Tübingen - Die Rechner werden immer schlauer: Das merkt jeder, der sich heute mit einem Computer unterhält, egal ob es sich um Apples Siri oder Amazons Alexa handelt. Dahinter steckt Künstliche Intelligenz (KI), an der Forscher und Firmen weltweit arbeiten. In Tübingen hat die Max-Planck-Gesellschaft führende Experten auf diesem Gebiet eingeladen. Schon heute trägt KI zum Wandel der Gesellschaft bei, doch die wahre Revolution unseres Alltags steht noch bevor. Wir stellen drei zentrale Fragen zur Künstlichen Intelligenz.
1.Welche Fortschritte hat die Künstliche Intelligenz zuletzt erzielt?
Als der damalige Schachweltmeister Garri Kasparow im Februar 1996 gegen den IBM-Computer Deep Blue verlor, war das ein Schockmoment. Maschine schlägt Mensch – ein Einschnitt für das menschliche Selbstbewusstsein. Das ist Schnee von gestern, weil der Mensch längst kein Gegner mehr für einen Rechner ist. Egal, ob es um Schach oder um das auf Intuition angelegte Brettspiel „Go“ geht, „Computerprogramme treten nur noch gegeneinander an, nicht mehr gegen menschliche Großmeister“, erzählt Thomas Hofmann, Professor für Informatik an der ETH Zürich. Der Mensch wurde abgehängt – dank des sogenannten Maschinellen Lernens: Maschinen durchforsten Daten, probieren verschiedene Möglichkeiten durch, „sie machen Erfahrungen“, sagt Hofmann. Experten vergleichen dieses intuitive Lernverfahren der Maschinen mit jener Art, wie sich Kinder Wissen aneignen.
In den Anfangsjahren profitierte die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz vor allem davon, dass die Prozessoren der Rechner immer schneller wurden. In jüngerer Vergangenheit kam ein zweiter Punkt hinzu: Die Menge der Daten, mit denen die Computer auf bestimmte Fähigkeiten „trainiert“ werden konnten, wuchs dank des Internets enorm an. „Unser nächster Schritt“, sagt Thomas Hofmann, „sind sehende Maschinen.“ Wie sieht ein Trainingsprozess aus? Computer werden beispielsweise mit Millionen von Katzenbildern gefüttert. Nach und nach lernen die Rechner, was eine Katze von einem Haus unterscheidet, dann von einem Hund und schließlich von einer Wildkatze. Dass Computer ein solches Verständnis entwickeln, ist keinesfalls profan, es handelt sich um einen hochkomplexen Vorgang. Die jüngsten Fortschritte auf diesem Gebiet sind dramatisch: „Sehende Maschinen haben ihre Fehlerquote binnen fünf Jahren von 26 Prozent auf unter drei Prozent verringert.“
2. An welchen Schwächen von Künstlicher Intelligenz arbeiten die Forscher derzeit?
„Je mehr Trainingsdaten eingespeist werden, desto besser funktioniert eine Künstliche Intelligenz“, sagt Michael Bolle, Geschäftsführer der Robert Bosch GmbH. Schon heute können intelligente Softwaresysteme Ärzten dabei helfen, Hautkrebs zu erkennen, und Meteorologen profitieren bei ihrer Wettervorhersage. Weltweit investieren Unternehmen Milliarden vor allem in durch KI aufgerüstete Produkte und Serviceleistungen. „Das autonome Fahren ist dabei eine ‚Killer-Applikation‘“, sagt Bolle. Im Klartext: eine Anwendung, die einer bereits existierenden Technik zum Durchbruch verhilft. Wer dabei an der Spitze steht, besitzt eine Goldgrube.
„Systeme mit Künstlicher Intelligenz können heute schon Straßenschilder erkennen und das wahrscheinliche Verhalten von Verkehrsteilnehmern prognostizieren“, sagt Bolle. Bevor jedoch Passagiere Zeitung lesend auf der Rückbank ihres autonom fahrenden Autos durch deutsche Innenstädte fahren werden, wird noch viel Zeit vergehen. „Noch ist es nicht möglich, mithilfe von KI alle Unfälle zu vermeiden“, sagt Bolle. Schon kleine Veränderungen können die „Wahrnehmung“ eines mit Kameras und Sensoren ausgerüsteten Autos stören. Intelligente Maschinen unterliegen mitunter optischen Täuschungen. „Unser Ziel ist es, den Straßenverkehr sicherer zu machen. Wir arbeiten daran, dass die Verfahren robuster werden gegen Störungen“, sagt Michael Bolle. Nur so können die Unternehmen sichere Produkte anbieten.
3. Welche Fragen stellen sich Juristen – und wie steht es um die gesellschaftliche Verantwortung?
„Wir haben ein gigantisches und ungelöstes Daten-Qualitätsproblem“, sagt Sarah Spiekermann, die an der Wirtschaftsuniversität Wien zu ethischen Maschinen forscht. Entgegen der weit verbreiteten Annahme, dass Computer unbestechlich und fehlerfrei arbeiteten, schlichen sich immer wieder Fehler in digitale Systeme ein. Auch in die Codes – jene Programmierzeilen, aus denen Software besteht. Spiekermann hält es zudem für fragwürdig, wenn KI-Programme dazu genutzt werden, um Aussagen über das Verhalten einzelner Menschen zu treffen. Sollen Programme tatsächlich darüber entscheiden dürfen, ob Menschen Kredite bekommen und Häftlinge wieder freigelassen werden?
Die amerikanische Mathematikerin Cathy O’Neil spricht in diesem Zusammenhang von „weapons of math destruction“ – das Wortspiel verdeutlicht, wie ihrer Meinung nach mathematisch hochgerüstete KI-Systeme als „Massenvernichtungswaffen“ gegen eine freie Gesellschaft eingesetzt werden. In Tübingen greift die Juristin Sandra Wachter vom Oxford Internet Institute diese Kritik auf. „Sandra ist kein zuverlässiger Kreditnehmer – wenn ich so von einer Software bewertet werde, entsteht mir daraus ein Nachteil.“ Aus Sicht der Juristin, die zum Thema diskriminierende Entscheidungen von Künstlicher Intelligenz forscht, geht es nun darum, den Spieß umzudrehen: Wem ein Darlehen verweigert wird, der soll künftig erfahren können, wie die Software zu dieser Entscheidung kam.
„Wir haben ein Recht darauf, Erklärungen zu bekommen“, fordert Wachter. „Dabei geht es darum, Entscheidungen zu verstehen, sie gegebenenfalls anfechten zu können und auf künftige Urteile Einfluss zu nehmen.“ Wenn heute Systeme mit KI-Software einzelne Menschen bewerten, dann baut ihr Urteil auf Daten, die über Gruppen von Menschen gesammelt wurden: In welchem Milieu wohnt jemand? Welche Hautfarbe hat er? Andreas Paulus ist Richter am Bundesverfassungsgericht – er stellt vor diesem Hintergrund eine grundsätzliche Rechtsfrage: „Kann die Autonomie eines Menschen und seine Würde erhalten werden, wenn alle über einen Kamm geschoren werden?“