Künstliche Intelligenz KI ist auch nur Software
Gedankenspiele über eine Super-KI in ferner Zukunft lenken von den gegenwärtigen Problemen ab, meint Wissenschaftsredakteur Werner Ludwig.
Gedankenspiele über eine Super-KI in ferner Zukunft lenken von den gegenwärtigen Problemen ab, meint Wissenschaftsredakteur Werner Ludwig.
Seit ChatGPT das Licht der digitalen Welt erblickt hat, wird das Kürzel KI inflationär verwendet. Wenn sich Manager, Politiker oder Wissenschaftler dieser Tage öffentlich äußern, kann man fast schon darauf wetten, dass an irgendeiner Stelle von Künstlicher Intelligenz die Rede sein wird – ganz gleich, ob es um die Energieversorgung, das Gesundheitswesen, den Bildungssektor oder nachhaltige Landwirtschaft geht.
Doch der Begriff Künstliche Intelligenz ist problematisch, weil er falsche Erwartungen weckt. Und KI-Pioniere aus dem Silicon Valley wirken daran fleißig mit – aus gutem Grund: Je mehr man ihrer Technologie zutraut, desto höher steigen die Aktienkurse ihrer Unternehmen. Tatsächlich leisten KI-Systeme auf einzelnen Gebieten heute schon Beeindruckendes. Sie sind aber weit entfernt von jener generellen Intelligenz, die es Menschen erlaubt, auch bislang völlig unbekannte Probleme zu lösen.
Manche Zukunftsszenarien erinnern eher an Science-Fiction-Romane als an seriöse Prognosen. Technikgläubige Zeitgenossen sehen in der KI den digitalen Heilsbringer, der allen Menschen ein besseres, nachhaltigeres und friedliches Leben ermöglichen und nebenbei auch noch den Planeten retten könnte. Auf der anderen Seite stehen dystopische Visionen einer allmächtigen Super-KI, die nach Analyse aller vorhandenen Daten zu dem Ergebnis kommt, dass der Mensch das größte Problem für das Ökosystem Erde ist und deshalb systematisch bekämpft werden muss.
Beide Vorstellungen sind Unsinn und trotz des rasanten Innovationstempos bei KI-basierten Anwendungen weit entfernt von der technischen Realisierbarkeit. KI ist auch nur Software. Sie hat weder ein Bewusstsein noch einen eigenen Willen. Statt sich mit hypothetischen Extremszenarien zu beschäftigen, die – wenn überhaupt – in Jahrzehnten eintreten könnten, sollten Politik und Gesellschaft die aktuellen Herausforderungen in den Blick nehmen, die der KI-Boom mit sich bringt. Da sind zum einen die wirtschaftlichen Folgen. Klar ist, dass schon in wenigen Jahren in nahezu jeder Branche KI genutzt werden wird, um die Beschäftigten bei Routinetätigkeiten zu unterstützen – etwa im Einkauf, im Kundenservice oder bei der Dokumentation. Auch das KI-gestützte Schreiben von Texten oder Computerprogrammen wird massiv an Bedeutung gewinnen. Vielversprechende Einsatzgebiete gibt es zudem im Handwerk und der Industrie.
Unternehmen, die im Wettbewerb stehen, bleibt nichts anderes übrig, als die Rationalisierungsmöglichkeiten durch KI zu nutzen. Das wird an vielen Stellen Jobs kosten. Anderswo werden neue entstehen. Wie der Saldo ausfallen wird, ist derzeit schwer zu sagen. Die zweite große Herausforderung ist gesellschaftlicher Natur. Wer mit den neuen Möglichkeiten überfordert ist, droht abgehängt zu werden, was die wirtschaftliche Ungleichheit vergrößern und die Spaltung der Gesellschaft befördern könnte. Verstärkt wird dieses Risiko durch die wachsenden Manipulationsmöglichkeiten mittels KI-generierter Fake News. Bildung wird dadurch noch wichtiger als bisher schon.
Die Potenziale der KI nicht zu nutzen und das Geschäft der Konkurrenz in den USA und Asien zu überlassen ist für ein Industrieland keine Option. Der Einsatz des mächtigen Werkzeugs KI erfordert aber klare Regeln – etwa zum Arbeitnehmerschutz – und darf nicht allein dem Markt überlassen bleiben. Deshalb ist es gut, dass die EU ihr Regelwerk zur Künstlichen Intelligenz auf den Weg gebracht hat. Mindestens ebenso wichtig ist es, dass jeder Einzelne die Ergebnisse kritisch hinterfragt, die eine KI ausgespuckt hat.