Kritik an Stadtbahnplanern Die Stadtbahn Lucie und das fette Fragezeichen hinter der Barrierefreiheit

Bei den Bussen in Ludwigsburg klappt es nach diversen Umbauten mit der Barrierefreiheit – bei der geplanten Stadtbahn gebe es da Fragezeichen, moniert der VdK-Kreisverband. Foto: Adobestock

Die Zustimmung von Behindertenvertretern ist entscheidend für die Förderung einer Stadtbahn im Kreis Ludwigsburg. Doch bislang kennen die noch nicht mal die genauen Pläne.

Ludwigsburg: Sabine Armbruster (sar)

Wenn nur alles so einfach wäre, wie es eine Aussage des baden-württembergischen Sozialministers Manfred Lucha glauben lässt. „Barrierefreiheit ist ein Menschenrecht, und Menschenrechte sind einklagbar“, habe Lucha einmal bei einem Besuch im Ludwigsburger Kreishaus gesagt, erinnert sich Bernhard-Michael Gärtner, der Kreisverbandsvorsitzende des Sozialverbands VdK.

 

Die Realität sehe leider anders aus. Bis heute, moniert Gärtner, sei der Sozialverband nicht in die Stadtbahnplanungen einbezogen worden. Das ist bemerkenswert – denn dabei geht es nicht nur um die Barrierefreiheit, sondern auch um den größten Teil der Finanzierung des Projekts. „Die Sozialverbände müssen beteiligt werden und eine Stellungnahme abgeben, in der sie das jeweilige Projekt befürworten – sonst gibt es keine Förderung von Bund und Land“, stellt Gärtner klar.

Landratsamt erklärt Hintergründe

Auch Andreas Fritz, Pressesprecher des Landratsamts, bestätigt, dass die Barrierefreiheit ein verbindliches Kriterium für die Vergabe von Fördermitteln ist: „Ausnahmen können nur für temporäre Bauzustände akzeptiert werden, nicht jedoch für den späteren Regelbetrieb.“ Warum bislang noch keine Behindertenverbände eingebunden wurden, erklärt er damit, dass das erst dann sinnvoll sei, wenn die endgültigen Trassen und die Lage der Haltestellen feststünden.

Deshalb „wurde die ursprünglich für den Herbst geplante Informationsveranstaltung für Menschen mit Behinderung – in Abstimmung mit der kommunalen Behindertenbeauftragten Claudia Lychacz – auf das Frühjahr 2026 verschoben“. Zu diesem Zeitpunkt würden dann auch Entscheidungen des Gemeinderats Ludwigsburg und zum Trassenverlauf vorliegen, sodass die Strecke gezielt unter dem Aspekt der Barrierefreiheit diskutiert werden kann.

Bussystem ist barrierefrei – und die Stadtbahn?

Gärtners Kritik geht aber über die bislang fehlende Beteiligung hinaus. Schon die Bürgerinformation im alten Franck-Areal sei nicht barrierefrei zugänglich gewesen. „Da kam man zwar mit dem Rollstuhl hin, aber nicht jeder, der eine Behinderung hat, sitzt im Rollstuhl.“ Es gebe auch Gehörlose, Menschen mit Sehbehinderung oder Menschen mit kognitiven Einschränkungen. Dennoch habe es bei der Bürgerbeteiligung nur Stehtische gegeben, und eine Hörbeschreibung habe ebenso gefehlt wie Gebärdensprache oder einfache Sprache.

Aus seiner Sicht werfen die aktuell bekannt gewordenen Planungen zur Stadtbahn im Ludwigsburger Stadtgebiet „Fragen zur Barrierefreiheit auf, die das heutige Bussystem nicht hat“. Weil ihm jedoch die kompletten Planungen nicht vorlägen und weil die Anforderungen an die Barrierefreiheit je nach der Art der Behinderung ganz unterschiedlich seien, könne er nur einzelne Kritikpunkte nennen.

Wichtige Punkte werden nicht angefahren

So habe man heute von seinem Zuhause bis zur nächsten Bushaltestelle einen Weg von durchschnittlich 300 Metern – die Stadtbahnhaltestellen sind weiter entfernt. Auch komme man aktuell aus jedem Stadtteil umsteigefrei in die Innenstadt, mit einem Umstieg sogar in jeden Stadtteil. „Das kann Lucie beides nicht leisten.“ Zudem würden Orte, welche für Menschen mit Beeinträchtigungen wichtig seien, von der Stadtbahn nicht angefahren – die Karlshöhe etwa, die Theo-Lorch-Werkstätten in Grünbühl oder auch Jobcenter und Landratsamt. Und: Die Stadtbahn würde seltener fahren als die Busse.

Dass Lucie aus Sicht des Zweckverbands in der Pflugfelder Straße am Westausgang des Bahnhofs halten soll, ist für Gärtner ebenfalls nicht akzeptabel. „Das erzwingt Umwege und Umstiege und erfordert funktionierende Aufzüge, die wir bis heute dort nicht haben.“ Am ZOB hingegen könnten Menschen mit Behinderung ebenerdig zwischen den Bussen umsteigen.

Und auch die favorisierte Lösung der Stadtverwaltung Ludwigsburg – die Einfahrt der Lucie in den Bahnhof – ist nicht barrierefrei. Die Bahn würde an einem sehr niedrigen und schmalen Gleis halten, von dem aus ein langer Fußweg zu den Aufzügen führt. In Zukunft könnte die Bahn am Gleis 7 halten, wo ein stufenloser Ein- und Ausstieg möglich wäre. Wann und wie dieses Gleis jedoch tatsächlich zum Stadtbahn-Gleis umgebaut wird, ist bislang unklar.

Von Barrierefreiheit profitieren alle

Ein weiterer Aufreger für Gärtner: „Der Zweckverband beharrt wissentlich auf einer Stadtbahn mit 21 Zentimetern Höhenunterschied vom Bahnsteig zum Einstieg. Das schafft man nicht mit einem Rollstuhl. Aber eine Rampe ist auch nicht möglich.“

Das Problem aus seiner Sicht: „So etwas planen immer Leute, die noch nie in ihrem Leben eine Einschränkung hatten.“ Dabei profitierten nicht nur Menschen mit Behinderung oder Senioren von Barrierefreiheit, betont er: „Auch mit dem Kinderwagen hat man dann weniger Probleme.“

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