Künstliche Intelligenz für die Hosentasche Warum Smartphones so schlau sind

Wer ein Selfie macht, nutzt besonders viele KI-Programme. Oftmals verschönern dabei die Programme automatisch die Gesichter. Foto: Adobe Stock/Jacob Lund

Smartphones sind die Superagenten der Künstlichen Intelligenz. Mit ihnen verknüpfen sich KI-Anwendungen am engsten mit fast allen Lebenslagen. Bisher ging das auf Kosten der Privatsphäre – doch das könnte sich jetzt ändern.

Geld/Arbeit: Daniel Gräfe (dag)

Stuttgart - Die Macht und Intelligenz eines Smartphones zeigt sich an diesem Sommertag beispielhaft auf dem Stuttgarter Schlossplatz bei einem Selfie, das eine Gruppe mit dem Handy macht. Die Gesichtserkennung hat den Bildschirm entsperrt, die Fotosoftware fokussiert die Gesichter und zeichnet die Hautfarbe etwas gefälliger. Schon vor dem ersten Klick legte die Kamera auf Vorrat Bilder mit unterschiedlichen Einstellungen an, die sie später zu einem Bild zusammensetzt, das sich nach dem ersten Klick leicht verändern lässt. Selfies, wissen die Softwareentwickler, sollen möglichst perfekt, das heißt schmeichelhaft sein.

 

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Die neuesten Smartphones haben Dutzende künstlich-intelligente Programme an Bord, viele arbeiten im Hintergrund. So wie die Software dem Selfiebild je nach kulturellem Hintergrund der fotografierten Person einen etwas gebräunten oder hellen Teint verleihen kann, erkennt sie auch andere Fotosituationen und ordnet später Personen nach den Aufnahmen einander zu. Mit Hilfe von Kamera, App und Internetverbindung lassen sich auch Speisekarten übersetzen oder virtuelle Informationen zu Sehenswürdigkeiten vor Ort einblenden.

„Die Künstliche Intelligenz (KI) auf dem Smartphone kann in wahnsinnig vielen Lebenslagen eingesetzt werden, weil sie immer dabei ist und aus den Nutzergewohnheiten extrem viel lernt“, sagt Sebastian Klöß, Technologieexperte beim Digitalverband Bitkom. „Auf dem Smartphone haben wir die meiste KI in der Hand.“

Mit dem Smartphone haben wir die meiste KI in der Hand

Neben der Bilderkennung hat vor allem die Spracherkennung und -steuerung auf den Smartphones enorme Fortschritte gemacht, bekannteste Programme sind Apples Siri oder Googles Assistant. Einfache Befehle werden erkannt, Übersetzungen schneller und genauer. Mit den entsprechenden Sensoren lässt sich etwa der Schlaf überwachen oder ein Sturz melden. KI steuert auch die Akkuleistung, sie erkennt, wann und wie welche Apps genutzt werden und passt die Energieversorgung im Voraus an.

Überhaupt passen sich KI-Programme immer besser an das Verhalten ihrer Nutzer an. Das funktioniert vor allem, weil Verbraucher kostenlos und praktisch aus allen Lebenslagen die nötigen, oft privaten Daten liefern. Die Programme lernen schnell, da weltweit Milliarden Menschen ähnliche Programme benutzen, die über die großen Server- und Internetplattformen laufen und ausgewertet werden.

Der Markt ist enorm. Die Umsätze rund um Smartphones belaufen sich weltweit auf Hunderte Milliarden Euro. Deshalb investieren Hersteller und Dienstleister viel in die KI-Entwicklung auf verschiedenen Geräten. Künstliche Intelligenz – und damit das persönliche Nutzererlebnis – sind längst zu den wichtigsten Werbeversprechen geworden.

Nutzer können testen, wie schlau ihr Smartphone tatsächlich ist

Andrej Ignatov, Forscher in der Abteilung Computer-Vision an der technischen Hochschule ETH in Zürich, testet die Werbebotschaften auf ihren Wahrheitsgehalt. Vor drei Jahren hat der heute 26-Jährige mit anderen ETH-Forschern einen KI-Test für Smartphones online gestellt und seitdem verfeinert. Die App, die es als „AI Benchmark“ bisher für Android-Handys gibt, misst und vergleicht die KI-Leistungsfähigkeit von Smartphones. Diese müssen etwa Objekte erkennen, Personen identifizieren, Fotos optimieren oder Textlücken ergänzen.

