Hinter dem Kürzel NAF verbergen sich zwei der derzeit interessantesten Performancekünstler: Nana Hülsewig und Fender Schrade. Bei einem Atelierbesuch sagen sie, warum man manchmal sein Gesicht mit Lippenstift bemalen sollte und wo überall in Stuttgart Menschen ihnen begegnen können, die lieber nicht ins Theater gehen.

Leben: Nicole Golombek (golo)

Stuttgart - Das Atelier von Nana Hülsewig und Fender Schrade liegt irgendwo zwischen dem Probenzentrum Nord der Württembergischen Staatstheater Stuttgart, Werkstätten, Garagen und Autohäusern. Aber wo genau? Jedes Gebäude ist prinzipiell als Arbeitsort für das Künstlerduo denkbar. Ihren Arbeiten, die sie live und auf Leinwand zeigen, begegnet man nicht nur an Orten der Kultur, sondern auch in der Kosmetikabteilung eines Kaufhauses, im Kino, auf dem Flughafen oder demnächst an der großen Pragsattelkreuzung auf einer riesigen Werbetafel.

Wie aus dem Nichts taucht jetzt Nana Hülsewig auf, sie öffnet eine Tür in einem Backsteinbau auf der Rückseite einer Werkstatt. Eine kleine Küchenbar im Entrée und eine Treppe führt hinauf in den loftartigen Denk- und Probenraum. In den Einbauregalen vom Vormieter ist Material, Papier, Büchern, technischen Gerätschaften fein säuberlich einsortiert. Eine Sitzecke und ein Besucherstuhl (mit Wärmflasche) unterteilt den Raum, der schön groß ist, nur leider keine Heizung besitzt. Die Miete sei günstig, sagen sie, außerdem wird das Duo, das sich NAF (Nana and Fender) nennt, durch eine Atelierförderung unterstützt.

Die Gesellschaft hat Angst vor dem Scheitern

Ihre Arbeit finden auch andere förderungswürdig. So erhielten sie für ihre Ideen und Vorhaben mehrjährige Konzeptförderungen, 2013 vom Land Baden-Württemberg, nun auch von der Stadt Stuttgart. Es läuft gut. Genau das Thema beschäftigt sie derzeit bei ihren Workshop-Präsentationen im Theater Rampe: „Was ist der Gesellschaft die Kunst wert?“, fragt Fender Schrade. Nana Hülsewig nickt, „die Frage nach der Arbeit berührt grundsätzliche Fragen, die nicht nur Künstler, sondern die ganze Gesellschaft beschäftigen, die Angst vor dem Scheitern hat.“

Von Angst, Hoffnung, Wut, Mut handelt auch ihre eindrucksvolle Performance „Keine Angst ohne Mut“. Dafür wurden sie unter Dutzenden Bewerbern zu den Preisträgern des Tanz- und Theaterpreises Baden-Württemberg gewählt. Sie zeigen es während des damit verbundenen Festivals „6 Tage frei“ am 12. April im Theater Rampe.

Zitate aus „Germany’s next Top Model“

In der Performance spricht Nana Hülsewig übers Älterwerden von Künstlern allgemein, von Frauen im Besonderen und verwendet dafür ausschließlich Collagen. Theoretisches, Literarisches, Zitate aus TV-Shows wie „Germanys next Topmodel“. Sie legt sich unterschiedlich geformte weißen Halskrausen um, und macht so auch mal ohne Worte klar, wie Rollenzuschreibungen funktionieren.

Manchmal bleibt sie einfach nur stehen und schaut Fender Schrade zu, der an einem selbst gebauten Musikinstrument steht, Pop- und Rocktitel abspielt. Mehrere Keyboards sind zusammengesteckt, alles ist so hoch aufgebockt, dass es aussieht, als stünde ein Kind an einem zu großen Musikgerät. Was lustig wirkt, doch einen Kontrast bildet zu dem introvertiert wirkenden Künstler, der über Geschlechterrollen spricht, über bürokratische und medizinische Hürden, mit denen Menschen konfrontiert sind, die das Geschlecht wechseln wollen.

Selbstironie als Stilmittel

Das Beglückende des gut einstündigen Abends ist, mit welcher Eleganz, mit welcher Nonchalance, das Duo sich auf der Bühne bewegt. Wie das, was der eine sagt, durch Blicke – skeptische, interesselos interessierte, liebevolle oft – vom anderen kommentiert wird. NAF klagen nicht an, sie stellen Fragen. „Wir provozieren mit einer gewissen Sanftheit“, sagt Nana Hülsewig, „uns geht es nicht um eine Verneinung“.

