Küchentrends Showroom und Statussymbol

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In den Hipster-Küchen wird aufgerüstet. Wer es sich leisten kann, stellt Hochleistungsmixer, gusseiserne Töpfe und edle japanische Messer zur Schau. Auch Stuttgarter Einzelhändler profitieren von diesen Trends.

Klassische rote und schwarze Töpfe von Le Creuset verkaufen sich gut, aber der Anbieter bringt auch immer wieder neue Modefarben in den Handel. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Klassische rote und schwarze Töpfe von Le Creuset verkaufen sich gut, aber der Anbieter bringt auch immer wieder neue Modefarben in den Handel. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgart - Rita Wolf-Flacke wirft noch ein paar Blätter Spinat in den Behälter, lächelt und schaltet den Mixer an. Der Smoothie, den sie anschließend in Probiergläser füllt, ist knallgrün und cremig. Selbst Kunden, die anfangs argwöhnisch daran nippen, finden den Trunk köstlich. „Wir wollen den Trend nicht verpassen“, sagt Martin Benzing, einer der Geschäftsführer bei Merz & Benzing, deshalb führt die Vitamix-Fee in der Markthalle die Maschine vor. Bei Tritschler ein paar Meter weiter gehen die hochpreisigen Smoothie-Mischer weg wie warme Semmeln. Die Konkurrenz ist groß, doch Vitamix gilt als Branchenprimus unter den Hochleistungsmixern. Bereits vor einigen Jahren hatte Tritschler die Geräte aus Cleveland/Ohio im Sortiment. Zu früh, wie sich herausstellte, sie trafen (noch) nicht den Zeitgeist. Entsprechend skeptisch war man beim zweiten Anlauf. „Zehn bis zwanzig Stück im Jahr, das war die Erwartung, die haben wir aber schon im ersten Monat verkauft“, sagt Joachim Hescheler, Bereichsleiter „Alles für die Küche“. Heute sei das teuerste Modell, der Pro 750, das am meisten nachgefragte.

Warum geben Menschen 899 Euro für einen Standmixer aus, der mit mehr als zwei PS so viel Power hat wie eine Motorsäge? Hescheler legt vier Bücher auf den Tisch: „Smoothies, vegan, Low Carb, vegetarisch, das sind die kulinarischen Toptrends“, sagt er. Gesundheitsbewusste schwören auf grüne Smoothies, als handele es sich um einen Zaubertrank. „Genau da trennt sich die Spreu vom Weizen“, erläutert Hescheler, „das Hauptargument für ein solch leistungsstarkes Gerät ist, dass keine Struktur mehr übrig bleibt.“ Sogar Grünkohl, das Kultgemüse auf den Gemüsemärkten, wird superfein püriert.

Offene Küchen sind en vogue

Das Interesse an gesunder Ernährung ist die eine Sache. Die andere: die Küche ist das Statussymbol unserer Zeit. Rund 6200 Euro hat der Kunde nach Angaben der Gesellschaft für Konsumforschung 2014 im Schnitt für eine neue Küche bezahlt, fast 700 Euro mehr als 2010. Vor allem im Preissegment von 10 000 Euro an aufwärts verzeichnen die deutschen Hersteller eine steigende Nachfrage. Zudem gaben die deutschen Haushalte 2014 mehr als neun Milliarden Euro für Glaswaren, Tafelgeschirr und Küchengeräte aus.

Offene Küchen sind en vogue, da stellen Trendsetter gerne japanische Messer zum Stückpreis von bis zu 1400 Euro in ihrem privaten Showroom aus. Günstiger ist die Tim-Mälzer-Messer-Serie, die gut laufe, wie Martin Benzing erzählt. Die Fernsehköche seien für die Haushaltswarengeschäfte eine enorme Hilfe gewesen, meint Joachim Hescheler. Benzing wird noch deutlicher: „Die Kochshows sind wie eine Erfindung des Einzelhandels.“

Im Fernsehen – und zunehmend in Koch- und Backvideos auf Youtube – sind auch die gusseisernen Le-Creuset-Bräter regelmäßig zu bestaunen. Töpfe, Wasserkessel und Poterie werden in Ofenrot und Schwarz sowie in Modefarben angeboten. 90-jährige Tradition in neuem Gewand, Le Creuset weiß das hochpreisige emaillierte Kochgeschirr klug zu vermarkten. In der nächsten Woche eröffnet das Unternehmen einen Flagship-Store in bester Lage in Berlin-Mitte, und auch in Stuttgart gibt es seit vergangenem Jahr einen Markenshop. Merz & Benzing, Tritschler und andere Fachgeschäfte stellen Le-Creuset-Produkte ebenfalls prominent aus.

