Kritik an der „Tagesschau“ Fade, aber die Quote stimmt

Von Katrin Schuster 

Unattraktiv sei die Hauptnachrichtensendung der ARD, hat Claus Kleber, der Moderator des „heute-journals“, kritisiert. Doch der Unterhaltungskurs des ZDF ist auch keine Lösung.

Die ARD hält an ihrer Form der Nachrichtenpräsentation fest Foto: ARD
Die ARD hält an ihrer Form der Nachrichtenpräsentation fest Foto: ARD

Stuttgart - Claus Kleber wusste wohl genau, was er da sagte. Seit immerhin zehn Jahren moderiert er das „heute-journal“, mit der Öffentlichkeit und deren rhetorischen Spielregeln kennt er sich also bestens aus. Erst vor einer guten Woche hatte Kleber in der „Zeit“ die ARD-„Tagesschau“ wegen ihrer arg nüchternen Haltung als „überlebtes Konzept“ bezeichnet; nun trat er während einer Veranstaltung im Waiblinger Bürgerzentrum noch einmal nach – und rückte damit die „Waiblinger Kreiszeitung“ ins Zentrum der überregionalen Medienaufmerksamkeit. Dort nämlich wurden seine Sätze über Nachrichtensendungen zitiert, die nun Aufregung bereiten oder wenigstens bereiten sollen.

Angesprochen auf seine „Tagesschau“-Kritik erklärte Kleber: „Die ,Tagesschau‘ ist weiterhin der Goldstandard in diesem Bereich. Aber ich sage auch, das ­trockene Nachrichtenablesen gibt es heutzutage nur noch um 20 Uhr und im koreanischen Fernsehen.“ Der topografisch unglücklich ungenaue Vergleich – meint er nun süd- oder nordkoreanische Nachrichten? – wurde vom Boulevard ganz richtig verstanden. „Kleber vergleicht ,Tagesschau‘ mit Nordkorea“ titelten „Focus“ und „Bild“ unisono. Überhaupt ist die Parallele populistisch geschickt gezogen, da eine allererst ästhetische Kritik am „trockenen Nachrichtenablesen“ eine inhaltliche Dimension erhält, die sich fröhlich gemein macht mit dem antiautoritären Widerstand gegen die sogenannten Mainstreammedien, die quasi diktatorisch die Themen des Tages bestimmten und anderes mutwillig außen vor ließen. In ein ähnlich populistisches Horn stieß Marc Bator, der vor Kurzem von der „Tagesschau“ zu den Sat-1-Nachrichten gewechselt hat. Seinen neuen Job begreift er als „journalistischer“, weil er nun nicht mehr nur sprechen, sondern auch erklären darf. „Bei der ,Tagesschau‘“, so Bator, „gab es manche Meldung, da wusste ich: Die versteht eben nicht jeder.“

Dialogflügel sollen es richten

Der Zusammenschnitt des täglichen Weltgeschehens auf die fünfzehn Minuten einer Nachrichtensendung oder eben die vierzig Seiten einer Tageszeitung empfindet vor allem die jüngere Generation, so heißt es, als merkwürdig oder gar sinnlos angesichts der gleichsam unendlichen und vor allem viel schnelleren Verfügbarkeit von Nachrichten im Internet, sei es auf Twitter oder Facebook, sei es in den Live­tickern der verschiedenen Online-Portale. Selbst mit der profunden Ausbildung und der eigenen Seriosität können Journalisten oft nicht mehr argumentieren, da das Netz eine Transparenz schafft, durch die alle Fehler, auch und gerade die der Öffentlich-Rechtlichen, über kurz oder lang ihren Richter finden. ARD und ZDF müssen immerhin nicht wie Privatsender oder Zeitungen direkt um den Etat fürchten, wenn das Publikum abwandert. Aber ohne nennenswerte Quote sollten natürlich weder „heute“ noch „Tagesschau“ am Ende des Tages dastehen.

Beim ZDF hat man deshalb 2009 ein virtuelles Studio mit „Dialogflügel“, „Talkecke“ und „Erklärraum“ eingerichtet, seither wird noch eifriger und individueller moderiert als ohnehin schon. Darauf ist man schließlich seit je stolz: dass bei den ZDF-Nachrichten ein „Redakteur im Studio“ ist – statt, wie bei der ARD, „nur“ ein Sprecher, der zwischen Einspielern und Korrespondentenberichten möglichst unbewegt die Meldungen des Tages verliest.

Auch im Netz hat die ARD die Nase vorn

Die neue Unterhaltsamkeit der ZDF-Nachrichten ist jedoch nicht nur optischer Natur, wie man etwa am Donnerstag erneut beobachten konnte: Während die „Tagesschau“ das Verfassungsgerichtsurteil über das Ehegattensplitting für eingetragene Partnerschaften zum Topthema erkoren hatte, dem sie sich fünf Minuten lang widmete, berichtete „heute“ annähernd die Hälfte der Sendung über die Überschwemmungen in Deutschland. Große Neuigkeiten gab es da nicht zu verkünden, jedoch konnten multiple „dramatische Situationen“, allerlei unwägbare Gefahren sowie eine „riesige Flutwelle“ und, ja, „so etwas wie Tsunami“ beschworen werden. Muss wirklich so das Gegenteil vom „trockenen Nachrichtenablesen“ aussehen? Immerhin bemühte man nicht die 3-D-Tools, um Deutschland virtuell zu überfluten.

Was Kleber dezent unerwähnt ließ, aber sich hier nachtragen lässt: Die „Tagesschau“ mag vielleicht ästhetisch fade daherkommen, doch glaubt man der Quote, dann wird dieses Auftreten goutiert. Was auch daran liegen könnte, dass es der „Tagesschau“ deutlich besser als „heute“ gelungen ist, die eigene Marke gerade auch im Netz zu etablieren. Die „Tagesschau“ hat nicht ihr Studio, sondern ihre Homepage mit „Dialogflügeln“ und „Talkecke“, heißt: mit einem lesenswerten Blog ausgestattet, in dem vertieft und diskutiert wird.

Die neue Unterhaltsamkeit

In diesem Blog – und eben nicht in der „Bild“ oder der „Zeit“ – nahm der ARD-aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke denn auch Stellung zu dem Medienaufreger: „Seit eineinhalb Tagen werde ich von Journalisten mit der Frage bedrängt, Herr Gniffke, was sagen Sie zu den Äußerungen von Claus Kleber, die ,Tagesschau‘ habe sich überlebt? Zuerst einmal habe ich dazu gar nichts gesagt, weil wir auch sonst noch genug zu tun haben.“ Er sagte dann natürlich doch noch etwas dazu, und zwar mit der gebotenen Unterhaltsamkeit: „Bei uns sieht das so aus (Achtung, jetzt kommt Abteilung dicke Hose): Die ,Tagesschau‘ erreicht 2013 so viele Zuschauer wie die Hauptnachrichtensendung von RTL, ZDF und Sat 1 zusammengerechnet.“ Und das klingt nun wirklich nicht nach koreanischem Nachrichtensprecher, ganz im Gegenteil.