Das Parkhaus Q 16 im Neckarpark Stuttgart hat ein neues Architektur-Highlight

Energiezentrale und Quartiersparkhaus in einem – und ein Eyecatcher dazu: das Q 16 mit seiner Nordfassade. Mehr Einblicke erhalten Sie in der Bildergalerie. Foto: Zooey Braun/Zooey Braun

Das Q 16 dient nicht nur als Parkhaus für das künftige Neckarpark-Quartier, sondern gleichzeitig als nachhaltige Energiezentrale. Es kann aber noch viel mehr! Eine Kritik.

Kultur: Ulla Hanselmann (uh)

Wenn Gebäude mehrere Dinge gleichzeitig können, spricht man in der Architektur neuerdings von Hybriden oder von Mixed-Use-Bauten. In jüngster Zeit kommen immer kühnere Kombinationen vor: Im nordrhein-westfälischen Oberhausen etwa gibt es einen backsteinernen Verwaltungsbau, der von einem gläsernen Gewächshaus gekrönt wird. In den Büroräumen unten helfen Sachbearbeiter des Jobcenters Oberhausen ihren Kunden, Alg-II-Anträge auszufüllen, drüber reifen Erdbeeren. In Kopenhagen geht es noch verwegener zu. Dort haben eine Müllverbrennungsanlage und eine künstliche Skipiste auf weltweit einmalige Weise in einem Gebäude zusammengefunden.

 

Markanter Kubus an der Benzstraße

Stuttgart kann den Hybrid-Trend jetzt fortschreiben. In Bad Cannstatt sitzt ein markanter Kubus an der Benzstraße. Der hat nordwärts das Stadtarchiv Stuttgart im Rücken, nach Westen gerät jenseits der Hanna-Henning-Straße und einer Baugrube das neue Sportbad Neckarpark ins Blickfeld, im Süden zeigen Schleyerhalle und Porsche-Arena ihre Hinteransichten. Ansonsten: gähnende Leere. In ein paar Jahren sollen auf der städtischen Brache, auf der früher mal Güterzüge rangierten, 2000 Menschen wohnen und arbeiten – Wohnhäuser, Bürobauten, Bildungseinrichtungen schicken sich an, in den Cannstatter Himmel zu wachsen.

Der Lärm vom Cannstatter Wasen wird abgefangen

Für die neuen Neckarpark-Bewohner übernimmt das nach dem Grundstück Q 16 titulierte Gebäude mehrere vitale Funktionen. Es dient als Quartiersparkhaus, denn Tiefgaragen scheiden in der dort ausgewiesenen Heilquellenschutzzone weitgehend aus. 344 Stellplätze hält der Bau auf einem unterirdischen und fünf oberirdischen Parkgeschossen vor, wobei sich davon schon jetzt 20 Prozent als elektrische Ladestation eignen. 100 Prozent E-Mobilität werden angestrebt, baulich ist dafür alles vorbereitet. Im Erdgeschoss lassen sich zudem Fahrräder und Lastenräder abstellen. Noch elementarer für das künftige Quartier dürfte eine weitere Aufgabe sein, die die Multitasking-Kiste zu erfüllen hat. Sie soll sämtliche 850 Wohneinheiten wie auch das Gewerbe mit Wärmeenergie versorgen.

Das ist immer noch nicht alles. Jenseits der beiden Mega-Konzert-Locations liegt der Cannstatter Wasen. Weil der auch eine Mega-Lärmquelle ist, muss das Parkhaus auch noch als Schallschutzriegel für das Wohnquartier herhalten. Die Krux: Gleichzeitig soll es natürlich belüftet werden, so die Vorgabe.

Ein Bau wie eine Eier legende Wollmilchsau

Damit entpuppt sich das Q 16 als eine Art architektonische Eier legende Wollmilchsau. Hut ab vor dem Stuttgarter Büro asp Architekten, dem es gelungen ist, die multiplen, sich teilweise konterkarierenden Anforderungen zu erfüllen und zudem eine signifikante Form für sie zu finden. Die Bauaufgabe Parkhaus wurde über Jahrzehnte gestalterisch vielfach stiefmütterlich behandelt – nun aber steht im Neckarpark ein echter Eyecatcher am Quartierseingang.

Der Kniff: Für das Tragwerk greifen die Architekten auf X-förmige Stahlträger zurück. Diese bilden zugleich die rautenförmige Haut des Baukörpers und verleihen ihm die unverwechselbare Optik. Die Autofahrer, die hier künftig parken werden, dürfen sich über einen angenehmen Nebeneffekt dieser Konstruktion freuen: Das Quartiersparkhaus ist stützenfrei.

