Diese Archivaufnahme zeigt Thomas Naegele bei einem Besuch in Böblingen im Jahr 2005. Foto: /Annette Wandel/Archiv
Thomas Naegele wird 100. Obwohl der Künstler mit seinen schwäbischen Wurzeln seit seiner Jugend in New York lebt, gibt es bis heute eine besondere Beziehung zu Böblingen. Jutta Rebmann, die ihn für eine besondere Arbeit angeworben hat, weiß dazu Spannendes zu erzählen.
Wenn der Maler Thomas Naegele an Böblingen denkt, dürfte er die Stadtkirche vor seinem geistigen Auge haben – und heiße Tage im New Yorker Sommer, an denen er Winterbilder für Böblinger Weihnachtspostkarten gemalt hat. Ob er zu seinem 100. Geburtstag an diesem 11. Oktober an die Stadt und ihr markantes Gotteshaus denkt, sei einmal dahingestellt. Eins ist aber gewiss: In Böblingen werden ihm an diesem Tag sehr viele Menschen von ganzem Herzen alles Gute wünschen.
Ganz vorne bei den Gratulanten mit dabei dürfte wohl Jutta Rebmann sein. Schließlich war es die Böblinger Kulturpreisträgerin, Autorin und jahrelange enge Mitarbeiterin von Alt-Oberbürgermeister Alexander Vogelgsang, die Mitte der 90er den Anstoß für Naegeles Weihnachtspostkarten gab. Von 1995 bis 2005 gestaltete der Sohn des Malers Reinhold Nägele insgesamt zwölf Motive mit weihnachtlichen Stadtansichten. Heute sind diese Motive ein wertvoller Teil der Sammlung in Böblingens Städtischer Galerie.
Postkartenaktion brachte mehr als 100 000 Euro Spenden ein
Für die Motivsuche war Naegele immer wieder nach Böblingen gekommen, wobei die Stadtkirche es ihm offenbar besonders angetan hatte. In Form einer Wohltätigkeitsaktion kamen laut Jutta Rebmann über die Weihnachtskarten weit mehr als 100 000 Euro an Spendengeldern zusammen. „Zuletzt hatten die Karten eine Auflage von 15 000 Stück“, erzählt die Böblingerin.
Über die Jahre pflegte die heute 81-Jährige ein freundschaftliches Verhältnis zu dem New Yorker Künstler und Kunsterzieher. Über ihn und seine Familie weiß sie eine Menge zu erzählen – etwa, dass sein Onkel Eugen Nägele den schwäbischen Albverein mitbegründet hat und ein anderer seiner Vorfahren in der Revolution von 1848/49 Abgeordneter in der Frankfurter Paulskirche war. Oder dass sein Vater Reinhold – einer der Initiatoren der einflussreichen Künstlergruppe „Stuttgarter Secession“ – einst auf dem ehemaligen Böblinger Militärflughafen Flugfeld stationiert war.
Mit Böblingen verbindet Thomas Naegele sehr persönliche Erinnerungen. Sein berühmter Vater war ein enger Freund von Fritz Steisslinger. In der Villa des Böblinger Malers war er als Kind häufig zu Besuch, hat mit Steisslingers Söhnen gespielt und mit der Familie Weihnachten gefeiert. Weil seine Mutter Alice Nägele Jüdin war, floh die Familie Ende der 30er-Jahre vor dem Terrorregime der Nationalsozialisten. Tom, wie er sich später nennen sollte, war damals 14 Jahre alt. Zunächst landeten die aus Murrhardt stammenden Nägeles in London, später wurde ihnen New York zur neuen Heimat.
Eines der von Thomas Naegele entworfenen Postkartenmotive. Foto: Th/omas Bischof/Archiv
Dort besuchte der junge Mann, der das künstlerische Talent offenbar vom Vater geerbet hat, die School of Industrial Art, wo er eine Ausbildung zum Grafikdesigner machte. Nach seiner Zeit als US-Militärpolizist und Übersetzer in einem Lager für deutsche Kriegsgefangene in Nebraska arbeitete er als Grafiker und später in der Werbebranche. Unter anderem war der Vater von vier Kindern als TV Art Director und als Dozent tätig. 32 Jahre lang lehrte er an der School of Art & Design in Manhattan.
Im Jahr 1991 wurde Thomas Ferdinand Naegele (an die Stelle des schwäbischen „ä“ im Nachnamen war längst ein englischtauglicheres „ae“ getreten) als „Kunstlehrer des Jahres der Stadt New York“ geehrt. Als er vergangenes Jahr seinen 99. Geburtstag an seiner alten Lehrstätte feierte, würdigten die dortigen Studenten und Lehrkräfte ihn für seinen nach wie vor prägenden Einfluss. „He showed them the way“ (er zeigte ihnen den Weg), ist ein zu diesem Anlass veröffentlichter Artikel der United Teachers Federation (UTF) überschrieben.
Im Gespräch entfährt ihm noch immer ein herzhaftes „Heidenai!“
Sein Vater Reinhold Nägele war nach dem Krieg zurück nach Murrhardt gezogen, wo der Sohn ihn immer wieder besuchte. Auf seine heimatlichen Wurzeln ist Thomas Naegele bis heute stolz – was man ihm wohl auch anhört.
„Am Telefon klingt er noch immer so schwäbisch, als wäre er nie weggegangen“, erzählt Jutta Rebmann. Die gebürtige Lübeckerin kann sich köstlich darüber amüsieren, wenn Naegele in seinem New Yorker Apartment mit dem „Eine-Million-Dollar-Blick“ auf den Central Park im Gespräch noch immer ein herzhaftes „Heidenai!“ entfährt.