Kritik an Landeskirche Protestanten kämpfen für ihre Pfarrstellen

Von Armin Friedl 

Der Protest gegen den Pfarrplan 2024 der evangelischen Landeskirche nimmt zu. Etwa 13 Prozent der Pfarrerstellen sollen in den nächsten sechs Jahren in Württemberg gestrichen werden.

Mitte November haben die Mittelfischacher vor dem evangelischen Oberkirchenrat in Stuttgart protestiert. Foto: Lichtgut
Mitte November haben die Mittelfischacher vor dem evangelischen Oberkirchenrat in Stuttgart protestiert. Foto: Lichtgut

Stuttgart - Die Ober- und Mittelfischacher aus dem Dekanat Gaildorf (Kreis Schwäbisch Hall) lassen sich nicht unterkriegen: Bereits Mitte November sind sie nach Stuttgart in die Gänsheidestraße gefahren, um dort vor dem Gebäude des evangelischen Oberkirchenrats zu demonstrieren. Sie kämpfen um den Erhalt der Pfarrstelle in ihrer Gemeinde. Seitdem hat sich nichts getan in dieser Sache, deshalb machen sie sich am Freitagvormittag nochmals auf den Weg.

Offenbar wachsen der Unmut und der Widerstand gegen Beschlüsse der Kirchenleitung: In Korntal (Kreis Ludwigsburg) haben sich die Gläubigen mit Kerzen in der Hand vor ihrer Christuskirche aufgestellt, ein Lied singend, in Herrenberg (Kreis Böblingen) hat sich ein Arbeitskreis aus Pfarrer und Laien gebildet, ähnlich funktioniert die in Marbach am Neckar (Kreis Ludwigsburg) gegründete Denkfabrik.

Bis 2030 sind weitere StellenKürzungen geplant

Der Anlass ist der sogenannte Pfarrplan der württembergischen Landeskirche. Konkret steht darin: „2024 wird sich die Zahl der Pfarrstellen von 1666 um 220 auf 1446 verringert haben. Insgesamt fallen bis 2024 somit 13,2 Prozent der Pfarrstellen weg. In den sechs Jahren des Pfarrplans 2024 werden 497 Pfarrerinnen und Pfarrer in den Ruhestand gehen.“ Damit dieser Pfarrplan eingehalten wird, gibt es einen Plan für 2017 sowie für 2018, in denen der Weg dorthin beschrieben wird. Und in einer Fortschreibung des Pfarrplans bis 2030 sind weitere Kürzungen vorgesehen.

Für sich gesehen mögen die Zahlen, die diesem Pfarrplan zugrunde liegen, sowie die Schlussfolgerungen daraus schlüssig sein. Was sich darin jedoch nicht widerspiegelt, sind das Leben und das Engagement in den Gemeinden vor Ort. Und das meldet sich nun umso vehementer.

Alfred Retzlaff, der zweite Vorsitzende des Mittelfischacher Kirchengemeinderats – er organisiert die Proteste der Gemeinde in Stuttgart – fällt es schwer, Sätze zu sagen wie: „Die da oben sind doch keine frommen Leute mehr. Denen geht es doch nur noch um ihr Geld. Ich bin jetzt 70, ich mache diesen Protest nicht für mich, sondern für die Kinder und unsere Enkel. Wir haben als einzige Gemeinde in unserem Dekanat noch Angebote für junge Leute.“

Kirchenmitglieder kritisieren die Zahlenspiele

Seit dem Protest in Stuttgart haben der Kirchengemeinderat und die Bezirkssynode getagt. Retzlaff kommentiert Ersteres mit „dazu sage ich nichts, das war nicht-öffentlich“, zur Synode sagt er: „Da wurde unser Anliegen ganz nach hinten geschoben, damit kaum noch Zeit bleibt.“ Geblieben sind für ihn nicht akzeptable Zahlenspiele wie: „500 Leute sollen einer anderen Gemeinde zugegliedert werden. Nicht nur in der Verwaltung, sondern auch im regulären Kirchgang.“ Retzlaff: „Schon zuletzt wurde unsere Gemeinde von zwei vollen Stellen auf eine herabgestuft. Jetzt auf null herunterzufahren, geht christlich nicht. Das wäre das Ende unseres kirchlichen Lebens.“ Mit knapp 1000 Mitgliedern seien die Mittel- und Oberfischacher die größte Gemeinde im Dekanat, die Zusammenlegung mit der Nachbargemeinde Geifertshofen – die kleinste – würde jeden Pfarrer überfordern, so Retzlaff.

Ähnlich ist es in Korntal. Dort droht die dritte Kürzung in Folge. Ein Pfarrer soll mehr als 2600 Gemeindemitglieder betreuen. Proteste, Alternativen, Gespräche mit der Bezirkssynode und dem Oberkirchenrat blieben erfolglos. „Wir schwanken zwischen Kampfesmut und Resignation“, schreibt der Korntaler Pfarrer Ulrich Wiedenroth im Evangelischen Gemeindeblatt. Er habe nichts gegen Planzahlen, doch diese müssten an der Realität überprüft werden. „Diese Rückkoppelung wird aber nicht zugelassen“, kritisiert Wiedenroth.

Die Korntaler Kirchengemeinderätin Elke Richter pflichtet ihm bei: „Wir überlegen, welche Schritte wir unternehmen können, um ein Umdenken zu erreichen. Von einem Beteiligungsprozess, den die Landeskirche propagiert hat, kann man hier nicht reden. Hier wird von oben herab agiert.“ In seinem Gemeindebrief hat es der Kirchengemeinderat drastisch formuliert: „Fassungslos nehmen wir zur Kenntnis, dass die Landessynode untragbare Pfarrstellenkürzungen beschlossen hat, deren katastrophale Auswirkungen gleichzeitig durch ein aufwendiges Maßnahmenpaket abgemildert werden müssen.“