Früher Ausgehmeile, heute Leerstand: Das Künstlerviertel war früher ein Aushängeschild von Böblingen. Einige Böblinger erinnern sich an alte Zeiten – mit Wehmut.
Das Künstlerviertel in Böblingen war zu seiner Blütezeit etwas ganz Besonderes. „Man trifft sich in diesen hübschen Freiluftbistros, die Böblingen so ein bisschen was von Paris geben“, schwärmt eine Böblingerin in einem Leserbrief von 1991. Und Alfredo Croce, Wirt von „da Alfredo“, einem der Restaurants, das sich all die Jahre im Viertel gehalten hat, bekommt glänzende Augen, wenn er von damals erzählt.
Das KüVi, wie es liebevoll genannt wird, liegt zwischen Enger und Breiter Gasse beim Pestalozzihof in Böblingen. Es galt in den 1980er und 1990er Jahren als dasSzene- und Ausgehviertel der Stadt mit Kunstateliers, Bistros, Bars und Restaurants auf engstem Raum.
Das Bild von Schöttle vermittelt einen Eindruck, wie es im KüVi war. Foto: Anke Kumbier
Anlässlich der 20-Jahr-Feier des Viertels 1994 werden insgesamt elf Locations genannt – darunter das Café Oberhaus, die Cafébar Harlekin, das Musikcafé Orfeum oder das Bistro Belle Epoque. So steht es in Unterlagen, die der ehemalige Stadtarchiv Hans-Jürgen Sostmann aufbewahrt hat.
Das Künstlerviertel als Aushängeschild von Böblingen
„Das Künstlerviertel war das Aushängeschild Böblingens“, sagt Croce. „Die Leute kamen von überall her.“ Italienische Geschäftsleute hätten sich wie in Rom gefühlt, Franzosen wie in Marseille. „Im Sommer waren hier abends im Minimum 1500 Leute. Da gab es kaum mehr ein Durchkommen.“
Croce zeigt ein Bild, das in seiner Gaststube hängt und laut Signatur 1996 gemalt wurde. Das mit dem Namen Schöttle signierte Malerei fängt die Stimmung im Künstlerviertel auf Leinwand sehr treffend ein. Das farbprächtige Gemälde weckt Erinnerungen an Vincent van Goghs Frankreichimpression „Caféterrasse am Abend“. Auf dem Schöttle-Bild zu sehen sind eine hell erleuchtete Enge Gasse unter einem dunklen Nachthimmel und zahlreiche bunt gekleidete Menschen, die auf der Terrasse von „da Alfredo“ sitzen, vor der benachbarten Bar stehen oder flanieren.
Der Unterschied zu heute ist eklatant. Seit vielen Jahren stehen zahlreiche Gebäude im Künstlerviertel leer und wirken dem Verfall nahe. Das Restaurant von Alfredo Croce ist eines der wenigen, das übrig geblieben ist. Vor einem Jahr hat sich eine Bürgerinitiative namens ProKüVi gegründet, die dem Viertel wieder Leben einhauchen will.
Wann alles im Böblinger Künstlerviertel anfing
„So was Schönes hätte man nicht kaputt machen dürfen“, findet Croce. Allerdings lässt sich der Niedergang des Künstlerviertels – zumindest in der Rückschau – nicht mehr an einem einzelnen Ereignis festmachen. War es Ende der 1990er Jahre die Einschränkung der Sperrstunde von 24 auf 23 Uhr? Strengere Kontrollen? Der Konflikt zwischen Anwohnern und Gästen wegen Lärm? Oder lag es, wie gemunkelt wird, an dem Versäumnis von Eigentümer Josef Geiger, weiter in die alten Häuser zu investieren?
Schlussendlich war es wohl eine Mischung aus vielen Faktoren – und nicht zuletzt auch ein Generationenwechsel, der die Entwicklungen im Künstlerviertel beeinflusste. Doch wie fing eigentlich alles an? Darüber geben Zeitungsartikel Aufschluss, die Sostmann ebenfalls aufbewahrt hat.
Demnach trug Josef Geiger mit seinem Handeln entscheidend dazu bei, dass das Künstlerviertel überhaupt entstehen konnte. Er beschloss in den 1970er Jahren – entgegen dem vielerorts vorherrschenden Trend –, die alten Häuser zwischen Enger und Breiter Gasse nicht abzureißen, sondern zu sanieren. Sogar ein offizielles Gründungsdatum für das Künstlerviertel gibt es: den 1. Juni 1974.
Kunst, Künstler und Handwerk – das Künstlerviertel hatte viel zu bieten
Die Dachgalerie von Christa Gäbler, das Webatelier der Textilkünstlerin und späteren Böblinger Kulturpreisträgerin Getrud Buder, die Gold- und Silberschmiede Dalla oder L’Atelier von Heike Propst, damals Barthelemess, in dem sie Antiquitäten und Bilderrahmen verkaufte, prägten die Anfänge des Viertels.
Als „glückliche Mischung aus Kleinkunstbühne, Galerie und Künstlercafé“ bezeichnete die Stuttgarter Zeitung in einem Artikel von 1997 das „Oberhaus“, in das Gäbler 1981 zog. Namhafte Künstler wie Gerhard Polt, Lisa Fitz, Matthias Richling oder Dieter Hildebrand traten dort auf. Heike Probst berichtet 2021 in einer Mail an unsere Redaktion, dass sie Straßenfeste organisierte, bei denen Künstler und Handwerker Körbe flochten, und sogar Schafe geschert haben sollen. „Im Gefolge der Kunst zog dann“, so heißt es in dem Artikel der Stuttgarter Zeitung weiter, „die Küchenkunst ein und gewann allmählich die Oberhand.“
Inzwischen ist es etwas verwittert: das Wandgemälde von Rainer Simon. Foto: Anke Kumbier
Noch heute vermittelt ein Wandgemälde etwas von dem Flair, der damals durch die Gassen geweht haben muss. Zwei Hände spielen die Tasten eines Klaviers, darüber der Schriftzug „Künstlerviertel“. Entstanden ist es anlässlich des zehnjährigen KüVi-Jubiläums. Gemalt hat es der Dagersheimes Rainer Simon, Grafikdesigner, Cartoonist und Buchgestalter.
Damals war unter den Tasten noch die Stadtsilhouette Böblingens zu sehen. Dass es nicht mehr in vollem Glanz erstrahlt, scheint ihn nicht zu stören, aber an die Hochzeiten des KüVis erinnert er sich gern. „Das war eine tolle Sache damals und ein Treffpunkt für Kultur“, erzählt er. Und: „Es war immer was los.“
Erinnerungen gesucht
Aufruf Wer Bilder und Geschichten aus dem Künstlerviertel hat und sie unserer Zeitung zur Verfügung stellen möchte, darf sich gerne unter redaktion@krzbb.de melden.
Die Initiative Pro KüVi hat sich im Sommer 2025 gegründet. Sie will das Künstlerviertel wiederbeleben, sammelt Ideen, wie es heute neu gestaltet werden könnte und engagiert sich in der Stadtpolitik. Regelmäßig finden Treffen im Irish Pub, in der Breiten Gasse 5, statt.