Kritische Lage auf den Intensivstationen Gesundheitssystem kommt ans Limit
Die Politik hat die Intensivstationen der Krankenhäuser nicht vor der Überlastung geschützt. Im Sommer wanderten Pflegekräfte ab. Das ist ein bitteres Versäumnis.
Die Politik hat die Intensivstationen der Krankenhäuser nicht vor der Überlastung geschützt. Im Sommer wanderten Pflegekräfte ab. Das ist ein bitteres Versäumnis.
Stuttgart - Diese Katastrophe war absehbar, und es hat kein Gesundheitspolitiker aus Bund und Land vermocht, sie zu verhindern. Mitgenommen von der hohen Belastung durch die Coronakrise haben im Sommer auf fast einem Drittel der Intensivstationen fünf bis zehn Prozent der Belegschaft den Job aufgegeben und sind auf eine leichtere Stelle gewechselt, so eine Studie des Krankenhausinstituts. Der Fachkräftemangel auf „Intensiv“ war schon vor der Pandemie da, aber dass sich seine Verschärfung nicht hat abwenden lassen durch Vor- und Fürsorge fürs Personal, ist ein Versagen aller im Gesundheitssystem Verantwortlichen, seien es Krankenhausträger, Krankenkassen und Politiker. Laut Schätzungen aus Fachkreisen fehlen bundesweit 5000 Intensivkräfte.
Die Folgen sind dramatisch, die Grenzen der Belastbarkeit unseres Gesundheitssystems wird in diesen Tagen erkennbar, gerade in den Regionen, in denen viele Menschen aus welchen Gründen auch immer sich nicht haben impfen lassen. In Bayern müssen Covid-Patienten mit dem Hubschrauber verlegt werden, in Thüringen sind mehr als ein Viertel aller Intensivbetten mit Coronakranken belegt, und die Landesregierung in Baden-Württemberg fragt bei norddeutschen Bundesländern nach, ob sie nicht dorthin Patienten schicken könne.
Bei der Eröffnung des Deutschen Krankenhaustages am Montag war von einer „dramatischen Lage“ die Rede. Es komme bereits zur Verschiebung von planbaren Eingriffen, beispielsweise bei Herzerkrankungen um mehrere Monate. Andere Patienten – auch Unfallopfer – werden wegen der Engpässe Schäden erleiden. Und ein Horrorszenarium ist von den Krankenhausdirektoren nicht dementiert worden, und zwar das der „stillen Triage“, dass also Rettungssanitäter schwer kranken Covid-Patienten empfehlen werden, zu Hause zu sterben, weil alle Intensivbetten in erreichbarer Nähe belegt seien. Es ist eine furchtbare Perspektive, die sich da auftut.
Den Krankenhäusern kommt in der Pandemie eine Schlüsselrolle zu, ihre Existenz darf nicht nur über marktwirtschaftliche Instrumente – die Abrechnung über Fallpauschalen ist eins – gesteuert werden. Zwar haben die Krankenkassen 2020 als das „goldene Jahr“ der Krankenhausfinanzierung bezeichnet, da es für sie Rettungsschirme des Staates wegen Einnahmeausfällen durch Corona gegeben habe. Aber Tatsache ist auch, dass bundesweit 20 Krankenhäuser im Coronajahr 2020 schließen mussten und es noch keinen Ausgleichsmechanismus für die erneute Pleitegefahr der Kliniken gibt. Dabei müsste ihre Rolle für die öffentliche Daseinsvorsorge nun jedem ins Auge fallen. Auch kleinere Häuser der Grundversorgung auf dem Land könnten die Krankenhäuser der Maximalversorgung entlasten.
Aber was tun gegen die akute Misere der Intensivstationen? Die Krankenhäuser werden wie 2020 wieder Reserven heben müssen, Normalstationen schließen, neue Teams bilden, Fach- und Hilfskräfte auf die Intensivstationen bitten. Die vom Bundesgesundheitsministerium eingeführten Pflegepersonaluntergrenzen – beispielsweise eine Intensivpflegekraft für zwei Patienten – müssten flexibler gehandhabt werden dürfen – je nach Belastungssituation auf einer Station. Die größte Herausforderung aber sind zuverlässige Dienstpläne. Dass nach neun oder zwölf Tagen Arbeit am Stück nicht genügend freie Tage zur Erholung gewährt werden, weil Personal fehlt, gibt es wohl in keiner anderen Branche. „Wenn sie freihaben, sollten sie wirklich freihaben“, sagt Gerald Gaß, Chef der Krankenhausgesellschaft. Diese Selbstverständlichkeit muss dringend und aktuell gelten. Sonst dreht sich die Abwärtsspirale im Pflegesektor noch schneller.