KRZ: 200 Jahre Berichterstattung „Wir haben Angst um den Frieden in der Welt“

Es waren schreckliche Bilder vom 11. September 2001, die die Welt in Schock versetzten. Foto: dpa

Der 11. September 2001 erschütterte die Welt und hinterließ auch im Kreis Böblingen Spuren. Wie die Region auf die Terroranschläge reagierte und was sich seitdem verändert hat.

Böblingen: Melissa Schaich (mel)

Es war ein Dienstag. Der Tag, der New York und die ganze Welt verändert hat. „Terror-Katastrophe in Amerika“, „Ausnahmezustand in New York“, „Inferno“, „Alarmstufe Rot“ – die Zeitung am Tag nach dem Attentat vom 11. September 2001, bei dem entführte Passagierflugzeuge in die Türme des World Trade Centers in New York krachten, war vollgepackt mit Schlagzeilen, die versuchten, die schreckliche Tat in Worte zu fassen.

 

Tausende Menschen kamen bei dem Terroranschlag ums Leben. Neben den beiden gekaperten Passagierflugzeugen, die die Zwillingstürme in New York zu Fall brachten, stürzte ein drittes Flugzeug in das Pentagon in Washington. Ein viertes stürzte bei Pittsburgh ab. Bilder von blutenden und schreienden Menschen in den New Yorker Straßen, die vor einer riesigen Staubwolke flüchteten, die sich über die amerikanische Stadt an der Ostküste zog, bestimmten die Zeitungsseiten in den Tagen danach. Eine Woche lang war beinahe jede Seite gefüllt mit den furchtbaren Details des Attentats und der neuen Realität, mit der sich die Länder rund um die Welt plötzlich konfrontiert sahen.

Wie sicher sind wir? Der damalige deutsche Kanzler Gerhard Schröder bezeichnete das Attentat als „Kriegserklärung an die gesamte zivilisierte Welt“. Der Name „Osama bin Laden“ dominierte plötzlich Themenseiten mit dem Titel „USA unter Terrorschock“ und auch in der deutschen Politik stand plötzlich die Frage im Zentrum: „Wie können wir uns schützen?“

Die Panzerkaserne wurde nach dem Attentat hermetisch abgeriegelt

Direkt nach den Terroranschlägen waren die Folgen auch vor Ort in der Region Stuttgart zu spüren: Mittwochs berichtete die Kreiszeitung Böblinger Bote auf der Titelseite, dass die Patch Barracks hermetisch abgeriegelt wurden. Einfahrende Fahrzeuge wurden mit Bodenspiegeln kontrolliert, die Sicherheitsvorkehrungen und Überwachung hatten höchste Priorität – ebenso in der Panzerkaserne in Böblingen. Auch zwei Tage nach dem Attentat ließ die damalige Militärsprecherin nicht viele Informationen an die Öffentlichkeit. Fahrtrouten zur Arbeit und zur Schule seien geändert worden, die Kontrollen – vor allem an den Wohnhäusern von Amerikanern, die sich nicht im eingezäunten Bereich der Panzerkaserne befanden, seien verstärkt worden, wurde damals kurz und knapp vermeldet.

Bei einer Kundgebung auf dem Sindelfinger Marktplatz, bei der Schüler ihren Sorgen Luft machen konnten. Foto: Annette Wandel/Archiv KRZ

Unter der Bevölkerung im Kreis Böblingen herrschte nach der Terrortat wie im Rest der Welt hauptsächlich eines: Schock. Am Tag nach dem Attentat fand auf dem Sindelfinger Marktplatz eine Kundgebung statt, das berichtete damals die Lokalredaktion der Kreiszeitung. Rund 5000 Schülerinnen und Schüler kamen an dem Tag zusammen, um ihre Solidarität und Anteilnahme auszudrücken. Auf den Bildern sind zahlreiche junge Menschen zu sehen. Einige junge Schülerinnen und Schüler hielten Plakate in die Luft. Auf einem stand: „Wir haben Angst um den Frieden in der Welt.“

Große Anteilnahme im Kreis Böblingen

Initiiert wurde die Aktion damals von Josef Maier, Schulleiter am Gymnasium Unterrieden. Noch nachts um drei hatte er die Aufrufe an seine Schulleiter-Kollegen geschickt. „Gemeinsam sind Frustration, Depression und Wut besser zu ertragen“, wird er damals in der Zeitung zitiert. In den folgenden Tagen hagelte es nur so Absagen im Kreis Böblingen – es schien, als wäre die Welt zu einem abrupten Halt gekommen: Unter dem Titel „Anteilnahme und Absagen“ füllten sich im Lokalteil der Kreiszeitung ganze Spalten mit Veranstaltungen, die aus Rücksicht abgesagt wurden.

Das DRK stellte Blutkonserven zur Verfügung

Im Böblinger Landratsamt lag tagelang ein Kondolenzbuch aus, in das sich Mitarbeitende und Besucher eintragen konnten. Das Buch mit Worten der Anteilnahme wurde später gebunden und an die amerikanische Botschaft übergeben. Doch nicht nur tröstende Worte kamen aus dem Kreis Böblingen: In einer Meldung berichtet die Kreiszeitung damals, dass das Deutsche Rote Kreuz dem Amerikanischen Roten Kreuz umgehend 80 000 Blutkonserven zur Verfügung stellte. Auch im Kreis Böblingen bat das Deutsche Rote Kreuz um Spenden zur Unterstützung der Rettungskräfte.

An der Panzerkaserne in Böblingen hatte die Sicherheit kurz nach dem Attentat höchste Priorität. Foto: Annette Wandel/Archiv

Nach dem ersten Schock und der Anteilnahme begann auch auf lokaler Ebene die Aufarbeitung der Geschehnisse. Ein Darmsheimer Berufspiloten-Ausbilder wurde von der Redaktion beispielsweise befragt, wie viel Flugwissen es braucht, um ein Flugzeug kapern zu können. Eine Frage, die sich wohl nur wenige vor dem 11. September gestellt hatten. Auch Vertreter des türkisch-islamischen Kulturvereins aus Sindelfingen meldeten sich zu Wort: „Wer die Terroranschläge religiös begründet, interpretiert den Koran falsch“, zitierte die Kreiszeitung damals Tuncay Özdemir, den Leiter der Jugendgruppe des Vereins, der ebenfalls eine Trauer- und Mahnkundgebung organisierte. Mit dem Koran ließen sich Terroranschläge genauso wenig rechtfertigen wie mit der Bibel, betonten die Gläubigen.

Dass die Terroranschläge die Welt nachhaltig verändert haben, spürt man noch heute – auch im Kreis Böblingen: Einige können sich vielleicht noch an eine Zeit vor 2001 erinnern, in der die „Ami-Kaserne“ zum Böblinger Stadtleben gehörte. Heute ist das Gelände abgeriegelt, nur selten kommen Infos aus der Kaserne, noch seltener werden die Tore für die allgemeine Bevölkerung geöffnet. Es ist eine andere Welt, in der wir leben. Eine vor 2001 und eine danach.

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