Künstler mit Behinderung stellen in Waiblingen aus Kunst als Brücke in die Gesellschaft

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Seit 50 Jahren arbeiten Menschen mit Behinderung in der Kreativen Werkstatt der Diakonie Stetten. Die einstige Pioniertat einer engagierten Künstlerin und Pädagogin wurde zum Vorbild für viele soziale Einrichtungen. Jetzt ist im Landratsamt in Waiblingen die Jubiläumsaussstellung zu sehen.

Das Objekt „Max und Moritz“ von Martin Koch (rechts) ist Teil der Jubiläumsausstellung der Kreativen Werkstatt, die bis Mitte Juni im Landratsamt zu sehen ist. Foto: Gottfried Stoppel
Das Objekt „Max und Moritz“ von Martin Koch (rechts) ist Teil der Jubiläumsausstellung der Kreativen Werkstatt, die bis Mitte Juni im Landratsamt zu sehen ist. Foto: Gottfried Stoppel

Waiblingen - Kunst kommt von Können, heißt es. Wer Martin Koch trifft, der muss wohl hinzufügen: Kunst kommt auch von nicht mehr anders können. Der 50-jährige Mann lebt in einer Außenwohngruppe der Diakonie Stetten in Remshalden-Grunbach. Er ist behindert, arbeitet in der Landwirtschaft der diakonischen Einrichtung, und er besucht immer montags die Kreative Werkstatt der Diakonie in Waiblingen. Seit 30 Jahren malt Martin Koch und gestaltet Objekte aus Dingen, die er im Sperrmüll oder sonst wo findet. Mal verwendet er einen ausgemusterten Stuhl, mal Spielzeug oder eine alte Standuhr. Für den Künstler Koch wäre es wohl kaum vorstellbar, wenn er nicht mehr in sein Atelier gehen dürfte. Kunst kommt von Können – und von nicht mehr anders können.

Dass Martin Koch und seine Künstlerkollegen aus Stetten ihr Geschäft beherrschen, davon können sich die Besucher des Landratsamts zurzeit überzeugen. Am Donnerstagabend ist im Foyer des Kreishauses in Waiblingen die Jubiläumsausstellung „JubilArte“ eröffnet worden. Mit der Schau, bei der auch Kochs Objekt „Max und Moritz“ gezeigt wird, feiert die Diakonie Stetten die Eröffnung der Kreativen Werkstatt vor 50 Jahren.

Viele Ausstellung, auch im Ausland

1966 war es eine ziemlich kühne Entscheidung, Menschen mit Behinderung, die malen, als Künstler zu bezeichnen. Bis dato war – wenn überhaupt – von Kunsttherapie die Rede. Der ehemalige Leiter der Diakonie Stetten, Peter Schlaich, erzählte am Rande der Eröffnungsfeier, dass die Pädagogin und Künstlerin Anne Dore Spellenberg Mitte der 1960er-Jahre mit der Arbeit im Atelier zunächst ohne öffentliche Aufmerksamkeit begonnen habe. Dozenten der Pädagogischen Hochschule Heidelberg hätten bei einem Besuch der Einrichtung erklärt, diese unkonventionelle Arbeit mit behinderten Menschen sollte unbedingt bekannt gemacht werden.

Die Sache nahm ihren Lauf, später reisten die Kunstwerke aus Stetten zu vielen Ausstellungen, auch bis ins Ausland, zum Beispiel nach Russland und nach Griechenland. Die Künstler aus Stetten wurden bald zum Vorbild für viele ähnliche Ateliers für Menschen mit Behinderung.

Der 85-jährige Schlaich sagte indes auch, dass er die aktuellen Entwicklungen in der Behindertenhilfe – weg von großen Einrichtungen, hin zu vielen kleineren – recht kritisch beobachte. Wenn diese Tendenz anhalte, so Schlaich, „dann wäre es kaum mehr möglich so eine Kreative Werkstatt zu eröffnen“.

Der Landrat Richard Sigel würdigte in einem Grußwort die Vorreiterrolle der Kreativen Werkstatt, die heute Teil der Remstalwerkstätten ist. Er sprach von einem „wichtigen Signal für die Achtung und gesellschaftliche Einbeziehung von geistig Behinderten“. Für Kurzweil sorgte auch einer der Künstler: Uwe Kächele hielt es während der Rede des Herrn Landrats nicht auf seinem Stuhl. Er sprang auf, strahlte über das ganze Gesicht und rief etwas vorschnell: „Die Ausstellung ist eröffnet.“ Doch vor der offiziellen Eröffnung erklärte der Vorstandsvorsitzende der Diakonie, Rainer Hinzen, noch: Künstler seien „besondere Menschen“. Frau Spellenberg habe vor 50 Jahren erkannt: die Bewohner der Diakonie Stetten, die damals noch Anstalt Stetten hieß, seien nicht in erster Linie Patienten, sondern Menschen, „die sich ausdrücken wollen und können“ – selbst wenn sie nicht sprechen können. Heute, so Hinzen, würde man wohl von Teilhabe sprechen, von Selbstbestimmung und von Inklusion.

Farbenfroh Werke von (Lebens)Künstlern

Rainer Knubben ist Verleger, er macht Bücher über Kunst und Kultur und rief die Gäste der Vernissage in seiner Einführungsrede mehrmals augenzwinkernd dazu auf, die knallbunten Kunstwerke nicht nur anzuschauen, sondern auch rege zu kaufen. Knubben zitierte Merret Oppenheim, die die Frage „Was ist Kunst?“ einmal so beantwortet hat: „Sie lebt oder sie lebt nicht.“ Für Knubben steht fest: die Kunst der Stettener Künstler lebt.

Nach Knubbens Rede durfte der Künstler Uwe Kächele die Ausstellung eröffnen, endlich. Und die Besucher machten sich auf den Rundgang durch das Kreishausfoyer, in dem bis Mitte Juni viele farbenfrohe Werke von (Lebens)Künstlern hängen.

Peter Schlaich sagte noch, dass diese tollen Bilder der Stettener Künstler eigentlich in der benachbarten Stihl-Galerie gezeigt werden sollten, nicht im Kreishaus. Martin Koch und seine Künstlerkollegen allerdings sind ganz offenkundig auch sehr zufrieden mit ihrer Schau im Landratsamt.




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