Mariella Mosler ist seit 2004 Professorin an der Stuttgarter Kunstakademie. Ihre Arbeiten lassen sich auch unterwegs in der Stadt entdecken. Foto: Julia Knopp
Mariella Mosler arbeitet mit fragilen Materialien wie Sand, Zuckerperlen und Haaren. Im Stadtraum tritt ihre Kunst weniger vergänglich auf – und macht in Stuttgart nicht nur positive Erfahrungen.
Wer der Kunst von Mariella Mosler in einer Ausstellung begegnet, kann Eindrücke mitnehmen, die lange nachwirken. Bei vielen unvergessen ist das zuckersüß duftende Rote-Lippen-Boudoir, das sie in der Akademie Schloss Solitude einrichtete. Dafür brachte Mariella Mosler hunderte von Fruchtgummi-Mündern an Wänden und Decke einer Aufzugskabine an.
Auch die Bodenreliefs der für ihre Ornamente berühmten Künstlerin, für die sie Muster aus bunten Zuckerperlen oder aus Quarzsand auf großen Flächen ausbreitet, machen staunen. Mit beeindruckender Genauigkeit und manueller Perfektion werden die geometrischen Entwürfe in den Raum übertragen. Die Fragilität dieser vergänglichen Werke steht in einem krassen Widerspruch zum bleibenden Wert, den man mit Kunst verbindet. „Das Abräumen der ersten Arbeiten hat wehgetan“, erinnert sich die Künstlerin; Fotos der Installationen übernehmen die Erinnerungsarbeit.
Steckt in ihren Kunst-am-Bau-Projekten der Wurm?
Mariella Mosler müsste eigentlich bekannter sein in der Stadt, in der sie seit 2004 eine Professur für Bildhauerei an der Kunstakademie innehat. Sie hat bereits mehrere Arbeiten in Stuttgart für den öffentlichen Raum gestaltet. Doch gerade in den Werken, die sie als Kunst-am-Bau-Projekte entwarf, scheint der Wurm zu stecken.
Blick auf die Fassade am Mailänder Platz Foto: Nadine Bracht
Wer ganz konkret an Wattwürmer und ihre Spuren im Sand denkt, wenn er auf das neue Hochhaus am Mailänder Platz blickt, wird von der Künstlerin nicht korrigiert, aber freundlich aufgeklärt. Kein Wurm, sondern die kunstvoll verknoteten Äste von Maulbeerbäumen, die Leonardo da Vinci in einen Saal des Mailänder Stadtschlosses malte, standen Pate, als Mariella Mosler das Ornament für die Hotelfassade konzipierte.
„Mich hat da Vinci inspiriert, weil er die Ordnung des Raums aufhebt“, sagt Mariella Mosler beim Gespräch in einem Stuttgarter Café. „Ihm glückt die Verbindung von Natur und Kunst.“ Ähnliches hatten auch die Architekten des Hotelbaus am Mailänder Platz im Sinn; strenge Formen wollten sie mit Hilfe einer Grünfassade auflösen. Als der Brandschutz die Natur verhinderte, suchten die Bauherren nach einer künstlerischen Lösung. Aus einem Wettbewerb, zu dem auch Mariella Mosler eingeladen war, gingen ihre Knoten als Siegerentwurf hervor.
Während Da Vincis Äste seit mehr als 500 Jahren im Castello Sforzesco wuchern, wurden ihre Stuttgarter Nachfahren in diesem Herbst bereits zum ersten Mal ausgetauscht. Aluguss-Platten ersetzen nun die ursprünglichen Fassadenteile aus Glasfaserbeton, die Risse aufwiesen und absturzgefährdet waren. Aber auch dem neuen Material bleibt Mariella Moslers Idee unverändert ablesbar: Im Reibungsfeld zwischen Künstlichkeit und Natur liegt die Spannung ihrer Arbeiten.
