Kryptowährungen Spekulieren und Zahlen mit imaginärem Geld

Von Klaus Dieter Oehler 

Der Bitcoin-Kurs hat die Marke von 10 000 Dollar geknackt – doch am Ende müssen hinter den Wetten auch echte Währungen stehen.

Das Bitcoin-Zeichen schimmert golden – doch nur wenn dahinter Dollar oder Euro stehen, ist es auch etwas wert. Foto: imago
Das Bitcoin-Zeichen schimmert golden – doch nur wenn dahinter Dollar oder Euro stehen, ist es auch etwas wert. Foto: imago

Frankfurt - Es ist paradox und erinnert fatal an die Zeit vor dem Ausbruch der weltweiten Finanzkrise 2007, als die Aktienkurse scheinbar unaufhaltsam stiegen und Liquidität angeblich kein Problem war. Dieses Mal aber geht es um virtuelles Geld, um Währungen die von Computern hergestellt werden. Seit Jahresbeginn hat sich der Kurs der sogenannten Kryptowährung Bitcoin verzehnfacht, am Dienstag hat er erstmals die Marke von 10 000 Dollar durchbrochen und ist am Mittwoch sogar über 11 000 Dollar gestiegen.

Bitcoin ist der bekannteste Vertreter von Digital- oder Kryptowährungen. Anders als herkömmliche Währungen werden sie nicht von Zentralbanken und Regierungen kontrolliert. Befürworter schätzen die Freiheit und Anonymität, Kritiker warnen vor Missbrauch etwa zur Finanzierung krimineller Handlungen.

Trotz des rasanten Anstiegs halten weder die Europäische Zentralbank (EZB) noch die Deutsche Bundesbank diese „Nebenwährung“ für ein großes Risiko für den Finanzmarkt. Offenbar seien Investoren überzeugt, dass die Kurse weiter anziehen würden, sagte EZB-Vizepräsident Vitor Constancio am Mittwoch zur Vorlage des jüngsten Finanzstabilitätsberichts in Frankfurt nüchtern. „Ich sehe dort kein großes Risiko.“ Es gebe keine Auswirkungen auf die Geldpolitik oder die Finanzstabilität. Für die bestehenden Währungen stellten diese Digitalwährungen keine Gefahr dar. Constancio bekräftigte zudem seine Einschätzung, für ihn seien dies keine richtigen Währungen. Auch der Bundesbank-Vizepräsidentin Claudia Buch meinte: „Wir sehen keine besondere Besorgnis, dass sich hier ein Finanzstabilitätsrisiko für Deutschland ergeben wird.“

Händler und Restaurants springen auf den Zug auf

Tatsache aber ist, dass hinter dem von Computerprogrammen geschaffenen Geld am Ende „richtiges“ Geld stehen muss. Immer mehr Händler oder Restaurants sind inzwischen auf den Zug aufgesprungen, es geht nicht mehr nur um Wetten zwischen Finanzakteuren. In vielen Städten kann man inzwischen per Smartphone seinen Cappuccino oder auch das belegte Brötchen bezahlen. Sogar Hotels erlauben es ihren Gästen, die Rechnung per Bitcoin zu bezahlen. Wo immer das Zeichen auftaucht, wird die neue Währung, die ja gar keine ist, als Zahlungsmittel akzeptiert. Der Händler vertraut darauf, dass er von seiner Bank Euro aufs Konto bekommt.

Selbst die Kreditinstitute sind inzwischen als „Bitcoin-Händler“ aktiv und bieten ihren Kunden entsprechende Anlagemöglichkeiten. Ein Grund übrigens für den Rekordstand am Dienstag war, dass amerikanische Anbieter künftig sogar Finanzprodukte anbieten wollen, die Wetten auf die imaginäre Währung anbieten. Und nicht zuletzt sind auch die üblichen Internet-Kriminellen auf den Kryptozug aufgesprungen und versprechen über Werbemails, dass man 1000 oder 2000 Dollar pro Tag „verdient“ habe, wenn man denn nur sein Bitcoin-Konto aktivieren würde.

Bisher gibt es keine Regulierung für Kryptowährungen

Alle Kryptowährungen – neben Bitcoin noch eine Handvoll anderer synthetischer Produkte – haben nach Schätzungen von Experten inzwischen einen Wert von mehr als 330 Milliarden US-Dollar (278 Milliarden Euro) erreicht. Doch es gibt bisher keine Regulierung und weder für Anleger noch für diejenigen, die diese Währung nutzen oder akzeptieren, eine Gewissheit dafür, dass sie auch den entsprechenden Gegenwert bekommen. Sollte etwa der Bitcoin-Kurs zwischen dem Cappuccino-Kauf und der Einlösung bei der Bank drastisch fallen, ist der Händler schlecht dran.

Den Akteuren an den Kapitalmärkten jedoch sind solche Bedenken egal. Sie spekulieren einfach darauf, dass der Wert der Einheiten weiter wächst. Einbrüche, wie etwa Anfang November, als der Bitcoin-Kurs innerhalb von 48 Stunden um 1000 Dollar abrutschte, stecken sie locker weg. Es spielt für sie auch keine Rolle, dass Hacker sich offenbar regelmäßig in die Computersysteme einloggen, auf denen Kryptowährungen gehandelt werden – der prominenteste Fall ist die Börse Mt.Gox, die deshalb sogar Insolvenz anmelden musste.

Hintergrund für den enormen Kursanstieg der letzten Tage sind wohl die Aussichten, dass die renommierte amerikanische Terminbörse CME noch in diesem Jahr einen Terminkontrakt auf Bitcoin auflegen wird. Mit einem solchen Finanzprodukt würden Investoren leichteren Zugang zu der virtuellen Währung haben und sie könnten auf steigende oder fallende Kurse wetten. Und wenn die Profis, die milliardenschweren Großanleger, auf diese Weise erst einmal in den Markt der virtuellen Währungen eingestiegen sind, dann kann es aus Sicht der Bitcoin-Junkies nur noch weiter bergauf gehen. Obwohl es zuletzt mehrfach Warnungen vor einer gefährlichen Preisblase bei der Digitalwährung gegeben hat, scheint die Kryptowährung bei immer mehr Anlegern auf Interesse zu stoßen. Die Rekordjagd könnte als noch eine Weile andauern – weitere Tempoverschärfungen sind dabei nicht ausgeschlossen.