Die App gelte inzwischen als Referenz in der Branche und werde von vielen genutzt, sagt Ignatov. In diesem Jahr solle noch eine Smartphone-App für Apple-Handys kommen. Derzeit führen das KI-Ranking die chinesischen Spitzenmodelle von Huawei und Oppo an. Mit etwas Abstand folgen die High-End-Geräte von OnePlus (China), Samsung (Südkorea) und Asus (Taiwan).

„Bei allen Herstellern haben sich die Werte in den vergangenen Jahren stark verbessert“, sagt Ignatov. Rasant hat sich vor allem die Zentrale des Handys entwickelt, sozusagen das auf einen Chip konzentrierte Gehirn und die Nervenbahnen des Geräts. „Damit lassen sich nicht nur komplexere Aufgaben erledigen, sondern diese auch schneller.“

Auch an der Uni Tübingen baut man die passenden Chips

Oliver Bringman von der Universität Tübingen glaubt deshalb, dass der Siegeszug der Alleskönner noch lange nicht zu Ende ist: „Smartphones sind bereits jetzt mächtige KI-Instrumente und werden in Zukunft noch mehr KI-Anwendungen bereitstellen, die heute noch nicht vorstellbar sind.“ Bringmann ist Professor für Embedded Systems. Das heißt, er ist Spezialist darin, die komplexen Anwendungen großer Rechenmaschinen in die kleinen Dinge zu integrieren, also auch in Handys. Mit seinen Kollegen baut er hierzu auch eigene Chips.

Den Datenschatz der Smartphone-Nutzer mithilfe von KI zu bündeln, sei Basis des Geschäftsmodells der großen Anbieter wie Google oder Amazon, sagt er. Mit den Zugriffen etwa auf den Standort, das Verhalten der Nutzer und der Auswertung einiger Einkaufslisten könne der Verbraucher schon jetzt auf einer Autofahrt auf ein Sonderangebot des Lieblingssupermarkts an der Wegstrecke aufmerksam gemacht werden, samt Hinweis, welche Produkte auf der Einkaufsliste besonders günstig sind.

„Je mehr Routinen die Unternehmen vorhersagen können, desto bessere Angebote und damit bessere Geschäfte können sie machen“, sagt Bringmann. Das Geschäftsmodell funktioniere insbesondere dann reibungslos, wenn der Nutzer de facto gläsern sei – also seine Daten und die Programme über die Internetserver der Anbieter verarbeitet werden – und nicht nur auf dem eigenen Smartphone selbst.

Die Smartphones könnten künftig sicherer und privater werden

Bringmann setzt sich dafür ein, dass die Verbraucher die künstlich-intelligenten Programme nutzen, aber dabei ihre Privatsphäre wahren können. Dazu müssten auch komplexere KI-Anwendungen nur auf den persönlichen Smartphones, nicht aber über den Umweg über das Internet verarbeitet werden. Die privaten Daten würden also nicht nach außen gegeben. Dazu müssten die Smartphones aber noch leistungsfähiger werden. Entwicklungen wie jene des Chipdesigners ARM, der vor zwei Jahren einen KI-Beschleuniger für mobile Systeme auf dem Markt brachte, machen ihm Mut. „Damit können wir auf dem Smartphone selbst Verfahren nutzen, die bisher leistungsfähigeren Desktopcomputern oder Cloud-Servern vorbehalten waren.“

Die KI-Lösungen direkt auf dem Smartphone seien „in der Forschungslandschaft aktuell eine Riesendiskussion“, betont Bringmann. Und es sei auch eine Debatte, die zwischen Firmen und Datenschützern verlaufe. Sein Standpunkt ist klar: „Firmen könnten auch weniger private Daten nutzen, um Geld zu verdienen, und dabei dennoch persönliche, situationsspezifische Unterstützung anbieten sowie ihre KI-Programme verbessern.“ Daran werde auch er weiter forschen, sagt Bringmann. „Das ist meine Motivation.“

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