Künstliche Intelligenz in der Finanzbranche Mehr als nur Robo-Berater

Für eine detaillierte Beratung braucht man immer noch echte Menschen Foto: mauritius images/pa

KI hilft Bankkunden bei der Suche nach einer passenden Geldanlage. Die Polizei unterstützt sie im Kampf gegen Finanzkriminalität. Was ist möglich?

Frankfurt - Keine Frage, Linda ist sehr eloquent. „Jeder wünscht sich ein sorgenfreies Leben – besonders im Alter“, erwidert die digitale Assistentin der Kreissparkasse Waiblingen auf die Frage nach einem Riester-Vertrag. Um dann einen Link zu einer Übersicht über verschiedene Altersvorsorgeprodukte zu präsentieren.

 

Das hilft – aber ist es schon Künstliche Intelligenz? Eher nicht, meint Orcun Kaya, Dozent für Corporate Finance an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW): „Die meisten Chatbots können bislang nur Fragen beantworten, bei denen auch das FAQ der Webseite weiterhelfen würde. Bei Fragen, die darüber hinausgehen, landet man dann in aller Regel beim normalen Kundenservice.“

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Technisch ausgefeilter sind Sprachassistenten, über die beispielsweise der Kontostand mündlich abgefragt werden kann. Viele Kreditinstitute setzen dafür allerdings auf die bekannten Sprachassistenten der US-Konzerne Amazon, Apple oder Google. Zu den wenigen Geldhäusern, die eine von diesen Anbietern unabhängige Sprachsteuerung anbietet, zählt die Commerzbank-Tochter Comdirect. Der IT-Dienstleister der Genossenschaftsbanken, Fiducia GAD, arbeitet derzeit an einer Sprachsteuerung für seine neue Banking-App.

Robo-Advisor werden Finanzberater nicht ersetzen

Wer sich für die Geldanlage mit Fonds interessiert, kann einen sogenannten Robo-Advisor zu Hilfe nehmen. Es handelt sich um Online-Portale, auf denen Nutzern nach Beantwortung einer Reihe von Fragen zu ihrer Risikobereitschaft und finanziellen Lage ein Paket aus verschiedenen Aktien- und Rentenfonds angeboten wird. „Robos machen es möglich, dass auch Menschen mit geringem Vermögen zu vergleichsweise niedrigen Gebühren Unterstützung bei der Geldanlage erhalten“, sagt Kaya.

Aber: „Überflüssig werden Finanzberater dadurch nicht.“ Eine umfassende Anlageberatung, die zum Beispiel Vor- und Nachteile verschiedener Altersvorsorgeprodukte wie Betriebsrente oder Riester-Verträge für den jeweiligen Kunden abklopft, leisten die Robos nicht.

Auf Kunden zugeschnittene Produkte

Als Unterstützung für Berater wird KI auch genutzt, um herauszufinden, welche Bankdienstleistungen für welche Kunden besonders interessant sein könnten. Das gehe allerdings nur, wenn die Kunden vorab einer Analyse ihrer Daten zustimmten, betont Kilian Retter, KI-Spezialist bei der LBBW.

„Wir sprechen die Kunden persönlich in den Filialen oder auch telefonisch darauf an, ob sie der Nutzung ihrer Daten zustimmen, zum Beispiel für auf sie zugeschnittene Produktinformationen“, erläutert Retter. Wenn ja, unterzeichnen sie die dafür nach dem Datenschutzrecht vorgesehene Einwilligungserklärung, dass ihre Daten für entsprechende Analysen genutzt werden dürfen.“

Die richtige Zielgruppe finden

Es geht dabei nicht um die einfache Feststellung, dass einem Kunden, der ständig ins Dispo rutscht, ein Ratenkredit angeboten werden sollte. Das Prinzip ist vielmehr, aus einer Vielzahl von Daten auf mögliche Interessen zu schließen. Retter erklärt das so: „Aus den vorhandenen Daten über Kunden, die nachhaltige Investmentfonds gekauft haben, versuchen wir, typische Eigenschaften dieser Gruppe herauszufiltern. Dafür werden Gemeinsamkeiten in den Datensätzen dieser Kunden identifiziert.“