Fender Schrade: „es geht darum zu fragen, wie etwas auch anders denkbar sein könnte, anders funktionieren könnte. Uns interessiert das Dazwischen. Das, was zwischen den Binaritäten passiert, zwischen Ja und Nein, Mann und Frau, Plus und Minus.“ Sie tun dies mit Ironie und tieferer Absicht. „Wie sollte das auch anders gehen“, sagt Hülsewig. Schrade nickt, lächelt: „Wir behandeln krasse Themen. Ohne Selbstironie wäre das nicht auszuhalten.“

Kennengelernt haben sich die beiden schon vor Jahren. Beide arbeiteten zunächst hinter der Bühne als Kostümbildnerin und Tontechnikerin; Schrade war damals noch eine Frau. Sie gingen ihre eigenen Wege. Sie studierte Bildhauerei und freie Kunst in Stuttgart und Berlin, begann mit eigenen Projekten auf der Bühne, nachdem ihr Ehemann gestorben war. Fender Schrade tourte als Lichttechniker mit dem Tänzer Ismael Ivo. Er kam dann ans renommierte, interdisziplinär geführte Massachusetts Institute of Technology (MIT) in den USA, hielt dort und in Europa Vorträge über Fragen zum Thema Gender, Musik, Technik, begann auch selbst Musik zu machen. In Berlin trafen sie sich wieder, bei einem Popkonzert von Schrade.

Sie kapern öffentliche Orte

Gedankliche künstlerische Nähe legt nahe, sich auch auf der Bühne gemeinsam zu bewegen. Das Kürzel NAF ist offen wie vieles, was die beiden machen. Es kann auch als Abkürzung für Projekte dienen wie die Reihe „Norm is Fiction“. Neben Performances, für die sie einige Minuten lang öffentliche Orte kapern, finden sie ihnen gewogene Menschen, die günstig oder gratis Auftrittsorte bereitstellen. In einem Stuttgarter Kino zeigten sie während der Werbefilme eine kurze Filmarbeit: „wie ein Trailer für eine Hollywoodproduktion“, sagt Nana Hülsewig. „Profimäßig und mit Dolby Surround“, fügt Fender Schrade hinzu– „nur ging es nicht um Stars, sondern um uns“.

Demnächst nutzen sie begehrte Werbeflächen im öffentlichen Raum als Ausstellungsort: „Es ist uns gelungen ein Zehn-Sekunden-Video auf die Videowänden am Pragsattel, am Flughafen und auf der Messe zwischen die Werbung zu schleusen“, sagt Nana Hülsewig.

Und so – spielend, filmend, musizierend – bewegen sie sich zwischen den Disziplinen. Warum aber tauchen sie unvermittelt an öffentlichen Orten auf, bemalen sich auch mal mit einem Chanel-Lippenstift in der Kosmetikabteilung eines Kaufhauses das Gesicht? Fender Schrade: „Wir greifen ein ins Gefüge des öffentlichen Raumes, um unser normatiertes Leben zu befragen.“ Und zu bezweifeln, ob man gängigen Schönheitsidealen folgen muss.

Maximale Irritation ist das Ziel

Mutig? Müssten sie dafür nicht sein, sagen beide. „Die Bühne ist auch ein Schutz. Ein Raum, in dem man alles machen kann“, sagt Schrade. Und ein Ort, an dem man seinen Körper als Requisit einsetzen kann. In „Keine Angst ohne Mut“ wechseln die Künstler ihre Kleider auf offener Bühne. „Jede Delle in der Haut, jedes Kilo wird da zum Kapital“, sagt Nana Hülsewig, „wenn ich über das Älterwerden von Künstlerinnen spreche und über Rollen, die ihnen nicht mehr angeboten werden.“ Nana Hülsewig lächelt.

Hier sprechen, spielen zwei, die das, worüber sie sich klug Gedanken darüber machen, wirklich beschäftigt. Die Konventionen befragen, Denkräume eröffnen. Es geht, anders als bei so mancher Performance freier Gruppen nicht schlicht darum, irgendein irgendwie gesellschaftlich relevantes Thema abzuarbeiten.

„Minimale Verschiebung, maximale Irritation“, ist ein Slogan, mit dem sie sich in einem Werbeprospekt – der aussieht wie der einer großen Elektronikmarktkette – selbst anpreisen. Wie das aussehen kann, ist demnächst auch wieder live zu erleben im Hotel am Schlossgarten bei einer Art „Neujahrsempfang“.

Info:

Die nächsten Termine: 14. bis 28. Januar Bespielung der Videowand Flughafen/Messe. 24. bis 26. Januar Bespielung der Videowand Pragsattel. 25. Januar, 19 Uhr, „Norm ist F!ktion #4, Neujahrsempfang“, Schlossgarten Hotel Stuttgart. Die Performance, eine Art Neujahrsempfang, im Hotel am Schlossgarten, dient den Künstlern dazu, diese Arbeit dem Publikum zu vermitteln. Francisca Zólyom, Kuratorin des deutschen Beitrags für Venedig Biennale 2019, wird eine Rede über die Arbeit von NAF halten. Infos auch unter: http://naf.space

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