Künstlerexistenzen Zufall, Glück und Marketing
Stimmlich perfekt war Ed Sheerans Spontan-Auftritt vor der Oper nicht. Anlass für unsere Kolumnistin, über den Überlebenskampf in der Kulturszene nachzudenken.
Stimmlich perfekt war Ed Sheerans Spontan-Auftritt vor der Oper nicht. Anlass für unsere Kolumnistin, über den Überlebenskampf in der Kulturszene nachzudenken.
Der Sonntag ist selbst zum Radfahren viel zu heiß, in den Freibädern wird es nur Stehplätze geben, wo also lässt sich die kostbare freie Zeit am angenehmsten verbringen? Das Stuttgarter Kunstmuseum ist perfekt temperiert und lockt zudem mit einem Wandelkonzert des großartigen SWR Vokalensembles, das in den Räumen der Jubiläumsausstellung „Doppelkäseplatte“ zu einem Dialog von Musik und Kunst einlädt. Danach kann man sich ganz auf die Ausstellung konzentrieren, und es sind nicht die Werke der berühmten Künstler wie etwa Otto Dix oder Willi Baumeister, die am meisten Faszination ausüben, sondern die beiden Bilder von Gerda Brodbeck.
Gerda Brodbeck aus Sulz am Neckar – glamourös klingt anders. Die 2008 verstorbene Künstlerin benutzte für ihre Darstellung zweier in sich gekehrter Frauen billiges Transparenzpapier. Sie thematisiert nicht nur das Thema Armut, sondern war auch selbst von prekären Lebensumständen betroffen. So steht es im Kunstmuseum zu lesen, und Recherchen ergeben nur wenig mehr. Gerda Brodbeck ist weder bekannt noch reich geworden. Wenn man vor ihren Werken steht und den Sog spürt, der von ihnen ausgeht, dann fragt man sich, warum.
Wieso wird der eine berühmt, verdient mit seiner Kunst einen Haufen Geld oder kann zumindest ordentlich davon leben, und die andere nicht? An der Qualität und am Talent allein liegt es bestimmt nicht. Zufall, Glück und gutes Marketing spielen eine fundamentale Rolle. Der Superstar Ed Sheeran schreibt eingängige Popsongs und ist sicher ein total sympathischer Kerl, wenn man jedoch im Video von seinem Überraschungsauftritt vor der Stuttgarter Oper hört, wie er ohne unterstützendes Mikro und Technik seinen Hit „Perfect“ intoniert, dann sind seine stimmlichen Qualitäten alles andere als perfekt. Es gibt Hunderte exzellenter Singer-Songwriter und Bands, die genauso gut sind, die es aber nicht geschafft haben. Sie können keine exorbitanten Eintrittspreise verlangen, treten für wenige Hundert Euro Honorar am Abend auf, krebsen am Existenzminimum herum und machen trotzdem weiter, mit Nebenjobs und viel Idealismus.
Ganz ähnlich sieht es in der Kleinkunst- und Literaturszene aus. Es wird immer schwieriger, ausschließlich von der eigenen künstlerischen Produktion zu leben. Die Honorare sind auf dem Stand vor der Pandemie kleben geblieben, Streiks und Gehaltserhöhungen gibt es keine, und wenn jetzt aufgrund der Wirtschaftskrise die Gewerbesteuern sinken, werden Ausgaben der Kommunen für die Kultur als erstes gestrichen.
Letztlich geht es in der Kulturszene ums Überleben. Ihre Buntheit und Vielfalt kann nur erhalten bleiben, wenn es einerseits ein interessiertes Publikum gibt, das nicht nur den großen Namen hinterherrennt, und andererseits Veranstalter, die bereit sind, Risiken einzugehen und angemessene Honorare zu bezahlen.