Künstlerhaus Stuttgart Mit hundert Euro kann jeder mitbieten

Adnyn Yildiz geht im Künstlerhaus neue Wege Foto: Heiss
Adnyn Yildiz geht im Künstlerhaus neue Wege Foto: Heiss

Das Stuttgarter Künstlerhaus hat kein Geld. Sein Chef Adnan Yildiz setzt auf die Solidarität der Szene – mit einer Auktion.

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Stuttgart - Die Abbildungen auf der Einladungskarte stammen aus einer 1984 erschienenen Publikation zum fünfjährigen Bestehen des Künstlerhauses . Joseph Beuys war seinerzeit nach Stuttgart gekommen, um mit Manfred Rommel über die Frage zu diskutieren: „Stuttgart – Kunstprovinz oder Kunstmetropole?““ Das Künstlerhaus besaß die modernsten Videowerkstätten des Landes.

Adnan Yildiz hat sich mit der Geschichte des Hauses intensiv beschäftigt. In seinem ersten Jahr als künstlerischer Leiter hat er vier Ausstellungen organisiert, darunter im Sommer „Wie geht’s dir, Stuttgart?“ mit 16 Teilnehmern. All das zu einem Jahresetat, wie er ihm in Stockholm einmal für eine einzige Ausstellung zur Verfügung stand. Denn die Kürzung vor zwei Jahren belief sich zwar nur auf fünf Prozent, da aber das Künstlerhaus einen Teil der städtischen Förderung als Miete gleich wieder an die Stadt zurücküberweist, war der Einschnitt in Realität viel gravierender. Yildiz’ Idee: eine Auktion.

Fragen der Finanzierung von Kunst und Kultur beschäftigen Yildiz seit einiger Zeit. Angedacht war eine Ausstellung unter dem Titel „Was kostet das, Stuttgart?““ Doch obwohl viel freiwilliges Engagement im Künstlerhaus steckt und zum Beispiel die Werkstätten von Anfang an ehrenamtlich betreut wurden, reicht das Budget dafür nun nicht mehr aus. Yildiz hätte mehr Förderanträge stellen können. Doch Anträge haben Laufzeiten: Zu Beginn des Jahres musste er sich erst einmal einarbeiten, Konzepte entwickeln.

Einladungen mit einem Lied von Bert Brecht

Als Yildiz im Herbst an einem Workshop der Independent Curators International (ICI) in New York teilnahm, wo er als einer von zwölf unter insgesamt 150 Bewerbern ausgewählt worden war, stellte er fest, dass die ICI ebenfalls eine Benefizauktion veranstalteten. Zurück in Stuttgart, begann er sofort eine Menge Einladungen zu verschicken, denen er eine Videoaufzeichnung des Solidaritätslieds von Bert Brecht und Hanns Eisler beifügte.

Das kam bei den angeschriebenen Künstlern gut an. „Es war wie ein Schneeballeffekt““, erzählt Yildiz, „auch Künstler, die wir gar nicht gefragt hatten, boten spontan an mitzumachen.““ Einige sind dabei, die Yildiz bereits im Künstlerhaus vorgestellt hat: Slavs and Tatars zum Beispiel, die dieses Jahr auf der Sharjah Biennale vertreten waren, der bedeutende rumänische Künstler Dan Perjovshi mit einer „Stuttgart-21-Edition“ oder Ahmet Ögüt aus Diyarbakir, der mit einem Plakat, auf dem „Post no bills““ (Plakatieren verboten) steht, an eine konzeptuelle Arbeit von Felix Gonzalez-Torres anknüpft, die aus einem Stapel mitnehmbarer, völlig weißer Plakate bestand. Aber auch Stuttgarter Künstler sind mit an Bord wie Sylvia Winkler und Stephan Köperl, die von ihrer Videoarbeit zum „Stiefkind ZOB“ eine Sonderedition angefertigt haben. Die Galerien Parrotta, Klaus Gerrit Friese und Reinhard Hauff steuern Werke bei: Alle können am Dienstag im Rahmen der Linie West, dem gemeinsamen Programm aller vier Häuser, schon einmal besichtigt werden. Die Versteigerung findet am Samstag, dem 10. Dezember, statt.

Bei einer Auktion mag manch einer gleich an Millionenbeträge denken. Doch hier geht es nicht um Neo Rauch oder Gerhard Richter. Von einem Betrag von 100 Euro an kann jeder mitbieten. Ein Teil der Arbeiten wird online versteigert mit Rücksicht auf internationale Interessenten. Eine Liste von zwanzig Werken dieser „stillen Auktion“ ist bereits online einsehbar. Die Auktion selbst soll eine künstlerische Aktion sein. Wenn ein paar tausend Euro zusammenkommen, lässt sich damit bereits einiges anfangen. Denn die gesamten Einnahmen sollen in Projekte des kommenden Jahres zurückfließen.

Die Auktion versteht sich auch als eine Frage an Sammler, an Kunstliebhaber, an die ganze Stadt, was ihr das Künstlerhaus wert ist, das zuweilen international mehr Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat als in der Stadt selbst. Einige der früheren Leiter stehen heute an der Spitze wichtiger Kunstinstitutionen. Doch Adnan Yildiz geht es nicht allein darum, Ausstellungen zu organisieren. „Das Künstlerhaus ist ein Ort der künstlerischen Produktion, sagt er: „Einen sehr guten Kunstverein gibt es bereits in Stuttgart.“

Termine Vorbesichtigung am 6. Dezember von 18 bis 20 Uhr im Künstlerhaus sowie in den Galerien Parrotta, Friese und Hauff. Anmeldung bis 7. Dezember unter ay@kuenstlerhaus.de. Auktion am 10. Dezember von 18 Uhr an.



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