Künstliche Intelligenz Wie Bewerber sinnvoll KI einsetzen können
Künstliche Intelligenz lässt sich für Bewerbungsschreiben oder zur Vorbereitung von Vorstellungsgesprächen zielgerichtet nutzen. Ein Karriere-Coach gibt Tipps, auf was man achten soll.
Künstliche Intelligenz lässt sich für Bewerbungsschreiben oder zur Vorbereitung von Vorstellungsgesprächen zielgerichtet nutzen. Ein Karriere-Coach gibt Tipps, auf was man achten soll.
Künstliche Intelligenz zu nutzen, um die Einstellungschancen bei einem möglichen neuen Arbeitgeber zu erhöhen, liegt auf der Hand. In der Folge landen immer mehr KI-generierte Bewerbungen in den Postfächern gerade größerer Unternehmen. Diese nutzen ihrerseits die Technologie immer öfter, um den Andrang zu bewältigen. Wie sieht ein sinnvoller Umgang mit KI aus, um aus der Bewerbermasse herauszuragen?
Wie häufig wird KI bei Bewerbungen eingesetzt? Die Recruiting-Plattform Stepstone hat jüngst in einer Studie ermittelt, dass gut 60 Prozent der Jobsuchenden Künstliche Intelligenz verwenden. „Das halte ich für den Kontext von Stepstone für total realistisch, weil auf der Plattform vor allem mittelständische und große Unternehmen inserieren, die einen regen Umgang mit aktuellen Anwendungssystemen wie ChatGPT pflegen“, sagt Johannes Junker, Karriere-Coach am Inqua-Institut. Es hat seinen Hauptsitz in Berlin sowie Standorte unter anderem in Stuttgart, Tübingen und Freiburg.
Inqua unterstützt vornehmlich Akademiker und Führungskräfte bei der beruflichen Neuorientierung. „Ich kann aus der Coaching-Praxis bestätigen, dass gefühlt jede zweite Bewerbung zumindest mit KI-Unterstützung erstellt wird – eher noch mehr“, sagt Junker. „Die meisten Menschen haben es zumindest schon einmal ausprobiert.“ Für alle, die KI im Berufsleben oder im Privatleben eingesetzt haben, liegt der Gedanke nicht fern. „Grundsätzlich würde ich es auf jeden Fall empfehlen, das bei Bewerbungen einmal auszuprobieren“, sagt er. „Die Frage ist: Wie nutze ich es – für die komplette Texterstellung, als Lektorat oder als Sparringspartner?“ Den Umgang damit zu verstehen, sei aber ein „Skill der Zukunft“; daher sei es total sinnvoll, sich damit zu beschäftigen.
Wie kann der KI-Einsatz besonders helfen? Bewerbungen bestehen in der Regel aus Textdokumenten: Lebenslauf und Anschreiben. Zudem wird auf weitere Textdokument Bezug genommen, meist auf die Unternehmenswebseite und die Stellenbeschreibung. Die am häufigsten genutzte Anwendung ChatGPT kann besonders gut mit großen Textmengen umgehen und diese in einen Kontext setzen. Die Herausforderung ist, die Stellenausschreibung mit den geforderten Kompetenzen möglichst passgenau mit der Berufsbiografie abzugleichen. Da kann die KI viel Arbeit abnehmen und einen entsprechenden Entwurf liefern.
Bügelt die KI Schwächen im Lebenslauf aus? „Das ist ein wichtiger Punkt, weil es letztlich um eine gewisse Authentizität in der Bewerbung geht – gleichzeitig möchte ich mich in der Bewerbung möglichst positiv darstellen in Bezug auf die Stelle“, sagt Junker. Bei Schwachstellen oder Lücken in einem nicht linearen Lebenslauf lasse sich mit der KI wie mit einem Menschen kurz in einen Austausch gehen. In etwa so: „Ich habe ein Problem in meinem Lebenslauf – was würdest du mir empfehlen, wie ich das im Lebenslauf oder im Anschreiben darstellen könnte? Gib mir doch mal drei Vorschläge.“ Schlussendlich muss der Mensch die letzte Entscheidung treffen über sich und seine Darstellung in der Außenwelt. Die KI kann eine Art unterstützender Sparringspartner sein. „Am Ende muss die Person selbst entscheiden, wie authentisch sie sich in einer Bewerbung zeigen will“, sagt der Karriere-Coach.
