Künstliche Intelligenz im Alltag Wenn der Künstler eine Maschine ist

Bei diesem Gemälde war kein menschlicher Künstler am Werk: Das goldumrandete Porträt Edmond de Belamy hat ein Computer-Algorithmus erstellt. Foto: dpa/Montage: Ruckaberle

Kann KI Kunst, oder macht sie Künstler überflüssig, wenn Algorithmen Bilder malen oder Musikstücke komponieren? Manche Jobs in Kunst und Musik sind in Gefahr.

Wirtschaft: Imelda Flaig (imf)

Stuttgart - Bei Künstlicher Intelligenz (KI) denken viele an autonomes Fahren, schlaue Sprachassistenten oder medizinische Diagnosen, doch KI nimmt immer mehr Einfluss auf kulturelle Bereiche. Intelligente Softwareprogramme schreiben Texte, komponieren Musikstücke und malen – egal ob im Stil von Picasso oder Rembrandt.

 

Dass KI in der Kunstwelt angekommen ist, hat sich spätestens im Oktober 2018 gezeigt, als im traditionsreichen Auktionshaus Christie’s das Porträt Edmond de Belamy für 432 000 Dollar (umgerechnet 360 000 Euro) Euro versteigert wurde. Der Clou: Der Mann hat nie existiert, und das Werk, das wie ein altes Ölgemälde aussieht, wurde nicht von einem Menschen gemalt, sondern mithilfe von KI erschaffen. Eine Künstlergruppe hatte einen Datensatz mit 15 000 Gemälden erstellt – und auf dieser Basis die Maschine danach selbst malen lassen.

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Egal ob Kunst von KI-Systemen oder etwa der Zeichenroboterdame Ai-Da, die mit Bleistift und Algorithmus malt, Menschen sind bereit, für solche Werke viel Geld auszugeben. „KI-Kunst hat sich im Kunstmarkt mühelos etabliert“, sagt Bernd Flessner, Zukunftsforscher am Zentralinstitut für Wissenschaftsreflexion und Schlüsselqualifikation der Uni Erlangen-Nürnberg.

Kann KI kreativ sein?

Doch kann KI, wie man selbstlernende Systeme verkürzt nennt, Kunst und Kreativität vereinen – und was heißt das für die Branche? Die Expertenmeinungen gehen auseinander: Für die einen ist KI ein Hilfsmittel, für die anderen ein kreativer Partner. „KI kann immer nur ein Muster, das es schon gibt, erlernen und dieses Muster – egal, ob es ein Bild, ein Text oder Musikstück ist – in Varianten wiedergeben“, sagt Technik- und Kulturexperte Holger Volland. „Kreativität und Baugefühl lassen sich nicht programmieren. Zur Kreativität gehört auch Persönlichkeit.“

KI könne ein Rembrandt-Gemälde nachempfinden oder ein Kapitel aus einem Harry-Potter-Buch. Derjenige, der das Bild betrachte oder den Text lese, könne das Ergebnis als etwas Kreatives wahrnehmen. „Die KI ist es aber nicht“, sagt Volland. Die Gefahr, dass KI Schriftsteller oder Künstler überflüssig macht, sieht er nicht.

Jeder kann Künstler werden

„KI ist ein Werkzeug“, sagt Thom Frühwirth, Professor vom Institut für Softwaretechnik und Programmiersprachen an der Uni Ulm. Er hat einen KI-Kunst-Algorithmus entwickelt, der mit Hunderten Steinmetzzeichen gefüttert wurde, wie sie in mittelalterlichen Klöstern und Kathedralen zu finden sind, um moderne digitale Kunst zu schaffen.

Mit KI-Programmen kann mitunter jeder zum Künstler werden. Ein Team um den Tübinger Neurowissenschaftler Matthias Bethge hat ein kunstschaffendes Computerprogramm entwickelt, mit dem sich eigene Fotos in Gemälde im Stil berühmter Künstler umwandeln lassen – zu sehen im Internet unter: deepart.io.

