KI-Forschung in Stuttgart-Vaihingen Künstliche Intelligenz made auf den Fildern

Bei einem Fraunhofer-Projekt aus Stuttgart-Vaihingen entstehen Technologien, mit denen Maschinen künftig dem Bediener ihre Zustände und Probleme mitteilen können Foto: Fraunhofer IPC (z)

Baden-Württemberg strebt eine Führungsrolle beim Export Künstlicher Intelligenz an. Stuttgart-Vaihingen ist als Standort für den Innovationspark im Spiel. Bereits jetzt gibt es dort ein Cluster. Zu Besuch bei Menschen, die an der KI feilen.

Vaihingen - Ingenieurwesen, Tiermedizin, autonomes Fahren, smartes Wohnen: Die Einsatzgebiete für Künstliche Intelligenz (KI) sind mannigfaltig. KI könnte schon bald ein neuer Exportschlager aus Baden-Württemberg werden, vielleicht sogar aus Stuttgart-Vaihingen.

 

Die Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut spricht von „enormen Wertschöpfungspotenzialen in praktisch allen Bereichen unserer Wirtschaft“. Mit Vorhaben wie dem geplanten Innovationspark KI Baden-Württemberg trägt das Land dieser Entwicklung ebenso Rechnung wie mit dem derzeit laufenden KI-Innovationswettbewerb. 44 Projekte junger, aber auch etablierter Unternehmen und Institutionen erhalten Fördergelder – auch solche aus der Region Stuttgart, wo die Überlegungen für einen potenziellen Innovationspark-Standort auf dem Allianz-Gelände im Synergie-Park derzeit konkrete Formen annehmen.

Gleich drei Projekte des Fraunhofer-Institut gefördert

„Was die Ideen angeht, ist die Konkurrenz im KI-Bereich groß“, sagt Marco Huber, Leiter des Zentrums für Cyber Cognitive Intelligence am Fraunhofer-Institut IPA in Vaihingen, das im Zuge des Landeswettbewerbs gleich mit drei eingereichten Projekten für förderungswürdig befunden wurde. Es handelt sich um Verbundprojekte, an denen auch mittelständische Firmen aus der Region beteiligt sind. So sitzen die Ensinger Heilquellen GmbH und ein Supermarkt mit im Boot, wo es darum geht, einen mobilen Roboter für die Getränkelogistik zu entwickeln. Es gebe eine bedeutende Kluft zwischen den Möglichkeiten, die der Einsatz von KI eröffnen könne, und der Zahl von Anwendungen im Arbeitsalltag, so Huber. Meist sei nach einem Pilotprojekt Schluss. Entsprechend angetan ist er vom erklärten Ziel des Innovationswettbewerbs, den Technologietransfer von der Wissenschaft in die Wirtschaft zu verbessern.

„Es geht auch darum, wissenschaftlich anspruchsvolle Forschungsfragen zu lösen, die mit einem hohen Erfolgsrisiko verbunden sind“, verweist Marius Ritter, Pressesprecher des Wirtschaftsministeriums, auf mögliche Hürden. „Dennoch sollen die Projektergebnisse möglichst rasch zu konkreten Produkt-Innovationen weiterentwickelt werden können.“ Auch kleine und mittlere Unternehmen könnten mithilfe von KI neue oder deutlich verbesserte Produkte und Dienstleistungen entwickeln, ist er sich sicher. Das gelte für Start-ups wie für etablierte Unternehmen in praktisch allen Branchen. Warum also nicht auch im Getränkehandel?

Eine Art Karte zur Orientierung für den Roboter

„In einem Getränkeladen steht viel herum, und alles verändert sich ständig, beispielsweise weil Sonderartikel auf eine Sonderausstellungsfläche wandern“, umreißt Huber, der an der Uni Stuttgart über Kognitive Produktionssysteme lehrt, die Herausforderungen. „Für ein autonomes Transportsystem, das eigenständig navigieren kann, ist es immer noch kompliziert, flexibel genug zu reagieren.“ Es gelte, eine Art Karte zur Orientierung für den Roboter zu entwickeln, die sich ständig anpasse. Mit anderen Worten: Das System muss lernfähig sein. Aber ist das schon Künstliche Intelligenz?

„Es gibt Bezüge zum biologischen Lernen, aber auch starke Unterschiede“, erklärt Marco Huber. „Unsere Systeme bauen kein tiefes Weltverständnis auf. Wenn wir lernen, lernen wir, wie Dinge zusammenhängen. Wir verfügen über ein Modell von der Welt, auf das wir immer wieder zurückgreifen können. Das funktioniert bei KI heute noch nicht.“

Stattdessen lernt die Maschine an Beispielen. So erkennt sie wieder, was ihr häufig genug gezeigt wurde. „Ein Algorithmus trifft keine Entscheidungen wie ein Mensch“, stellt Ronny Hauf klar. Der Geschäftsführer der PMC Services GmbH, die im Engineering Park STEP in Stuttgart-Vaihingen ansässig ist, bezieht sich auch auf das Projekt „Medical Brick“, das das Unternehmen erfolgreich zum Wettbewerb eingereicht hat.

Am Ende entscheide aber nicht die KI

Gegenstand ist die Erkennung von Krankheitserregern auf Bildern durch eine spezielle Software. Mithilfe von tiefgehenden Analysen mikroskopischer Aufnahmen sollen diagnostische Prozesse beschleunigt und verbessert werden. „Mittels Auswertung von Hunderttausenden von Bildern sollen Ärzte fundierte Entscheidungen treffen und individueller mit den Patienten arbeiten können, als dies bei den heutigen manuellen Prozessen möglich ist“, sagt Hauf. Am Ende entscheide aber nach wie vor der Mensch.

Der CEO wünscht sich eine weniger emotionalisierte Debatte über KI. Angst, Deutschland könne in Sachen Künstlicher Intelligenz zu spät durchstarten, hat er nicht. Hauf schätzt, auf lange Sicht, könne ein Vorteil darin liegen, dass Europa im internationalen Vergleich das Thema Datenschutz deutlich mehr in den Vordergrund stellt, als die Wettbewerber.

Marius Ritter vom Wirtschaftsministerium klingt weniger gelassen. „Wir haben alle Chancen, auf diesem absoluten Zukunftsmarkt als Exporteur von innovativen KI-Produkten erfolgreich zu sein“, betont er. „Dazu müssen wir unbedingt Tempo aufnehmen. Deshalb wollen wir auch den Innovationspark KI möglichst schnell in die Umsetzung bringen: das größte Einzelvorhaben im Innovationsbereich seit Jahrzehnten, das vom Wirtschaftsministerium gefördert wird.“

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