Welche drei Fehler darf man beim Einsatz von KI keinesfalls machen? „Der größte Fehler wäre, sich komplett darauf zu verlassen – also sozusagen das Hirn beim Login abzugeben“, sagt Junker. Der zweite Fehler wäre, sich nicht mit dem Thema Prompting zu beschäftigen, also nicht zu prüfen, welche Art von Befehlen oder Anweisungen gut funktionieren. Den ersten Vorschlag einfach zu übernehmen, wäre ein großes Manko. Drittens muss man sorgfältig auf Richtigkeit prüfen, denn die KI macht nach wie vor noch Fehler; sie tendiert noch immer dazu, Dinge zu erfinden. Das hat sich schon verbessert, dennoch ist Achtsamkeit gefragt. Angebracht sei ein spielerischer Umgang ohne zu viel Ehrfurcht. „Grundsätzlich würde ich mit der KI umgehen wie mit einem extrem kompetenten Assistenten, der eigentlich alle Fähigkeiten hat, dem ich aber sehr genau erklären muss, was ich von ihm möchte.“
Welche KI-Tools bieten sich an? ChatGPT ist in aller Munde, doch es gibt noch andere große Anbieter mit unterschiedlichen Stärken: Gemini von Google zum Beispiel. Perplexity eignet sich sehr gut zur Recherche, vor allem wenn man nicht die Premium-Version von ChatGPT zur Verfügung hat. Zur Erstellung von ansprechenden Bewerbungsunterlagen präferiert der Karriere-Coach Canva – eine Software, die in der Regel von Designern oder auf Social Media genutzt wird. Erhältlich seien attraktive Bewerbungsvorlagen und eine ziemlich gut entwickelte KI-Funktion. „Das lohnt sich schon, wenn man schicke Bewerbungsunterlagen haben möchte und einem das Design wichtig ist.“ Damit zu starten, empfiehlt er auch seinen Kundinnen und Kunden.
Was ist die Schwäche des KI-Einsatzes? In der Stepstone-Umfrage monieren gut zwei von drei Recruitern (69 Prozent), dass KI-unterstützte Bewerbungsunterlagen weniger individuelle auf die ausgeschriebene Stelle angepasst seien – fast drei von vier Teilnehmern (73 Prozent) empfinden sie als weniger authentisch. Oft würden Qualifikationen übertrieben dargestellt (75 Prozent).
Kurzum: KI nivelliert die Aussagekraft einer Bewerbung auch mit der Folge, dass qualifizierte Talente dann leichter übersehen werden. „Das ist sehr gut möglich“, meint Johannes Junker. „Gerade im Bewerbungsanschreiben werden sehr viele Phrasen wiederholt, denn ChatGPT greift auf die Inhalte zu, die es im Netz gibt.“ Dann gebe es immer wieder den gleichen Einstiegssatz. So werde das ganze Feld der Bewerbenden verwässert, und nur ein gut geschulter Recruiter könne unterscheiden, wer bei den vielen verschiedenen Unterlagen auf die Stelle passt.
Wie lässt sich Individualität sichtbar machen, um aus der Bewerberschar herauszuragen? Der Inqua-Experte empfiehlt, so viele eigene Textentwürfe wie möglich selbst anzufertigen, auch wenn das Verfassen vielleicht schwer fällt. Also: Was motiviert mich wirklich, in dem Unternehmen zu arbeiten? Was reizt mich an der ausgeschriebenen Stelle? Was habe ich in der Vergangenheit gemacht, das auf diese Bewerbung einzahlt?
Diese Fragen sollte man sich schon vorher beantwortet haben. Ohne ein bisschen eigene Verve würde die KI den Text sehr stark glätten. Nun bietet die Premium-Version von ChatGPT eine Personalisierungsfunktion, die im Bewerbungsprozess viel Arbeit abnehmen. „Da habe ich die Möglichkeit, meinen eigenen Twist reinzubringen“, sagt Junker. „Zum Beispiel kann ich Textproben der KI übergeben und ihr mitteilen: Das ist eine Bewerbung, die ich früher selbst geschrieben habe; dieser Ton ist mir wichtig, und mir ist wichtig, dass es nicht zu steif wirkt.“ Unter den Ergebnissen muss man schauen, was sich am authentischsten anfühlt. „Am Ende ist die KI nur so gut wie das, was wir oben reinpacken“, sagt Junker. „Je besser ich das verstehe, desto individueller und authentischer wird das Endergebnis sein.“ Die Sprachfunktionen einer KI könne helfen, die komplette Bewerbung einzusprechen. „Dann ist der Text viel näher an mir dran, und das Endergebnis ist ein bisschen glatter, aber immer noch sehr authentisch.“
Wie setzen Arbeitgeber KI-Tools ein? Weil KI das Bewerben erleichtert, steigt die Zahl der Bewerbungen insgesamt. Manche Arbeitgeber sehen sich regelrecht überschwemmt und nehmen ihrerseits KI zu Hilfe, um sich die Auswahl zu erleichtern. Junker sieht diesen Effekt aus eigener Erfahrung bestätigt. „Es ist leicht, eine Bewerbung zu replizieren; ich kann der KI mitteilen: Hier sind die anderen Stellenausschreibungen, bitte erstelle mir neue Bewerbungen dafür.“ Dann wird in 30 Minuten erledigt, wofür früher mehrere Tage nötig waren. Die Folge: Es werden viel mehr Bewerbungen rausgeschickt. Damit wird aber auch die Sichtung umfangreicher, sodass die Arbeitgeber ihre Auswahlprozesse optimieren müssen.
