Krzysztof Penderecki ist tot Postmoderne Polituren
Der polnische Komponist, der nicht nur Sinfonien sondern auch Filmmusiken („Shining“) geschrieben hat, stirbt mit 86 Jahren in Krakau.
Der polnische Komponist, der nicht nur Sinfonien sondern auch Filmmusiken („Shining“) geschrieben hat, stirbt mit 86 Jahren in Krakau.
Stuttgart - Expressivität war eines von Krzysztof Pendereckis Markenzeichen beim Komponieren. Zwei Beispiele: Stanley Kubrick verwendete für seinen Film „Shining“ eine von Pendereckis Kompositionen als tragendes Motiv: immer wieder rauscht ein Bläsercrescendo auf. Als ob eine Tür langsam sich öffnete und gleich wieder ins Schloss fiele. Mit einem einzigen Move verkörperte die Musik die zentrale Botschaft dieser Stephen-King-Verfilmung mit Jack Nicholson in der abgründigen Hauptrolle: Es würde darum gehen, dass die Räume anfingen, ihre unheimlichen Geheimnisse zu erzählen, und Penderecki machte dem Hörer im Zuschauer schon höllisch Angst, bevor dramaturgisch gesehen Anlass bestand, sich zu fürchten.
Expressivität war Penderecki aber nicht nur ein Mittel, um das Publikum außer sich zu bringen, sondern, im Gegenteil, auch immer behilflich, wenn es darum ging, Reisen nach innen vorzubereiten. Im „Allegro man non troppo“ im Zweiten Violinkonzert (Anne-Sophie Mutter gewidmet und von ihr in den neunziger Jahren auch uraufgeführt) verdichtet Penderecki den Streichersatz, aus dem er dann eine einsame Melodielinie herausschält. Hier tut sich ausdrücklich kein Abgrund auf: Vielmehr fängt die Musik wie bei einem Sonnenaufgang an zu leuchten à la Richard Strauss. Die Kooperation zwischen Mutter und Penderecki (gipfelnd in Hommage-Alben an ihn) war so zufällig nicht. Die Geigerin fand im Komponisten das, was sie bevorzugte: einen Zug in die gemäßigte Moderne, Musik, kompatibel für klassische Zuschauerschichten mit moderatem Abenteuersinn. Handwerklich war Penderecki, gerne auch sein eigener Dirigent, zeitig ein Viel-, wenn nicht fast Alleskönner und wechselte beständig die Spuren. Tatsächlich zielte er darauf, darin seinen Landsleuten Wojciech Kilar und Hendryk M. Gorecki nicht unähnlich, kompositorisch zuerst postserielle, dann postmoderne Polituren anzubringen. Auch und nicht zuletzt zur sakralen Musik knüpfte Penderecki ein Band, das nie riss, angefangen von den „Seven Gates of Jerusalem“ bis hin zu „Credo“, das die Internationale Bachakademie unter Helmuth Rilling Mitte der neunziger Jahre bei Penderecki in Auftrag gab. Rilling mochte Penderecki sehr. Wolfram Schwinger, der ehemalige Operndirektor in Stuttgart, hat über Penderecki ein ausführliches Buch geschrieben.
Trotz aller Weltreisen, die er als Dirigent und Komponist unternahm, blieb Krakau der Fixpunkt in Krzysztof Pendereckis Leben. In der Nähe der polnischen Stadt wurde er 1933 geboren, hier lernte er Geige und Klavier und studierte Komposition; später lehrte er an der Musikhochschule. Krakau war – abgesehen von ein paar Jahren an der Folkwangschule in Essen und in Yale – immer sein Wohnort. Zwanzig Jahre mindestens noch, hatte der enorm produktive Penderecki zuletzt gemutmaßt, werde ihm die Arbeit kaum ausgehen. Eine neunte Sinfonie war geplant. Nun ist Krzysztof Penderecki in Krakau gestorben. Er wurde 86 Jahre alt.