugkollisionen mit Bäumen in den letzten Jahren blieben der breiten Öffentlichkeit fast verborgen, sind aber alarmierend. 2014 wurden bei den gemeldeten 20 größeren Unfällen laut DB zwei Personen leicht verletzt, 2013 gab es bei 38 Aufprallen den Angaben zufolge einen Schwerverletzten. Die Sachschäden gehen in die Millionen, in vielen Fällen macht die DB keine Angaben. Viele der allein 2000 Störungen durch umgestürzte Bäume, die 2013 erfasst sind, müssen gemäß den Vorschriften zu gefährlichen Ereignissen im Bahnverkehr dem EBA nicht gemeldet werden.

Plan
Auf 111 Abschnitten, wo es besonders viele Störungen gibt, soll die Vegetation laut dem DB-Konzept „Zukunft Bahn“ auch entlangder Gleise nach dem aufwendigeren V-Profil und nicht mehr nach dem U-Profil gekapptwerden. Bewuchs an den Strecken darf dannnur noch so hoch werden, dass bei Sturm kein Baum mehr auf die Gleise stürzen kann.