Theoretisch kann der Recruiter die KI auch verwenden, um Profile der Bewerbenden zu erstellen – dies etwa zum Abgleich mit weiteren Informationen, die im Internet erhältlich sind, etwa auf LinkedIn oder anderen Social-Media-Profilen. Junker hält dies gerade bei gehobenen Positionen für „ziemlich nachvollziehbar“.
Kann KI in der Vorbereitung von Vorstellungsgesprächen helfen? Mit den Bewerbungsunterlagen durchzudringen, ist das eine – im Vorstellungsgespräch Interesse zu wecken, ist das andere. Auch da hilft Künstliche Intelligenz. Zur Vorbereitung kann der Bewerber beispielsweise erkunden, welche schwierigen Fragen ihn möglicherweise zu der spezifischen Stelle erwarten. Dann kann er bewerten: Mit welcher Frage fühle ich mich unsicher und was sind mögliche Antwortmöglichkeiten? Zur Vorbereitung auf Fangfragen wie die nach den größten Schwächen, dürfte die KI – so vermutet der Karrierecoach – den klassischen Rat nutzen, eine vermeintliche Schwäche als Stärke zu präsentieren. „Das wird aber auch oft durchschaut“, meint er.
Ein klassisches Beispiel wäre noch die meistgestellte erste Frage, die in einem Bewerbungsgespräch „zu mindestens 80 Prozent kommt“: Erzählen Sie etwas über sich. Oder es geht um eine andere offene Einstiegsfrage. Diese Antwort sollte im Vorfeld sehr gut überlegt werden, damit sie sitzt und die Bewerberin oder der Bewerber nicht ins Schwimmen gerät, weil dieser Auftakt den Ton für das ganze Gespräch setzt.
Fachleute reden an der Stelle vom „Elevator Pitch“ – einer Kurzpräsentation in Länge einer Aufzugsfahrt. „Den kann ich nutzen, indem ich meine Einzigartigkeit auf die Stelle bezogen ausdrücke“, sagt Junker. „Und die KI kann helfen, diese zwei Minuten Antwortfenster gut vorzubereiten, wenn sie meinen Lebenslauf schon hat und die Stelle kennt.“
Welche Rolle spielt der Datenschutz? Einerseits soll der Bewerber der KI genaue Daten vermitteln, um am Ende einen individuellen Vorschlag zu erhalten – andererseits ist Vorsicht geboten bei der Preisgabe persönlicher Daten. Ein echter Zwiespalt. Junker regt zur Sensibilität an. „Da ist wirklich die Sorgsamkeit jedes einzelnen Menschen gefragt und auch eine individuelle Beschäftigung mit der Frage: Wie viel möchte ich teilen?“ Auch weil die Folgen noch nicht absehbar seien, „empfehle ich grundsätzlich auch meinen Coachees, sich einfach mit dem Thema Datenschutz zu beschäftigen.“ In diesem Spannungsfeld müsse jede Person für sich eine Antwort finden – „das kann ihr kein Karriere-Coach abnehmen“.
Wenn der Lebenslauf auf LinkedIn ohnehin öffentlich ist, kann eine KI das theoretisch abgleichen. Dennoch: „Ich persönlich fühle mich wohler dabei, wenn die KI nicht alle meine persönlichen Daten hat“, bekennt Junker. Also besser grundsätzlich keine persönlichen Angaben zum Namen, zur Adresse und ähnlichem machen! Je mehr Infos eingegeben werden, desto hilfreicher ist es zwar für die Erstellung der Bewerbung. Aber der Geburtstag oder ähnliches lässt sich auch nachträglich einfügen.