Blick in die Krone: „Roter Baum“ von Mariella Mosler Foto: dpa/dpa
Das gilt auch für den „Roten Baum“, den sie 2005 zur Eröffnung des Kunstmuseums auf dem Kleinen Schlossplatz wachsen ließ. Mit seinen wie Zuckerstangen gewickelten Ästen und einer an Korallen erinnernden Farbe macht er Natur zum Artefakt und könnte aus einer barocken Wunderkammer stammen; Sitzgelegenheiten laden zum Verweilen ein. „Der Baum war als künstliches Naturprodukt für diese spezielle architektonische Umgebung gemacht, in der es kein Grün gibt. Er hat hier als Gegenstück zu einer Nichtstadtplanung super funktioniert und bot Möglichkeiten zur sozialen Interaktion und Kommunikation“, sagt Mariella Mosler.
Heute ist der Kunstbaum fehl am Platz
Die Menschen hätten das genutzt, hatte die Künstlerin beobachtet: „Der Platz erhielt ein Zeichen, Leute haben sich hier verabredet.“ Entsprechend bedauerlich findet sie den Umzug des Baums auf eine Verkehrsinsel vor dem Stadtpalais. Von einem Ministück Natur umwuchert sowie menschlicher Interaktion entzogen, fehle dem Kunstbaum hier sein Bedeutungsrahmen.
„Wenn sich öffentlicher Raum und Gesellschaft so schnell wandeln wie heute, ist dann ortsspezifische Kunst darin noch angemessen?“, gibt Mariella Mosler zu bedenken. Dass Kunst markante Zeichen setzen und ihr Umfeld aufwerten kann, steht für sie aber nicht in Frage. „Mangel an verkommenen Plätzen ist ja eigentlich nicht“, sagt Mosler. Die Kunst schaffe dort einen Aufenthaltsgrund, ein gedankliches Innehalten, das über das bloße Durchqueren hinausgehe.
Knoten schlingen und lösen
Nicht ohne Hintersinn wollte die Künstlerin an einem solchen Ort mit ihrer Skulptur „Knot Folly“ das Schlingen und Lösen von Knoten anschaulich machen – Bezug nehmend auf die digitale Simulation, die im Umfeld des Vaihinger Uni-Campus Thema ist. Doch wegen eines Streits zwischen Architekten und Platzgestaltern steht Mariella Moslers Kunst-am-Bau für das Forschungszentrum für Simulationstechnik seit sechs Jahren im Lager und wartet auf die Aufstellung. Nächstes Jahr, hofft die Künstlerin, darf sie endlich raus.
Info
Künstlerin Mariella Mosler, 1962 in Oldenburg geboren, hat in Hamburg Kunst und Philosophie studiert. 1994 war sie Stipendiatin der Akademie Schloss Solitude, seit 2004 ist sie Professorin an der Stuttgarter Kunstakademie. International bekannt machte sie ihre Auseinandersetzung mit dem Ornament; ihre Arbeiten entstehen oft aus vergänglichen Materialien wie Sand, Fruchtgummis oder Haaren.
Kritik Seit der Moderne haben Ornamente einen schlechten Ruf. Für Mariella Mosler zu Unrecht, auch Ornamente könnten ökonomisch gedacht und abstrakt sein, sagt die Muster-Künstlerin und merkt an: „Man darf nicht übersehen, dass auch das rechtwinklige Raster ein Ornament ist, eben das Ornament der Moderne. Es wird über und unter alles gelegt und regelrecht überhöht.“
Nachhaltig Mariella Mosler könnte ihre Sandreliefs aus der immer gleichen Tonne Quarzsand gestalten. Doch Lagerung und Transport, gibt die Künstlerin zu bedenken, wären aufwendiger. Dass sie für manche Reliefs große Mengen an Süßigkeiten verbraucht, sieht die Künstlerin positiv: „Zucker ist das, was man am wenigsten essen sollte. Besser man spielt damit.“
Feminin Ornamente stellt Mariella Mosler auch aus Haaren her. In den gehäkelten Formen sieht sie nicht neben dem feministischen Kunstansatz auch eine kritische Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus. „Es geht mir um das Thema der manuellen Arbeit. Dieser Bereich wird schlecht bezahlt und immer mehr ins Ausland verlagert oder ist heute Haute Couture“, sagt sie.