Gebrauchte Bretter mit Farbspuren, ausgemusterte Vasen oder Kerzenständer – der Berliner Künstler Christian Henkel nutzt für seine Skulpturen gerne mal Fundstücke vom Straßenrand. Was er entdeckt, wartet im Fundus des 47-Jährigen oft lange Zeit auf seine Bestimmung. „Ich habe eine große Sammlung an Brettern. Die schleppe ich jahrelang herum – irgendwann passt das Brett genau an eine Stelle. Das erzeugt dann ein echtes Glücksgefühl.“
So war das auch bei der Skulptur „L.U.M.“, die aus Holz, Fundbrettern und geschweißten Metallteilen besteht und von diesem Donnerstag an in der Galerie Neuer Kunstverlag am Waiblinger Hochwachtturm zu sehen ist. Dort stellt Christian Henkel zusammen mit dem Berliner Rainer Neumeier unter dem Titel „Kontrollierte Zufälle“ Skulpturen und Gemälde aus. Es ist die erste gemeinsame Schau der recht unterschiedlichen Künstler, die dennoch manches verbindet. Beide haben ihre Ateliers in den Berliner Uferhallen eingerichtet. Und für Henkel wie Neumeier spielt der Zufall im kreativen Schaffensprozess eine Rolle.
Rainer Neumeier legt bis 200 Farbschichten übereinander
Die Basis für Rainer Neumeiers Gemälde sind stets Holzplatten, deren Oberfläche er beispielsweise mit einer Schablone, Meshgewebe oder grobem Sackleinen überzieht. Mit einem sehr breiten Pinsel greift Rainer Neumeier das Raster des Gewebes auf, setzt bunte Quadrate aus Acrylfarbe auf die Holzplatte, nebeneinander und übereinander. Der Prozess erstreckt sich stets über viele Monate, eine echte Geduldsprobe. Dabei legt der 49-jährige Künstler bis zu 200 Farbschichten übereinander und erzeugt dadurch ein Relief. Er arbeitet an bis zu 50 Werken gleichzeitig. Diese lässt er in seinem Atelier in einem mehrstöckigen Regal trocknen, bevor er sie wieder herauszieht und die nächste Farbschicht darüberlegt.
Ist die Schichtarbeit vollbracht, setzt der Künstler an die Malerei ein selbst gebautes Spezialwerkzeug mit scharfen Klingen an und nimmt „einen geologischen Schnitt“ vor. Sprich, er schält einen Teil der Farbschichten ab. Angesichts dieser Arbeitsweise verwundert es kaum, dass Rainer Neumeier in Kindertagen Archäologe werden wollte. Allerdings wurde ihm schon im Teeniealter klar, „dass ich nichts anderes als Kunst machen will“. Er begann in Nürnberg zu studieren, wechselte für einige Zeit nach Budapest und ging dann nach Frankfurt.
Gemälde kommen unter den Föhn oder in den Gefrierschrank
Mit seiner Technik erzeugt Rainer Neumeier Gemälde, die mal an Marmor, mal an Einzeller unter einem Mikroskop oder digitale Oberflächen erinnern und dazu verleiten, nah heranzutreten. Bei manchen Arbeiten erhitzt er die Farbe mit einem Föhn, sodass sie wieder weich wird. Andere Bilder hat er eingefroren und dann bearbeitet: „So lässt sich ein ganz feiner Abrieb hinbekommen.“ Weil Rainer Neumeier möchte, dass Betrachter möglichst frei und unbeschränkt an seiner Arbeiten herangehen, und weil die visuelle Ebene für ihn die absolute Hauptrolle spielt, will er seinen Gemälden eigentlich keine Namen geben. Die Bezeichnung „ohne Titel“ sei für ihn aber auch keine Option, sagt er. Um die Bilder dennoch unterscheiden zu können, verpasst der Künstler seit dem Jahr 2008 jedem von ihnen einen fünfstelligen Code, der aus einer Kombination von Buchstaben und Zahlen besteht. So kommt es zu Titeln wie „KJ8LP“, „BQP9G“ und „XRB2S“. Rainer Neumeier hat sie von einem Passwortgenerator erzeugen lassen und kann nun auf eine Liste mit mehreren tausend Titeln zurückgreifen.
Titel spielen eine wichtige Rolle für Christian Henkel
„Mir sind Titel total wichtig“, sagt hingegen Christian Henkel, „aber ich suche sie nicht krampfhaft.“ Während des Arbeitens liefen aber sowieso viele Denkprozesse ab. „Und dabei findet sich oft etwas Passendes“, erzählt der gebürtige Thüringer und denkt zum Beispiel an den Titel „A sculpture is a painting is a building“ für eine Reihe von Leinwandgemälden, bei denen er sich mit Flächen, Volumen und Raum auseinandersetzt, die alle eine wichtige Rolle in seiner Kunst spielen. Angesichts vieler Einflüsse sei ihm vor allem eines wichtig, sagt Christian Henkel: „Bei mir zu bleiben.“
Nach einer Ausbildung zum Holzbildhauer nahm er auf Anraten eines Bildhauers ein Kunststudium in Dresden auf. Die ostdeutsche Kunstszene kannte er damals schon gut. „Mein Vater hatte einen Kunstbuchverlag, und so bin ich vielen Malern und Bildhauern begegnet, die bei uns zu Hause ein- und ausgingen.“
Wenn Christian Henkel mit Pinsel und Farbe arbeitet, verschraubte Holzteile und geschweißte Vierkantrohre zu Kunstwerken vereint und auch das eine oder andere Fundstück von der Straße einfügt, unternimmt er eine Reise ins Ungewisse. „Ich weiß nicht, was dann am Ende vor mir steht“, sagt er und hat damit überhaupt kein Problem. Denn „für mich gibt es nichts Schlimmeres als geplante Kunst“.
Die Schau „Kontrollierte Zufälle“ ist bis 18. Juli in der Galerie Neuer Kunstverlag, Beim Hochwachtturm 2, in Waiblingen zu sehen. Die Öffnungszeiten sind montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr, am Wochenende nach Vereinbarung.