Künstliche Intelligenz (KI) im Alltag Wenn sich die Prothese echt anfühlt
Wolfgang Bauer nutzt eine auf KI basierende Prothese für seinen Alltag als Landwirt. Mit den Chancen von Künstlicher Intelligenz wachsen aber auch die Gefahren.
Wolfgang Bauer nutzt eine auf KI basierende Prothese für seinen Alltag als Landwirt. Mit den Chancen von Künstlicher Intelligenz wachsen aber auch die Gefahren.
Stuttgart - Wolfgang Bauer hat zwei Hände, doch seine rechte Hand ist künstlich. Es ist eine Prothese, die von ihm lernt. Mit ihr kann der junge Landwirt ein rohes Ei greifen, ein Kälbchen füttern oder mit dem Zeigefinger eine Laptop-Taste bedienen. Ein Feedback geben, wie sich das dabei anfühlt, kann sie nicht.
Und doch ist auch diese Hand intelligent, künstlich intelligent durch das Programm, das insgesamt neun Bewegungen erkennen und steuern kann. „In meinem Kopf fühlt sich die Hand wie eine gesunde Hand an“, sagt Bauer. „Was ich denke, macht die Hand. Das System passt sich an mich an, nicht ich mich an das System.“
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Bauer ist zum Trainer und Nutzer einer Software geworden, die auch als Künstliche Intelligenz bezeichnet wird. Bei Künstlicher Intelligenz, kurz KI, geht es darum, mit Computerprogrammen menschliche Wissensfähigkeiten zu imitieren. Dafür werten Algorithmen für eine konkrete Aufgabenstellung große, teils komplexe Datenmengen aus. Sie machen es so gut, dass KI dem Menschen manchmal in bestimmten, eng begrenzten Bereichen sogar überlegen ist.
Genau deshalb spielt Künstliche Intelligenz schon heute in unserem Alltag eine große Rolle – egal, ob jemand acht oder 80 Jahre alt ist. Amazons Sprachassistentin Alexa, die schon kleine Kinder etwa nach dem Lieblingslied fragt, arbeitet mit ihr. Beim Fotografieren erkennt das Smartphone Gesichter und fokussiert darauf.
KI steckt hinter individualisierten Werbeanzeigen und Kontaktvorschlägen der Internet-Suchmaschine Google und des sozialen Netzwerks Facebook, die auf unser Nutzungsverhalten abgestimmt sind. Wer einen Job sucht, könnte bei der Bewerbung in einer Vorauswahl sogar von KI ausgemustert werden. KI entscheidet auch mit, ob jemand für kreditwürdig befunden wird oder nicht.
Deshalb ist es wichtig zu wissen, wie und warum sich ihr Einfluss auf unseren Alltag verstärkt. Worin Künstliche Intelligenz überall steckt. Was sie kann – und was nicht. „KI müsste viel häufiger entmystifiziert werden“, sagt Karsten Wendland, Professor für Medieninformatik und Forscher am Karlsruher Institut für Technikfolgenabschätzung (ITAS). Viel zu oft würde das Thema KI mit großen Versprechen dargeboten und marketingmäßig überzogen.
Man dürfe nicht vergessen, dass es dabei um viel Geld gehe: das von Investoren, Verbrauchern und der Politik. KI könne viel, sei aber heute immer noch „schwach“, betont Wendland: „Das heißt, sie kann nicht eigenständig denken oder Ergebnisse von einem Bereich auf einen anderen übertragen.“
Andererseits, betont der Forscher, sei KI attraktiv und nützlich genug, um immer mehr Bereiche zu erobern, selbst die Erotikbranche. Und in der Altenpflege könnten verstärkt KI-gestützte, menschengerecht gestaltete Pflegeroboter zum Einsatz kommen.
Wie fast jede technische Neuerung ist auch Künstliche Intelligenz weder gut noch schlecht. Verkürzt gesagt, kann mit ihrer Hilfe Leben gerettet oder auch gefährdet werden. Ob KI auf medizinischen Bildern Merkmale für Hautkrebs rechtzeitig erkennt oder den vermeintlichen Terroristen falsch identifiziert, beruht fast immer auf dem gleichen Prinzip, sagt Philipp Hennig, Professor für Maschinelles Lernen und Co-Sprecher des KI-Forschungsverbunds Cyber Valley in Stuttgart und Tübingen. „Ein Mensch schreibt für einen bestimmten Zweck ein Computerprogramm, das das Ergebnis mithilfe der eingespeisten Daten verfeinert.“ KI sei deshalb dort am weitesten fortgeschritten, wo es die größten Datenmengen und die geringsten Beschränkungen für Anwendungen gebe.
