Der häufig unversöhnliche Ton in den sozialen Netzwerken wird von vielen vielfach beklagt – zu Recht. Übertreibungen und Provokationen mögen willkommene Protestformen darstellen. Inzwischen ist es aber Usus geworden, Menschen und Gruppen unmittelbar anzugehen und sogar zu beleidigen, Falschbehauptungen in die Welt zu setzen oder Tatsachen zu suggerieren, die vorne und hinten nicht stimmen. Solche Provokationen sind in der Regel von der Meinungsfreiheit gedeckt, die Kritik daran ebenfalls.
Zweifelhaft aber wird es, wenn die Krankenhausgesellschaft, ein Dachverband mit 28 Mitgliedsverbänden, eine Kampagne startet, die a) ein großes strukturelles Problem personifiziert und damit auch simplifiziert und b) Assoziationen weckt, die durchaus als boshaft bezeichnet werden können und offenkundig Angst verbreiten sollen. So suggeriert die Kampagne der Deutschen Krankenhausgesellschaft, dass Schwangere künftig nicht mehr in der Kliniken entbinden können und es daher weniger Kinder gibt, was ja nichts anderes heißen kann, als dass diese Kinder nicht überleben. Sie suggeriert, dass Menschen, die einen Autounfall haben, nicht mehr behandelt werden können und – zu Ende gedacht – auf der Straße sterben.
Insofern ist es gut, dass sich der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende des Klinikums Esslingen Ingo Rust von der Art der Kampagne distanziert, aber gleichzeitig es nicht versäumt, auf die Problematik – stark unterfinanzierte Krankenhäuser – aufmerksam zu machen. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach, gegen den sich die Kampagne persönlich richtet, hat sich auch schon zu Wort gemeldet: Er spricht von einer „unseriösen Hetzkampagne“, mit der die Patienten verunsichert werden sollten.
Allerdings, das jedenfalls betont die Krankenhausgesellschaft, sei die Kampagne noch gar nicht öffentlich gewesen. Dass Lauterbach die angeblich noch nicht finalisierten Plakate auf seinem X-Account vorab veröffentlichte, ist natürlich auch nicht ganz fair. Aber womöglich gelang es ihm nur auf diese Weise, sie im letzten Moment zu entschärfen.