Künftiger Südwestmetall-Chef „Können uns gar keine Lohnerhöhung leisten“

Joachim Schulz führt als Südwestmetall-Chef künftig die Metalltarifverhandlungen für die Arbeitgeber. Foto: SWM/Marco Moog

Der künftige Südwestmetall-Vorsitzende Joachim Schulz vermeidet zum Amtsbeginn am 1. Mai die Attacke auf die IG Metall. Trotz hoher Inflation hofft er auf deren Verständnis für die Nöte der Betriebe.

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)

Der Neue an der Südwestmetall-Spitze startet nicht mit Pauken und Trompeten wie etwa der Noch-Amtsinhaber Wilfried Porth im Dezember 2020. Dies mag einerseits daran liegen, dass der Wechsel formal erst an diesem Sonntag, dem 1. Mai, erfolgt – und andererseits daran, dass der künftige Verbandschef Joachim Schulz im Ton um einiges konzilianter auftritt.

 

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Es entspricht zwar voll der Arbeitgeberlinie, erscheint aber weniger als Kampfansage, wenn Schulz im Gespräch mit unserer Zeitung der IG Metall zuruft: „Die Kosten explodieren an verschiedenen Ecken: bei Energie und Logistik, aber auch viele Zuliefererpreise gehen nach oben.“ Einzelne Mitgliedsfirmen hätten erstaunlich gute Abschlüsse erzielt und machten gute Geschäfte. Doch die breite Masse kämpfe mit den massiven Kostenschüben und sehe ihre Gewinne schwinden. So schlussfolgert er für die im September startende Metalltarifrunde: „Leisten können wir uns gar keine Lohnerhöhung, wenn wir daran denken, dass unsere Erträge gerade wegbröckeln.“

Die 8,2-Prozent-Forderung ist „wirklich heftig“

Nun hat die Gewerkschaft ausgerechnet in der von hohen Energiepreisen geplagten Stahlbranche eine immense Lohnforderung von 8,2 Prozent aufgestellt. Und Schulz erinnert daran, dass vorlaufende Tarifvereinbarungen in der Stahlindustrie aus IG-Metall-Sicht Signalcharakter hätten. Ihn habe die hohe Zahl „sehr gewundert“, sagt er. „8,2 Prozent sind wirklich heftig.“ Den Wunsch nach einem Ausgleich für die hohe Inflation könne er nachvollziehen. „Aber in der Metall- und Elektroindustrie sehen wir erhebliche Belastungen nicht nur momentan – da lässt die Vorstellung, dass eine Riesenportion an Lohnerhöhungskosten obendrauf kommen könnte, vielen Firmenlenkern den Schauer den Rücken runterlaufen.“

Lieber eine normale Tarifrunde statt einer Brückenlösung

Anders als die Vorgänger Wilfried Porth und Stefan Wolf bevorzugt Schulz nicht die Attacke. „Wir stolpern von einer Krise in die nächste“, sagt der künftige Verhandlungsführer der Arbeitgeber moderat. „Die IG Metall versteht sehr wohl, dass die Situation für die Betriebe wirklich schwierig ist.“ Einen Kurzzeittarifabschluss zur Überbrückung der brisanten Lage wie in der Chemieindustrie präferiert er nicht. „Wir können vermuten, dass die Inflation hoch bleiben wird, dass sich die Zinspolitik ändern wird und dass die Energiepreise hoch bleiben werden – diese Belastungen werden nicht schnell vorbeiziehen“, sagt er. Folglich will er mit der IG Metall verabreden, wo es tarifpolitisch hingehen soll. Die Arbeitgeber hätten immer Interesse an Ruhe und Sicherheit. Es wäre „anstrengend, ständig von einer Tarifauseinandersetzung in die nächste zu hüpfen“.

Offen für einen Pilotabschluss in der Metallindustrie

Noch kurz vor dem Krieg hatte sein Pendant Roman Zitzelsberger einen Pilotabschluss angepeilt. Schulz scheint da nicht abgeneigt. „Natürlich sind wir grundsätzlich immer bereit, einen Pilotabschluss mit der IG Metall zu machen“, sagt er. „Wenn er gut und klug ist, dann kann er auch Signalwirkung für ganz Deutschland haben – das hat früher immer gegolten, das gilt auch jetzt.“

Schulz war bisher Verbandsvize und Mitglied der tariflichen Verhandlungskommission, kennt also das Tarifgeschäft gut – eine zentrale Voraussetzung für seinen Aufstieg. Dennoch ist seine Wahl Mitte Februar kein Selbstgänger gewesen. Denn laut Verbandssatzung müssen die stets ehrenamtlichen Vorsitzenden eine herausgehobene Funktion in einem Mitgliedsbetrieb haben – Pensionäre sind für den Job nicht vorgesehen.

Ein Aufsichtsratsmandat als Hebel

Nun ist der 66-Jährige schon Ende März als Vorstandschef des Tuttlinger Medizintechnikherstellers Aesculap ausgeschieden. Nur weil er dem Sindelfinger Kälte- und Klimatechnikspezialisten Bitzer als Aufsichtsrat erhalten bleibt, wurden die Bedingungen für die neue Aufgabe im Verband erfüllt.

Einhergehend mit dem Ablauf seines Vertrags bei Daimler hatte Porth seinerzeit genau aus diesem Grund schon vor der Wahl intern verkündet, dass er lediglich für eine Amtsperiode von zwei Jahren zur Verfügung stehe. Einen Generationenwechsel wird nun auch Schulz nicht vollziehen, wenngleich er seine Amtszeit offen lässt: „Ich habe meinen Vorsitz bei Südwestmetall nicht auf irgendeinen Zeitraum terminiert oder gesagt, dass ich das nur für eine Amtsperiode mache“, betont er. „Ich bin da offen.“ Da seien „keine zeitlichen Absprachen getroffen worden“.

Probleme mit dem Führungsnachwuchs

Der Verband findet kaum Unternehmer oder Manager im mittleren Alter, die diese phasenweise zeit- und kräfteraubende Aufgabe neben ihrem Hauptberuf übernehmen wollen – also müssen Routiniers ran. „Wenn man es längerfristig sieht, brauchen wir auch wieder jüngere Vorsitzende“, sagt Schulz. Aber „das werden wir zu gegebener Zeit in Ruhe überlegen, wie wir einen Übergang zu einem Nachfolger für mich gestalten“.

In seiner Unabhängigkeit sieht er auch einen „gewissen Vorteil“ – losgelöst von täglichen Pflichten in einem Unternehmen könne er sich ein bisschen flexibler bewegen. „Das fand vielleicht auch das eine oder andere Verbandsmitglied ganz attraktiv.“ Zudem „muss ich jetzt nicht auf eine konkrete Firma im Hintergrund Rücksicht nehmen“.

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