Weil mehrere Milliarden Menschen die Dienste von Facebook oder Google nutzen, verfügen die Tech-Giganten über einen schier unvorstellbar großen Datenschatz, den sie auswerten können. In sensiblen, oftmals wichtigeren Anwendungsbereichen funktioniert KI aufgrund von Daten- und Persönlichkeitsschutz dagegen weniger gut.
Das Krebszentrum Heidelberg (NCT) könnte künftig für Patienten maßgeschneiderte Therapien anbieten oder schneller Impfstoffe entwickeln, einen Durchbruch gibt es aber noch nicht. Am besten hilft Künstliche Intelligenz derzeit bei der Verarbeitung medizinischer Bilder, sagt Benedikt Brors, der in Heidelberg die Abteilung Angewandte Bioinformatik leitet. Damit der Algorithmus auf einem Bild eine Krebsart mit einer hohen Wahrscheinlichkeit erkennen kann, muss er mit Tausenden von Bildern gefüttert worden sein.
„Tausende Patientendaten zu sammeln ist auch wegen des Datenschutzes schwierig“, sagt Brors. Außerdem stünden viele Daten oft nur in Papierform zur Verfügung. Aber auch digitale Daten ließen sich teils nicht vergleichen, weil die Standards zwischen den Kliniken variierten. „Wenn es gut geht, kann KI immerhin eine recht verlässliche Vorauswahl treffen, die dem Arzt als Hilfsmittel dient.“
Wenn es schlecht läuft, kann die Künstliche Intelligenz aber auch danebenliegen, zumindest aber die Ergebnisse verzerren. Etwa wenn die Arbeit der Programmierer ungenau war. Oder die Menge und Vielfalt der Daten nicht ausreichten. Generell geht es bei mit KI unterstützten Ergebnissen um Wahrscheinlichkeiten. Die Trefferquote lässt sich nicht genau vorhersagen.
Die Auswirkungen falscher Annahmen und Wahrscheinlichkeiten können für uns aber gravierend sein. Es gibt Fälle, wo KI-Algorithmen bei der Jobsuche Frauen benachteiligten: Die KI-Vorauswahl war überwiegend mit Referenzdaten von Männern gespeist worden, die auf einer ähnlichen Stelle erfolgreich waren. Und wer auf offener Straße von der Polizei vernommen wird, weil sein Gesicht dem eines Schwerverbrechers ähnelt, wird sich nicht nur darüber freuen, dass er doch nicht der Gesuchte ist.
„KI ist zwar nur ein technisches Tool von vielen, es bietet aber große Chancen und kann entsprechend viel verändern. Wir müssen genau überlegen, in welchen Kontexten KI kritisch sein könnte und wo nicht“, sagt Susanne Dehmel. Die bei Ludwigsburg aufgewachsene Rechtsanwältin war Mitglied der 38-köpfigen Enquetekommission des Bundestags zum Thema KI, die bis Oktober 2020 über zwei Jahre hinweg tagte. Der Abschlussbericht sei ein wichtiger Impuls für das Parlament.
Hören Sie in unserem StZ Feierabend-Podcast: Künstliche Intelligenz – wie stark sie unseren Alltag prägt
Die EU-Kommission wird hier konkreter. Sie hat im April eine Reglementierung von Künstlicher Intelligenz vorgeschlagen. Die Kontrolle und mögliche Sanktionen sollen dabei mit der Größe der möglichen Anwendungsgefahren steigen. Zu diesen sogenannten Hochrisiko-Anwendungen zählen neben der kritischen Infrastruktur und dem Verkehrssektor auch Programme zur Personaleinstellung oder für die Bewertung der Kreditwürdigkeit. Die Entscheidungen der Algorithmen, betonen die Kommissare, müssten im Nachhinein nachvollziehbar sein.
Wie so oft hinkt auch die gesellschaftliche Debatte der technischen Entwicklung hinterher, etwa jene über die Chancen und Risiken in einzelnen Alltagsbereichen. Und bis die EU mögliche Richtlinien verabschiedet hat, hat Wolfgang Bauer noch viel Zeit, seine Prothese weiter zu trainieren. Die künstlich-intelligente Hilfe hat es ihm erleichtert, den elterlichen Hof zu übernehmen. Jetzt will er mit seiner Freundin ein Haus bauen.
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