Schuppenfassade in leuchtendem Grün

Die offenporige Hülle gewährleistet die Frischluftzirkulation; das filigrane Edelstahlnetz wiederum, das die Süd-, Ost- und Westflanken umspannt, dient der Absturzsicherung, ist aber ebenso eine optimale Rankhilfe: Aus den zwischen die X-Träger gesetzten Pflanztrögen wuchern Weinreben und andere Pflanzen empor.

Die Architekten lösten so den fast schildbürgerstreichartigen Widerspruch, dass die Stadt Stuttgart zwar 30 Prozent Fassadenbegrünung im Quartier vorsieht und auch für das Parkhaus eine bepflanzte Fassade wünschte, aber im Bebauungsplan auf der Straßenebene keine Fläche für bodengebundenes Grün einplante.

In wenigen Jahren wird sommers ein blickdichtes grünes Kleid die drei Fronten des Kubus bedecken – und das reizvolle Rautenmuster kaschieren. Damit harmoniert die Nordfassade, die jetzt schon auf Dauergrün gepolt ist: Glaselemente in verschiedenen Grüntönen sind in mehreren Lagen wie Schuppen überlappend angeordnet, so dass die Luft hindurchfließen kann, der Lärm aber zum Schutz der künftigen Wohnbebauung gestoppt wird.

Fluchttreppe in flammendem Rot

Asp Architekten akzentuieren die Zeichenhaftigkeit des Infrastrukturbaus, indem sie für die fußläufige Erschließung die Komplementärfarbe Rot gewählt haben. Im Osten, wo ein Quartiersplatz angrenzen soll, zieht sich hinter den Rauten die Zickzack-Linie einer roten Treppenskulptur diagonal nach oben; ebenfalls in leuchtendem Rot flammt die Fluchttreppe auf der Westseite auf, wo sich auch die Ein- und Ausfahrten befinden. Auch das so schlichte wie prägnante Leitsystem – das Grafikdesign stammt vom Studio Tillack Knöll aus Stuttgart – nutzt die Signalfarbe.

Im Erd- und im Untergeschoss ist die Energiezentrale angesiedelt, die das gesamte Quartier inklusive des neuen Sportbads mit Wärme versorgen kann. Gewonnen wird die Energie vor allem mithilfe von Wärmetausch-Technik aus dem Abwasserkanal in der Benzstraße. Gegenüber einer konventionellen Energieversorgung lassen sich auf diese Weise etwa 1800 Tonnen Kohlendioxid im Jahr einsparen.

Fahrradwerkstatt im EG

So wird das Q 16 den vorbildhaften Nachhaltigkeitszielen des neuen Quartiers gerecht, weshalb das Dach selbstredend begrünt ist. Die dort installierte Photovoltaik gewinnt bis zu 142 350 Kilowattstunden regenerative Sonnenenergie im Jahr. Die Architekten hätten sich auf dem Dach auch beispielsweise Urban Farming vorstellen können. Sicherheitsaspekte sprachen gegen diese Nutzung. Die Fahrradwerkstatt, die mal im Erdgeschoss einziehen soll, fügt dem ausgeprägten Mixed-Use-Charakter des Baus noch eine weitere Facette hinzu.

Architekturbüro und Newsletter

Lieferant
Die Energiezentrale des Q 16 versorgt bereits das Sportbad Neckarpark sowie die Gebäude der Volksbank Q 1, Q 4 und Q 7. Weitere Bauten, derzeit noch im Bau oder in der Planung, kommen hinzu.

Architekten
Das Büro asp Architekten ist Nachfolger des Büros asp Arat, Siegel und Partner, das 1992 von Mete Arat und Henner Siegel gegründet wurde. „asp“ wird heute von mehreren geschäftsführenden Gesellschaftern geführt, darunter Cem Arat. Die Abkürzung steht für Architektur, Stadtentwicklung und Prozesse. „Unsere Projekte denken wir maßstabsübergreifend vom Kleinen ins Große und umgekehrt, von der übergeordneten, strategischen Ebene bis ins gebaute Detail. In interdisziplinären Teams planen wir Vorhaben in jeder Größe, vom Stadtquartier über Hochbauten bis zu Innenräumen“, charakterisiert sich das in der Stuttgarter Talstraße ansässige Büro.

Wettbewerbssiege
Zuletzt gewannen asp Architekten, jeweils gemeinsam mit Koeber Landschaftsarchitekten, Stuttgart, den städtebaulichen Wettbewerb „Neuer Stadtraum B 14“ sowie den städtebaulichen Wettbewerb für das neue Rosensteinquartier in Stuttgart.

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