Jedes Jahr im Frühjahr wandern Amphibien an den Teich, um sich fortzupflanzen. Und jedes Jahr sammelt sie Sebastian Schorn auf, um sie zu zählen. Dabei stellt er fest: Es werden immer weniger.
Zehn Grad und Nieselregen – für die meisten eine ungemütliche Kombination. Wenn dann noch feuchte Luft ins Gesicht weht, bleiben die meisten am liebsten zu Hause. Doch für Frösche und Kröten sind das perfekte Bedingungen.
Nachdem sie den Winter in Laubhaufen oder Erdhöhlen im Ludwigsburger Favoritepark verbracht haben, wandern sie im Frühjahr in der Dämmerung zu einem Teich an der Fachhochschule in Ludwigsburg. „Das passiert jedes Jahr zur Fortpflanzung“, erklärt Sebastian Schorn. Die meisten Amphibien kehren dann zu dem Gewässer zurück, in dem sie selbst geschlüpft sind. Der Biologiestudent trifft sich von Februar bis April täglich mit Freiwilligen, um die Tiere einzusammeln – denn auf ihrem Weg müssen sie eine Straße überqueren.
Die Helfer suchen nach Erdkröten, Springfröschen und Molchen
Wenn die Krötenwanderung beginnt, wird die Straße gesperrt. Autos würden sie sonst überfahren. Schorn und seine Mitstreiter laufen sie dann entlang, um Erdkröten, Springfrösche, Grasfrösche und Molche aufzusammeln und in Sicherheit zu bringen. Viele Eltern kommen mit ihren Kindern, um zu helfen. „Das ist mein schönster Tag im Jahr“, jubiliert der siebenjährige Emil. Seine Mutter ergänzt: „Er interessiert sich besonders für Amphibien. Wir haben letztes Jahr schon mitgeholfen.“ Auch Manuela ist mit ihrer Tochter zum zweiten Mal dabei. „Ich finde es toll, dass die Kinder hier so viel lernen können“, sagt sie.
An der Straße wurde ein Amphibienschutzzaun errichtet. Sebastian Schorn erklärt, worauf die freiwilligen Helfer achten sollen. Foto: Frederik Herrmann/
Bevor es losgeht, gibt Schorn letzte Anweisungen: „Bitte nicht ins Gras laufen, nur auf der Straße bleiben und gut aufpassen, wohin ihr tretet.“ Denn die Helfer sollen nichts verletzen, was sie eigentlich schützen wollen. Dann zieht die Gruppe mit Taschenlampen und Eimern los.
Nach wenigen Metern entdeckt Emil das erste Tier. Es ist ein Springfrosch. Doch der ist flink und hüpft dem Siebenjährigen immer wieder davon. Mit den Kröten ist es einfacher. „Da ist eine. Schnapp sie dir“, ruft jemand, und schon greifen zwei Kinderhände zu. Behutsam setzen die freiwilligen Helfer die Kröte in einen Eimer. Am Ende ihres Spazierganges lassen sie die Tiere dann am Teich frei.
Die Population der Amphibienarten nimmt ab
„Wir schützen nicht nur, sondern zählen auch“, erklärt Schorn. 160 Tiere hat die Gruppe an diesem Tag gesammelt. Darunter sind Erdkröten, Springfrösche und Molche. Ein guter Tag, doch solche guten Tage werden immer seltener. „Früher konnte man kaum über die Fröbelstraße gehen, ohne auf eine Kröte zu treten“, haben ihm Anwohner erzählt.
Seit den 1970er Jahren wird die Amphibienpopulation an der Hochschule Ludwigsburg regelmäßig gezählt, seit 1998 jährlich. An kaum einem anderen Ort im Land wird so kontinuierlich die Größe der Population erhoben. Während zwischen 1973 und 1996 durchschnittlich 2800 Erdkröten pro Jahr gefunden wurden, sind es heute nur noch etwa 1000. Die Zahlen schwanken stark, doch der Trend zeige eindeutig nach unten.
Biologieprofessor Marcus Schrenk sieht dafür mehrere Gründe. „Die Wasserqualität des Teiches in Ludwigsburg ist schlecht.“ Er fordert, einige Bäume am Ufer zu fällen, da deren Laub das Wasser verschlammt. Zudem spielen Parasiten und Krankheiten eine Rolle. Doch der größte Faktor ist der Klimawandel. Steigende Temperaturen lassen Gewässer austrocknen und der Mensch dringt zunehmend in den Lebensraum der Tiere vor. Wo früher noch Gras und Bäume wuchsen, stehen heute Gebäude und Straßen. Stehende Gewässer, ein wichtiger Lebensraum für Amphibien, gebe es kaum noch, so Schrenk.
"Amphibienschutz ist Artenschutz“
Sinkt die Zahl der Amphibien, wird es auch für andere Tiere immer schwerer zu überleben. Denn sie dienen vielen Vögeln als Nahrungsquelle. Die Frösche, Kröten und Molche zu schützen, sei deshalb auch ein Beitrag für den Artenschutz.
Das wissen auch die Kinder und Eltern, die jedes Frühjahr mit Sebastian Schorn unterwegs sind. „Eigentlich müsste mein Sohn schon im Bett sein“, sagt eine Mutter. „Aber weil wir gehofft haben, heute ein paar Kröten zu finden, machen wir eine Ausnahme.“ Die Kröten zu suchen und zu sammeln, mache ihren Sohn einfach glücklich. Hier macht Artenschutz noch Spaß.
Amphibien im Favoritepark in Ludwigsburg
Heimische Amphibien Um den Teich an der Fachhochschule in Ludwigsburg sind verschiede Amphibienarten heimisch. Darunter der Bergmolch, der Teichmolch, die Erdkröte, der Springfrosch und der Grasfrosch.
Die meisten Arten sind nicht gefährdet Von den heimischen Arten ist der Springfrosch und der Grasfrosch gefährdet. Sie werden vom Rote Liste Zentrum auf der „Vorwarnliste“ geführt. Das heißt, dass ihre Population merklich zurückgegangen ist. In naher Zukunft wird jedoch eine Einstufung in die Kategorie „Gefährdet“ wahrscheinlich.