Roboterjournalisten verfassen Texte

KI-Software hat auch die Musikbranche erobert – Avia beispielsweise ist eine Künstliche Intelligenz, die aus Tausenden Partituren gelernt hat, wie man Musik komponiert. Algorithmen gibt es für die unterschiedlichsten Musikstile. KI-Anwendungen für sogenannte Gebrauchsmusik werden zunehmen, sagt Experte Volland. Er spricht von „Fahrstuhlmusik“, also Hintergrundmusik ohne große künstlerische Ansprüche, die in Fahrstühlen, Einkaufszentren, bei Erklärvideos oder Computerspielen läuft.

In solchen Bereichen der Kreativwirtschaft sieht er daher auch Jobs in Gefahr – auch die mancher Autoren und Journalisten. KI eigne sich vor allem für Texte, die auf Zahlen basierten. Robojournalisten etwa verfassten bereits Wirtschaftsmeldungen und Wetterberichte, das funktioniere auch bei Sport- und Wahlergebnissen oder Gebrauchsanweisungen.

Millionenschwere Algorithmen

Den wirtschaftlich interessanten Bereich von KI im kreativen Feld sieht Volland aber darin, dass Künstliche Intelligenz den Zugang zu Inhalten steuere – egal ob beim Audio-Streamingdienst Spotify, bei Amazon, E-Book-Readern wie Kindle oder Netflix, die bei ihrem Geschäftsmodell auf Personalisierung setzten.

Algorithmen lernten, was den Nutzern der Streamingdienste gefalle, mache Vorschläge für das nächste Musikstück, den nächsten Film oder das nächste Buch zum Runterladen. „Allein der Netflix-Algorithmus ist Millionen wert, weil er die Leute davon abhält, das Abo zu kündigen“, sagt Volland, der auch Autor des Buchs ist „Die Zukunft ist smart. Du auch?“.

Mensch und Maschine musizieren zusammen

Viele Einsatzbereiche sind möglich: Auch Drehbuchautoren können mit einem Klick Handlungsvarianten durchspielen, mithilfe von KI können auch unvollendete Werke von Komponisten vollendet werden. „Es gibt inzwischen großartige Projekte, die zeigen, wie Mensch und Maschine in der Musik zusammenarbeiten können“, sagt Stephan Baumann, Experte für KI und Musik am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Kaiserslautern.

Die in Berlin arbeitende US-Musikerin Holly Herndon etwa singt gemeinsam mit einer von ihr entwickelten KI. Ein anderes Beispiel für KI-Musik ist der Song „Daddy’s Car“, der wie ein Beatles-Song klingt, aber keiner ist. Forscher trainierten ein neuronales Netz mit 45 Beatles-Songs, das den Titel kreierte. Gespielt wurde er aber von einer richtigen Band. Wenn man die Software alles machen lasse, wirke es oft zu statisch und vorhersehbar, findet Baumann.

KI-Song im Stil der Beatles

Der Tübinger Wissenschaftler Johannes Stelzer geht einen Schritt weiter und sieht KI als „kreativen Partner“ des Künstlers. Neuronale Netze könnten auch interagieren, sagt er. Gemeinsam mit drei weiteren Tübinger Wissenschaftlern hat er die Firma Colugo gegründet, um Unternehmen Künstliche Intelligenz zugänglich zu machen. Gleichzeitig ergründen die vier als Künstlergruppe Lunar Ring deren kreatives Potenzial und visualisieren es. Im Verbund Mensch und Maschine entstehe etwas Neues, noch nie Dagewesenes – auch mit dem Betrachter, wenn das Kunstwerk interagiert.

Zukunftsforscher Flessner ist sich sicher, dass die Entwicklung in Richtung Personalisierung und Individualisierung bei Kunstwerken, Filmen und Texten weitergeht, zumal mit dem Quantenrechner ein Superrechner in den Startlöchern stehe, der ungeahnte Rechnerkapazitäten biete. „Wenn Sie ein E-Book lesen oder einen Film schauen und eine Kamera die Mimik erfasst und über Erkennungssysteme feststellt, dass das Buch oder der Film nicht gefällt, kann die Handlung in Echtzeit individuell geändert werden“, wagt Flessner den Blick in die Zukunft.

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