Kritik an Esslingen „Heute ist das anders“: Beobachter urteilen über die Stadt

, aktualisiert am 09.04.2026 - 14:37 Uhr
Esslingen ist eine stolze Stadt, „die lange Zeit nicht wusste, wohin mit ihrem ganzen Selbstvertrauen“. Doch etwas ist passiert. Foto: Roberto Bulgrin

Esslingen zählt sich selbst zu den „schönsten mittelalterlichen Städten Deutschlands“. Aber was ist, wenn jemand auf die Stadt blickt, der hier nicht lebt?

Chefredakteur: Johannes M. Fischer (jmf)

Eine geschickte Führung durch die Altstadt macht eine perfekte Illusion möglich: „Esslingen zählt zu den schönsten mittelalterlichen Städten Deutschlands. Hier erkundet man nicht nur 1200 Jahre Stadtgeschichte und mehr als 600 historische Baudenkmäler, auch die Esslinger Einkaufswelt verspricht erlebnisreiche Shopping- und Genussmomente“, preist das Stadtmarketing ihren Auftraggeber, die Stadt, an. Das ist ihr Job. Wenn aber Journalisten von draußen die Stadt sehen, haben sie einen anderen Job – und erleben auch etwas anderes.

 

„Schaffe, schaffe? Isch over“, titelt Eva Ricarda Lautsch ihren Beitrag in „Die Zeit“. Sie ist keine echte Auswärtige, denn gleich im Einstieg gibt sie sich zu erkennen: Esslingen ist ihre Heimatstadt. Und ihr Artikel im Grunde genommen eine kleine Liebeserklärung: „Esslingen ist für mich die schönste kleine Stadt der Welt.“ Und: „Ich habe trotzdem manchmal Momente, in denen ich gerne hier leben würde.“

Plötzlich sieht vieles gar nicht mehr so schön aus

Manchmal. Trotzdem. Das sind versteckte Signalwort. Die Journalistin lebt schon eine ganze Weile nicht mehr in der Stadt, ist weggezogen, bevor „sich die Sektkellerei Kessler zum Treffpunkt nach dem Wochenmarkteinkauf“ entwickelte. Das war in den 2000er Jahren. Ausreichend zeitliche Distanz also, um die Stadt mit dem Blick von außen zu bewerten. Und plötzlich sieht vieles gar nicht mehr so schön aus, wie es beim Durchblättern einer Touristik-Broschüre erscheint.

Eva Ricarda Lautsch zieht ihren Beitrag unter anderem am Wohnungsthema hoch, eines, das in Esslingen ein Dauerbrenner in der öffentlichen Diskussion ist. Fakt ist: Die Mieten sind wie in der gesamten Region enorm hoch, ein Immobilienkauf ist für junge Menschen, die noch nicht lange im Beruf sind und auch nicht geerbt haben, nahezu unmöglich. Ein Umstand, der nicht gerade anziehend für Menschen wirkt, die sich ansonsten sehr gut vorstellen können, in der Region zu leben und zu arbeiten. Aber was, wenn gut bezahlte Arbeitsplätze gar nicht mehr angeboten werden?

Immobilienmarkt in der Stadt: das Käuferinteresse schwindet

Dann macht sich das auf dem Immobilienmarkt bemerkbar. Zumindest machen die Eltern von Eva Ricarda Lautsch diese Erfahrung: Sie würden gerne ihr Haus verkaufen, weil es ihnen zu groß geworden ist im Alter. Aber das Käuferinteresse ist überschaubar. „Noch vor ein, zwei Jahren suchten einige verzweifelt nach einem Haus. Hätte ich damals herum erzählt, meine Eltern verkaufen ihres, sie hätten viele Anrufe bekommen. Heute ist das anders.“

Esslingen hat eine wunderschöne Altstadt, aber manchmal ist Esslingen auch einfach nur Stadt. Foto: Roberto Bulgrin

Und noch mehr ist anders – nicht „beim Kessler“, wo man sich weiterhin trifft und die gute alte Zeit einfach stehen bleibt. Aber drumherum. Es „stehen in der unmittelbaren Nachbarschaft einst begehrte Ladengeschäfte leer“, bemerkt die Autorin. Und auch die Gefühlslage, so meint Eva Ricarda Lautsch, erfuhr eine Wandlung. „Ich bin in einer Stadt aufgewachsen, die lange Zeit nicht wusste, wohin mit ihrem ganzen Selbstvertrauen.“ Und nun? „Den unerschütterlichen Aufstiegsglauben meiner Schulzeit teilt jedenfalls niemand mehr.“

Gemeinsame Überschrift: „Müll, Leerstand und Jugendgangs“

Die Autoren Reiner Burger und Rüdiger Soldt von der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ („FAZ“) vergleichen Düren, eine fast 100 000-Einwohner-Stadt am Nordrand der Eifel zwischen Aachen und Köln mit Esslingen, das in etwa gleich groß ist. Und finden eine gemeinsame Überschrift: „Müll, Leerstand und Jugendgangs“. Auch hier ein Rückblick auf bessere Zeiten: „Die frühere freie Reichsstadt gehört zu den Städten in Baden-Württemberg, die für das gesamte Land immer imageprägend waren.“ Und auch hier die Beobachtung, „dass viele Ladengeschäfte leer stehen – oder sich Geschäftsleute ansiedeln, die diese Mieten zahlen können, weil sie unseriös sind und den Geschäftsbetrieb für Geldwäsche nutzen.“

Letzteres ist eine gewagte – und auch nicht belegte – These, ebenso die Beschreibung, dass sich im Stadtteil Mettingen „multiethnische Jugendgangs“ breitgemacht haben. Die Autoren beziehen sich vermutlich auf einen Bandenkrieg in der Region, der sich auch, aber nicht nur in Esslingen abspielte und im Sommer 2023 seinen Höhepunkt erfuhr, als ein Mann eine Handgranate auf eine Trauergemeinde warf. Das allerdings passierte in Altbach, nicht in Esslingen. Im Esslinger Stadtteil Mettingen gab es in diesem Zusammenhang 2022 eine Schießerei. Die Täter wurden später ermittelt und verurteilt.

Statistiken und Videos: Einstimmung im Rathaus

Dennoch: Der Blick aller Autoren wandert vom Schönen zum weniger Schönen, und interessanterweise heben die Autoren sowohl der „Zeit“ als auch der „FAZ“ ein eigentlich unerhebliches, aber möglicherweise doch nicht ganz unwichtiges Detail hervor. Sie beschreiben, wie im Rathaus beim Besuch des Oberbürgermeisters schmucklose Statistiken und Dokumente an die Wand geworfen werden. Anschließend führt Matthias Klopfer – seit 2021 Oberbürgermeister der Stadt – die Besucher zum leer stehenden Kaufhaus Kögel, das nach dem Willen des Rathauses Bücherei werden sollte, aber aufgrund eines Bürgerentscheids nun doch nicht wird.

Von dort geht die Tour in Richtung Bahnhof. „Handyshops, Friseurläden, ein Bubble-Tea-Shop, heruntergekommene Kneipen: Einladend wirkt keines der Geschäfte“, schreiben die „FAZ“-Autoren.

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