Künstliche Intelligenz beim Bau Stuttgarter Bauplaner sind KI-Pioniere

Auch eine KI, die einem Bauarbeiter direkt erklären kann, wie es auf der Baustelle weitergeht, ist schon realistisch. Foto: dpa/Julian Stratenschulte

Die Stuttgarter Bauberater von Drees & Sommer haben sich in das Innovations-Abenteuer Künstliche Intelligenz gestürzt. Wo es schon klappt – und wie es ins „Metaversum“ geht.

Stadtentwicklung & Infrastruktur: Andreas Geldner (age)

Was kann Künstliche Intelligenz beim Bauen leisten? Wie schnell die Entwicklung aktuell vorangeht, hat jetzt das Stuttgarter Bau-Beratungsunternehmen Drees & Sommer auf einer öffentlichen Veranstaltung gezeigt. Seit einigen Monaten hat man systematisch mögliche Anwendungen durchgespielt. Das Ergebnis: Bereits 300 Arbeitsprozesse, die KI unterstützt. Die Stuttgarter sind Pioniere. Bisher hat sich in Deutschland laut IT-Branchenverband Bitkom nur jedes fünfte Unternehmen intensiver mit KI-Anwendungen beschäftigt. In der Baubranche sind es noch weniger.

 

Rasche Produktivitätsgewinne

Die bei der Umstellung auf KI oft vorhergesagte, kurzfristige Delle bei der Produktivität sei ausgeblieben, sagt Patrick Theis, Geschäftsführer bei Drees & Sommer: „Es hat sofort Produktivitätsgewinne von bis zu 90 Prozent gegeben.“

Und das sei gelungen, obwohl KI-Programme von der Stange noch Schwächen hätten. „Ich habe vor einiger Zeit versucht, eine Präsentation mit KI zu erstellen – das ging schief“, sagt Theis. Auf dem Weg zur großen Lösung suche man erst rasche Erfolge. Von der Chefetage aus ein Werkzeug auszurollen, das in der täglichen Praxis die Mitarbeiter frustriere, sei kontraproduktiv.

Drees & Sommer ist eines von 30 Unternehmen in Deutschland, die etwa von Microsoft als Testkunden für dessen KI-Werkzeug Copilot 365 ausgewählt wurden. Es ist zudem die einzige Firma aus dem komplexen und bisher digital hinterherhinkenden Bau- und Immobilienbereich. Für jeden der in Deutschland verfügbaren Plätze hatten sich 100 Firmen beworben. Auch mit dem Branchenführer Nvidia arbeitet man zusammen.

Ausschreibungsanalysen hat KI schon im Griff

Schnelle Erfolge gab es bei einer KI, welche die oft 700 bis 800 Seiten einer Ausschreibung daraufhin analysiert, ob sie grundsätzlich für das Unternehmen überhaupt interessant ist oder nicht. Solche Zusammenfassungen von größeren Textmengen sind schon heute eine Stärke der KI. „Wir haben hunderte solcher Akquisen durchlaufen lassen – und bei keiner lag die KI mit ihrer Einschätzung wirklich daneben“, sagt Patrick Theis, Geschäftsführer bei Drees & Sommer. Die rechtliche Risikoeinschätzung und Vertragsprüfung will man bis Mitte des nächsten Jahres komplett auf KI umstellen.

Grundsätzlich gilt: Wenn eine neue KI-Anwendung eingeführt wird, geschieht dies freiwillig. „Wenn die Mitarbeiter aber sehen, dass der Kollege oder die Kollegin mithilfe von KI am Vormittag mit einer Aufgabe fertig sind, bei der sie am Nachmittag noch dran sitzen, dann motiviert so etwas ganz schnell“, sagt Theis. Man würde die KI deshalb gerne noch schneller ausrollen. Der Engpass seien die am Markt verfügbare Rechenleistung und die notwendigen Lizenzen, die so genannten Token.

Standardsoftware und eigene Werkzeuge

Mit selbst entwickelten KI-Werkzeugen sieht Drees & Sommer eine Chance, selber zum Anbieter zu werden. Denn bei speziellen Anwendungen für Bau und Planung steht die Künstliche Intelligenz noch am Anfang. Wie gruppiert man etwa die Räume in einem Gebäude am besten zueinander? „Wir wollen eine KI, der man sagen kann: Plane mir ein Haus mit den und den Eigenschaften,“ sagt Florian Reuter vom unternehmenseigenen Start-up Formfollowsfunction.ai.

„Es hat sofort Produktivitätsgewinne von bis zu 90 Prozent gegeben“, sagt Patrick Theis (li.), Geschäftsführer bei Drees & Sommer, über die Umstellung auf KI. Foto: Drees & Sommer/cf

In solchen Spezialentwicklungen liegt für deutsche Unternehmen generell eine Chance, im KI-Wettlauf mitzuhalten. Denn trainiert werden muss eine solche KI mit vorhandenen, oft exklusiven Daten und mithilfe menschlicher Fachkompetenz. „Die Architekten und Bauingenieure, die so etwas können, haben wir ja schon“, sagt Reuter.

Bald komme KI direkt auf die Baustelle, sagt Geschäftsführer Theis: „Ein Bauarbeiter kann dann in gesprochener Sprache ganz einfach fragen: Wie genau muss ich die Lüftungsleitung am Fenster legen? Ohne bei der Bauleitung anzurufen.“

Komplette simulierte Fabriken

Zusammen mit dem Branchenführer Nvidia aus den USA arbeitet man bei Drees & Sommer an der nächsten Stufe der Künstlichen Intelligenz: Am so genannten industriellen Metaversum, einer dreidimensionalen Simulation der Realität.

Hier werden alle Abläufe in einer Fabrik, vom Verhalten der Maschinen über die Transportwege bis zur Abrechnung, durchgespielt. Die Rechenleistung entwickele sich so rasant, dass man inzwischen auch das komplexe Verhalten von Flüssigkeiten simulieren kann: „Sie müssen testweise keine echte Karosserie mehr durchs Lack-Tauchbad schicken“, sagt Matthias Stach, der bei Drees & Sommer für die integrale Fabrikplanung zuständig ist.

Das spart nicht nur Kosten, sondern vor allem Zeit. In den USA und China werden Fabriken auf der grünen Wiese schon heute so konzipiert. Die Herausforderung in Deutschland sei, dass man hier oft vorhandene Infrastruktur nutze, sagt Stach. Umso wichtiger sei es, mit KI die Modernisierung der Anlagen zu beschleunigen.

Was kann Künstliche Intelligenz?

Definition
Künstliche Intelligenz ist die Fähigkeit einer Maschine, menschliche Fähigkeiten wie logisches Denken, Lernen, Planen und Kreativität zu imitieren.

Fähigkeiten
KI ermöglicht es technischen Systemen, ihre Umwelt wahrzunehmen, mit dem Wahrgenommenen umzugehen und Probleme zu lösen, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. KI-Systeme sind in der Lage, ihr Handeln anzupassen, indem sie die Folgen früherer Aktionen analysieren und autonom arbeiten.

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