Künkelin-Preis in Schorndorf Anja Reschke: Das wollte aus mir raus

Anja Reschke ist seit Sonntag Trägerin des Barbara-Künklein-Preises. Foto: Christian Hass
Anja Reschke ist seit Sonntag Trägerin des Barbara-Künklein-Preises. Foto: Christian Hass

Für einen mutigen Tagesthemen-Kommentar gegen die Fremdenfeindlichkeit ist die Journalistin und Moderatorin Anja Reschke mit dem Barbara-Künkelin-Preis ausgezeichnet worden. Sie hatte am 5. August 2015 zum Widerstand gegen den zunehmenden Fremdenhass in den sozialen Medien aufgerufen.

Rems-Murr: Oliver Hillinger (hll)

Schorndorf - Gegen den Zeitgeist und mit großer Wirkung für die Zukunft“ – das ist das Motto des Barbara-Künkelin-Preises, mit dem am Sonntag in Schorndorf die Journalistin Anja Reschke ausgezeichnet worden ist. Der Anlass dafür war ihr Kommentar in den ARD-Tagesthemen vom 5. August vorigen Jahres, in welchem sie aufgefordert hatte, Haltung zu zeigen und sich gegen den aufkommenden Fremdenhass in den sozialen Medien zu stellen.

Mit dem Barbara-Künkelin-Preis werden im Andenken an die couragierte Namensgeberin mutige Frauen geehrt. „Sie ist eine würdige und verdiente Preisträgerin“, sagte der Laudator Kuno Haberbusch, ihr früherer Chef beim Norddeutschen Rundfunk. „Anja ist keine Heilige“, sie sei aber „eine couragierte Journalistin“, eine durchaus bescheidene Kollegin, „die sich aufregt“ – und zwar zu den richtigen Anlässen.

Die Tagesthemen-Kommentare von Anja Reschke, die Leiterin der Abteilung Innenpolitik beim NDR ist, gehörten laut Haberbusch zu jenen, welche die meisten Klickzahlen und Reaktionen auslösten. Entstanden sei der Kommentar am 5. August jedoch eher intuitiv, sagte Reschke in ihrer Dankesrede – sie habe sich damals gewundert, dass sich die Hasskommentare in den sozialen Medien zur Flüchtlingsthematik häuften, ohne dass staatliche Repräsentanten wie der Bundespräsident zur Mäßigung aufgerufen hätten. Das ursprüngliche Ziel des Kommentars sei gewesen, zu fordern, dass man Facebook begrenzen solle. Sie habe sich jedoch die Frage gestellt, „dass es nicht sein kann, dass wir diesen Hass zulassen“ – und daraus sei schließlich ein Text geworden, der mit einem Aufruf zum „Aufstand der Anständigen“ endete. Sie denke vorab nicht darüber nach, ob ihr Kommentar besonders mutig wirke, verriet Reschke dem Schorndorfer Publikum. „Das wollte aus mir raus, das war in mir fertig.“

Der 5. August sei ein herrlicher Sommertag gewesen, sie habe ihre Schwiegereltern zu Besuch gehabt, diese bekochen wollen und sich daher einen frühen Aufzeichnungstermin erbeten. Dass der Kommentar so große Wellen schlug, sei ihr erst am nächsten Tag klar geworden, als in ihrer Redaktion Interviewanfragen der BBC und der „Washington Post“ eingegangen seien.

Anja Reschke erhielt auch von Zuschauerseite viel Unterstützung. Sie sei „ein liebenswerter Hitzkopf“, schrieb ihr eine Zuschauerin aus Süddeutschland. „Lassen Sie sich nicht einschüchtern“, forderte sie ein anderer Zuschauer auf. „Wir, die Aufrechten, sind das Volk und nicht diese verirrten Seelen.“ Aber es gebe auch viele wütende Reaktionen, Kuno Habersbusch zitierte aus Hasstiraden, in welchen Anja Reschke „als Galionsfigur der Lügenpresse“ beschimpft wurde – wie sie von dem AfD-Politiker Alexander Gauland verunglimpft wurde, der Anfang Januar vom „Reschke-Fernsehen“ gesprochen hatte. Es sei nicht so, dass dies Anja Reschke unberührt lasse, sage Haberbusch – aber sie rufe ihn dann wieder an und sage, dass sie weitermache.

Sie glaube, dass gerade der Umstand, dass sie eine Frau sei, diesen Widerstand hervorrufe, sagte Reschke in ihrer Dankerede. „Eine blonde Frau, die aus dem Fernsehen bellt, wollen sich gerade viele ältere Herren nicht bieten lassen.“ Sie habe sich, als sie die Geschichte von Barbara Künkelin gelesen habe, gefragt, ob sie auch wie diese gehandelt hätte. „Ich fühle mich gar nicht so mutig“, sagte die Journalistin.

Besonders freue sie sich darüber, dass sie durch den Preis Anerkennung von jenen bekomme, für welche sie diese journalistische Arbeit mache, sagte Reschke. Zudem stelle der Preis mutige Frauen in den Vordergrund. „Das freut mich besonders, weil man als Frau weiß, dass das nicht immer selbstverständlich ist und dass man sich manchen Weg erkämpfen muss.“




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