Das Ergebnis sei „eine Schablone, die wir über den Kundenbestand legen können“. Diese Schablone zeigt dann eine für nachhaltige Investmentfonds besonders vielversprechende Zielgruppe an. Kontaktiert würden aber nur diejenigen Kunden aus der Gruppe, die zuvor einer gezielten Ansprache zugestimmt hätten, betont Retter.

In die Analyse einbezogen werden beispielsweise Daten über die Kontobewegungen, vom Kunden zusätzlich genutzte Bankdienstleistungen wie Depot oder Einlagen, die Intensität der Online-Bankingnutzung oder auch die Zahl der Geldabhebungen am Automaten.

Kampf gegen Finanzkriminalität

Große Chancen werden Künstlicher Intelligenz auch bei der Prävention von Geldwäsche und anderen Formen von Finanzkriminalität zugeschrieben. Zwar nutzen die Banken schon lange elektronische Systeme, um Zahlungsströme auf Auffälligkeiten zu scannen. Doch mittlerweile erprobten einige Institute „die Verbesserung der bestehenden elektronischen Monitoringsysteme durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz“, heißt es bei der Finanzaufsicht Bafin.

Vor deren Anwendung im Kampf gegen Finanzkriminalität müssten aber noch einige Fragen geklärt werden: „Es ist wichtig, dass das System anhand der richtigen Daten trainiert wird. Zudem muss für die Aufsicht nachvollziehbar sein, was das System macht“, erklärt ein Behördensprecher. „Die Bafin begleitet die beaufsichtigten Institute bei den Tests der neuen Systeme.“

Kein Geld für Terroristen

Zu den Entwicklern von KI-Systemen zur Bekämpfung von Finanzkriminalität gehört die LBBW-Tochterfirma Targens. Sie hat ein Programm entwickelt, das die Verhinderung von Terrorfinanzierung unterstützt. „Banken müssen sicherstellen, dass kein Geld an eine Terrororganisation geht“, erläutert Ines Planner, Data Scientist bei Targens.

Für die Kontrolle von Zahlungsströmen nutzen die Finanzinstitute IT-Systeme. Die Daten der Überweisungen werden mit den Namen bekannter Terroristen und Terrorvereinigungen verglichen. Bei Übereinstimmungen wird die Zahlung vom System gestoppt.

Das letzte Wort hat der Mensch

Anschließend muss ein Mensch überprüfen, ob dies berechtigt ist oder ob der Empfänger der Überweisung einfach zufällig so ähnlich heißt wie eine Person auf der Liste. Die Targens-KI, genannt Smaragd IAC, unterstützt den Mitarbeiter bei der Arbeit. Sie wurde dafür mit einer großen Menge Daten über die Entscheidungen menschlicher Kontrolleure gefüttert.

„Unsere Tests zeigen, dass die KI in über 90 Prozent aller Fälle genauso entscheidet wie die ausgebildeten Compliance Officer“, sagt Planner. In den verbleibenden Fällen handele es sich um Fehlalarme, bei denen sich der Zahlungsstopp im Nachhinein als unnötig erweist.

Vollständig ersetzen soll und kann das System den Menschen allerdings nicht. „Schon aus regulatorischen Gründen muss die endgültige Entscheidung von einem Menschen getroffen werden“, sagt Planner. Der Mitarbeiter wird durch die Voreinschätzung von Smaragd IAC entlastet und hat mehr Zeit für die komplexen Prüfungen. Ein weiterer Vorteil: „Die KI ermüdet nicht, sie arbeitet zu jeder Tag- und Nachtzeit gleich zuverlässig. Ihre Vorarbeit erhöht also letztlich die Sicherheit deutlich“, sagt Planner.

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