Schloss Kaltenstein ist schon jetzt der Blickfang in Vaihingen an der Enz – die Stadt möchte sich weiterentwickeln. Foto: Imago/Gerald Abele
Noch zieht ein Großteil der Stadträte von Vaihingen/Enz (Kreis Ludwigsburg) bei der für 2029 geplanten Gartenschau mit. Einige verlangen aber jetzt schon das Ende aller Planungen.
Kann sich die Große Kreisstadt Vaihingen an der Enz im Kreis Ludwigsburg die Gartenschau 2029 noch leisten? Diese Frage zog sich wie ein roter Faden durch die jüngste Haushaltsdebatte im Gemeinderat. Neun Reden, neun Fraktionen – und kaum eine ohne Zweifel an der Finanzierbarkeit des Großprojekts.
Vaihingen ächzt unter einer Haushaltslage, die sich in den vergangenen Monaten spürbar verschlechtert hat. Was bundesweit zu beobachten ist – Konjunkturschwäche, Insolvenzen, Stellenstreichungen und daraus resultierende Einbrüche bei den Steuereinnahmen – das alles macht auch vor der 29.000-Einwohner-Stadt nicht Halt.
Der Blick auf die Enz entzückt – die Stadt hat optisch etwas zu bieten. Foto: Archiv (Jürgen Bach)
Der Kämmerer Alexander Kern blickt im Haushalt 2026 auf eine Lücke: Den Einnahmen von rund 103,9 Millionen Euro stehen Ausgaben von etwa 113,3 Millionen Euro gegenüber. Das ergibt ein Minus von stattlichen zehn Millionen Euro. Die Verwaltung setzt nun auf eine Kommission zur Haushaltskonsolidierung, um Spareffekte zu erzielen. Ein wichtiger Faktor dürften die stark gestiegenen Personalkosten sein.
Ein Eingreifen ist aus Sicht der FDP-Fraktionsvorsitzenden Helga Eberle dringend erforderlich. „Die Haushaltslage ist mehr als katastrophal“, sagte sie. „Sie ist lückenhaft und schöngerechnet.“ Eberle sieht mit Sorge auf explodierende Kosten, die unter anderem durch die Gartenschau drohen. So werde der Schuldenstand von aktuell 36,2 Millionen Euro allein durch die Schau um 20 Millionen Euro in die Höhe getrieben – bis auf insgesamt 64,1 Millionen Euro im Jahr 2029.
Entzückt zeigte sich in der Debatte kaum jemand
Vor diesem Hintergrund wirkt das Vorhaben, die Gartenschau unter dem Titel „Vaihingen ENZückt 2029“ auszurichten, für einige Stadträte gewagt. Und das trotz des Grundsatzbeschlusses vom April 2024 und eines bisher schon zurückgelegten Weges, den der Oberbürgermeister Uwe Skrzypek-Muth mit großem Engagement gestaltet und von der Stadtgesellschaft gerne weitergeführt sehen will. Entzückt zeigte sich in der Debatte jedenfalls kaum jemand. Selbst die beiden größten Fraktionen, CDU und Freie Wähler, die sich grundsätzlich zur Gartenschau bekennen, schlugen eher moderate Töne an.
Eberhard Zucker, Fraktionschef der Freien Wähler, warb dennoch für mehr Zuversicht – ihm fehle in der Debatte der Optimismus. „Wir können etwas aufbauen, das nicht nur 2029 wirkt, sondern auch darüber hinaus“, sagte Zucker, der auf das Ehrenamt als tragende Säule setzt. Ob dieser Appell ausreicht, um die immensen Kosten des Projekts mit der angespannten Finanzlage in Einklang zu bringen, bezweifeln Kritiker jedoch deutlich.
Michael Braun von Bürger bewegen Vaihingen (BbV) sprach von Gesamtkosten in Höhe von rund 60 Millionen Euro. Er plädierte für eine deutlich abgespeckte Variante der Gartenschau. Bis 2029, so Braun, zeichne sich bereits jetzt eine Finanzierungslücke von acht Millionen Euro ab. Zwar flössen Fördermittel, diese lägen jedoch deutlich unter den ursprünglich erhofften 90 Prozent. Als Beispiel für ein verzichtbares Projekt nannte Braun den geplanten 1,5 Kilometer langen Radweg nach Roßwag, der mit 6,5 Millionen Euro zu Buche schlagen soll. „Das ist in der aktuellen Haushaltslage nicht mehr vermittelbar.“
Die AfD will die Gartenschau ganz streichen. Deren Sprecher René Menzel verwies auf andere Kommunen, die aus finanziellen Gründen die Reißleine gezogen haben. So stieg Bretten im Mai 2025 aus der für 2031 geplanten Gartenschau aus, Fellbach beendete sein Engagement bei der Internationalen Bauausstellung IBA 2027.
„Stuttgart 21 lässt grüßen.“
Peter Schimke, Linken-Stadtrat in Vaihingen/Enz
Nein zur Gartenschau sagt auch weiterhin Peter Schimke, einziger Linker im Gremium: Bei sinkenden Einnahmen und steigenden Ausgaben sehe er keinerlei Spielräume. „Stuttgart 21 lässt grüßen.“
Die CDU forderte klare Leitplanken. Der Fraktionssprecher Stefan Leibfried mahnte einen umsichtigen Umgang mit dem Sondervermögen von 18,2 Millionen Euro an, zeigte sich aber überzeugt, dass die gesamte Stadt von der Gartenschau profitieren könne.
Grüne kritisiert Verwaltung: Unterlagen zu spät vorbereitet
Positiv, aber zurückhaltend äußerte sich auch die Grünen-Fraktionsvorsitzende Andrea Wagner zur Gartenschau und deren Mehrwert. Die Politikerin konzentrierte sich stattdessen auf die Frage, wie die Stadt die Raumprobleme auf dem Schulcampus am Schlossberg lösen oder das Enztalbad finanzieren könne. Wagner kritisierte die die Verwaltung: Diese habe Unterlagen für eine Bewerbung zum Förderprogramm „Sanierung kommunaler Sportstätten“ nicht frühzeitig genug vorbereitet, um bei der ersten Förderrunde dabei zu sein. „Weniger öffentlichkeitswirksame Reden und mehr Fokussierung auf die Probleme wären hier angebracht gewesen.“
Auch die SPD hält an dem Gartenschau-Projekt fest. Für Sprecherin Laura Lumpp könnten die Kombination aus der Schau, der historischen Kulisse, dem neuen Mittelalterpark, sowie dem Schloss Kaltenstein mit seinem Hotelbetrieb und der neu gestalteten Innenstadt an der Grabenstraße zusätzliche Gewerbesteuereinnahmen bringen. „Die Gartenschau ist kein Heilsbringer, aber eine Chance“, sagte sie. „Tausende Menschen werden womöglich zum ersten Mal Notiz von Vaihingen an der Enz nehmen – und vielleicht auch nach der Gartenschau gerne wiederkommen.“
Ob diese Hoffnung trägt oder ob die Gartenschau 2029 am Ende zum Luxus wird, den sich Vaihingen nicht mehr leisten kann, bleibt offen. Sicher ist nur: Die Debatte ist längst nicht beendet.