Künstlerin in Möhringen Das Unsichtbare sichtbar machen

Von Martin Bernklau 

„Lebensbilder“: Helga Hodum und ihre gelb strukturierte Fläche – ohne Titel, wie alles bei ihr. Ihr Haus ist fast ein Museum. Kunst allerorten, von ihr selber, ihrem verstorbenen Mann, dem Schwiegervater, den Kindern, befreundeten Künstlern.

Helga Hodums Haus gleicht einem Museum, überall hängt Kunst. Foto: Martin Bernklau
Helga Hodums Haus gleicht einem Museum, überall hängt Kunst. Foto: Martin Bernklau

Möhringen - Oh doch, sie arbeitet – ganz selten – auch mal figürlich. Manchmal gibt Helga Hodum ihren Bildern sogar Titel und Namen. Die sind dann aber ähnlich vieldeutig, lapidar und tief wie ihre Werke. „Schon – noch“ wird ihr Beitrag für die nächste Ausstellung des Kunstkreises im Möhringer Bürgerhaus heißen, eine karge Zeichnung auf Seidenpapier mit zwei fast parallelen Bleistiftlinien, die Profile eines menschlichen Gesichts sein könnten.

Ordnung, trotz einer Schwäche für Skurriles und Absurdes

Ihr Haus ist fast ein Museum. Kunst allerorten, von ihr selber, ihrem verstorbenen Mann, dem Schwiegervater, den Kindern, befreundeten Künstlern. Aber alles ist sehr aufgeräumt und sorgsam gehängt, mit Auge und Maß, trotz der überbordenden Vielfalt, alles in höchster Qualität. Sogar das Atelier unter den Dachfenstern ist von ungewöhnlicher Sauberkeit und Ordnung.

Dabei ist Helga Hodum ein springlebendiger, sogar ein wenig rebellischer Geist mit einer ausgeprägten Schwäche für Skurriles und Absurdes. Vorm Fenster stehen surrealistische Gartenzwerge, die sie ihre „Säulenheiligen“ nennt. Zur Begrüßung beim Kaffee muss sie zunächst unbedingt eine Künstler-Satire von Max Goldt vorlesen, in der sie sich am Abend zuvor lachend wiedererkannte: Denn sie hat auch mal „eine Tür bemalt“ – und zeigt sie.

Kunst als Beruf kam ihr nie in den Sinn

„Immer im Frühjahr“, sagt Hodum, „muss ich gelb malen.“ So ist es denn ein gelbes Bild mit subtiler Farbfeldmalerei, das sie ihr zur Zeit wichtigstes findet, eine einzige große gelbe Fläche, in zahllosen Nuancen und Schichten abgestuft und strukturiert. „Es geht nicht darum Sichtbares wiederzugeben, sondern Unsichtbares sichtbar zu machen. Ich möchte sehen, was ich nie zuvor gesehen habe“, erklärt sie. Es gibt auch Bilder, die mit ihren Flächenproportionen unterschiedlicher Farbfelder noch mehr an den von ihr zutiefst verehrten Mark Rothko erinnern, einen Wegweiser des abstrakten Expressionismus. Vor zwölf Jahren hat sie die Rothko-Ausstellung in der Baseler Fondation Beyeler besucht. „Da sind mir die Tränen übers Gesicht gelaufen“.

Sie stammt aus dem Rheinland, der Vater war Steinmetz an der Kölner Dom-Bauhütte. „Sehr präzise, aber nicht künstlerisch“ sei er gewesen, die Mutter hingegen habe beim Nähen der Kleider in Nachkriegs-Notzeiten viel künstlerische Fantasie entwickelt. Der Bruder wurde Bildhauer. Ihr selber, obwohl immer mit Malen und Zeichnen beschäftigt, „kam Kunst als Beruf nicht in den Sinn“. Sie lernte etwas Kaufmännisches – und lernte ihren Mann kennen, der auf Geschäftsreise war, beim „Kölner Schwabenverein Fürstenhof“ am Nebentisch saß und „Aschtor“-Zigaretten bestellte. Ein Jahr lang schrieben sie sich täglich Briefe, dann heiratete sie den erfolgreichen und für die Kunst aufgeschlossenen Schwaben, bekam Sohn und Tochter, war Hausfrau.

Über Ballett, Tanz und Malkurse zum Eigenen

„Das Gefühl, vom Mann ausgehalten zu werden, hat schon ein bisschen in mir rumort“, erinnert sie sich. Aber es brachte ihr auch eine Unabhängigkeit, wie sie sich in ihrer künstlerischen Arbeit so ausgeprägt zeigt. Sie hat Ballett und Tanz gemacht, bevor sie in den Achtzigern wieder mit dem Malen anfing. Die Kurse, die sie dann besuchte, „waren Umwege, die einen vom Eigenen fernhielten“, sagt sie heute. Dankbar ist sie trotzdem. Ein Lehrer sensibilisierte sie für die Linie, ein anderer ermutigte ihre eigenwilligen Erkundungen: „Richtig ist das, was du willst“. Aktzeichnen, das hat sie „immer gemacht, aber nie naturalistisch verwendet“. Objekte sucht sie nicht, sondern findet sie. Das Holz mit rostiger Bauklammer ist so genial einfach wie Picassos Stierkopf aus Sattel und Fahrradlenker.

Helga Hodum ist nach eigener Einschätzung „kein Gruppenmensch“. Sie freut sich aber, wenn sie ihre Sachen „mal außerhalb sieht“ - im Frühjahr noch bei der Stuttgarter Ausstellung des Bundes Bildender Künstlerinnen, im Herbst beim Kunstverein Möhringen.

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