Farbiges im Retro-Look erobert die Küchen

Auch Kitchen Aid bringt Farbe in die Küche. „Seit die Farbpalette vor ein paar Jahren erweitert wurde, ist der Klassiker unter den Küchengeräten noch beliebter geworden“, hat Martin Benzing beobachtet. Es soll sogar Kunden geben, die das Kabel noch an der Kasse abtrennen lassen, weil sie die rund 700 Euro teure Küchenmaschine nur als Dekoration in ihrer Bulthaupt-Küche benötigen. Andere Haushaltsgeräte im Retro-Look, etwa von der italienischen Firma Smeg, erobern ebenfalls die deutschen Küchen. Ein weiteres Trendthema: das Backen. „Das ist absolut im Kommen“, sagt Hescheler. Deko-Torten werden mit Perlen verziert oder lackiert. „Es gibt sogar Airbrush-Sets für Konditoren“, so der Experte.

Vom Boom eines anderen Kult-Objekts profitieren die örtlichen Händler indes nicht: Vorwerk, einst eine etwas angestaubte Staubsauger-Marke, macht unfassbaren Umsatz – 920 Millionen Euro waren es 2014 – mit dem Thermomix, der im gewöhnlichen Einzelhandel gar nicht erhältlich ist. Der TM5, Küchenmaschine und Dampfgarer in einem, wiegt Zutaten ab, kocht und backt fast von allein, nur braten und anrösten geht nicht. Geräte von anderen Herstellern wie Jupiter aus Wernau, Kitchen Aid oder Kenwood können (fast) all das auch, „aber Thermomix ist denen beim Vertrieb um Welten voraus“, sagt Hescheler. Wie bei Tupperpartys kommt eine der bundesweit 15 000 meist weiblichen Repräsentantinnen in Privathaushalte, um zu demonstrieren, dass man mit dem Apparat kinderleicht kochen kann und nicht einmal umrühren muss. Man bereitet in trauter Runde ein Menü zu, mischt noch einen Eierlikör – und mag sich am Ende nicht lumpen lassen. 1109 Euro kostet der TM5, von Montag an 1199 Euro.

Um den Thermomix tobt der Glaubenskrieg

Braucht man einen solchen Alleskönner? Um den Thermomix tobt ein regelrechter Glaubenskrieg. Armin Karrer vom Fellbacher Gourmetrestaurant Avui sieht das pragmatisch: „Wir haben seit einigen Jahren einen in der Küche, man kann alles genau abwiegen, es lässt sich auf eine exakte Temperatur erhitzen, das spart viel Zeit.“ Risotto würde er damit nicht zubereiten, sagt der Spitzenkoch, und das aktuelle Modell sei technisch zu aufgerüstet, „aber Hausfrauen bei uns in der Kochschule finden den Thermomix super“. Eine der Hauptzielgruppen von Vorwerk sind Familien mit Kindern, die wenig Zeit zum Kochen haben, jedoch keine ungesunden Fertiggerichte essen wollen.

Zusätzlich an die Marke gebunden werden die Kunden durch digitale Services wie Online-Rezeptportale und -Communitys. Der Trend spiegelt sich auch im Buchmarkt wider: Corinna Wilds „Mix ohne Fix – Lieblingsrezepte aus dem Thermomix“ stand bei Amazon am Freitag auf Platz zwei der Bestsellerliste Bücher, auf Platz sechs folgte übrigens „Smoothies, Shakes & Co“ von Susanne Grüneklee.

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