Kürzungen im Kreis Göppingen Hunderte protestieren gegen Sparpläne

Massiver Protest gegen die Sparpläne des Landrats: Ein Demonstrationszug machte am Freitag gegen die geplanten Kürzungen und Streichungen mobil. Foto: Giacinto Carlucci

Luftballons, Plakate, Trillerpfeifen: Rund 800 Demonstranten haben lautstark gegen die massiven Sparpläne des Landkreises im Sozialbereich protestiert.

Wir wollen gehört, nicht gespart werden“, steht auf einem kleinen Plakat aus Pappe, das ein Junge in die Höhe hält. „Wer jetzt an Sozialem und der Bildung spart, zahlt in der Zukunft drauf“, ist auf einem anderen Banner zu lesen. „Psychologische Beratung darf kein Luxus sein“, fordern andere Teilnehmer.

 

Um 12.45 Uhr wimmelt es am Freitag nur so von Menschen auf dem Göppinger Bahnhofsvorplatz. Etwa 550 sind es zu diesem Zeitpunkt, schätzt Wolfram Bosch, Leiter des Göppinger Polizeireviers. Unter ihnen eine 61-jährige Göppingerin, die früher Lehrerin war. „Es ist einfach schade, dass Bildungs- und Sozialpolitik keine Lobby hat“, sagt sie. Sie will hier Flagge zeigen und den Protestzug unterstützen, „denn Kinder und auch Migranten gehen uns doch alle an“.

Gegen das Streichkonzert läuft auch eine Onlinepetition

Um 13 Uhr setzt sich der Demonstrationszug in Bewegung. Er soll „ein sichtbares Zeichen für eine starke und gerechte Zukunft“ setzen, so der Wunsch der Organisatoren. Eine Initiative aus Wohlfahrts- und Jugendverbänden, Elternvertretungen, Freien Trägern und Kirchen hatte dazu aufgerufen, gemeinsam gegen die geplanten Kürzungen und Streichungen im sozialen Bereich zu protestieren, die Landrat Markus Möller in den Haushalt eingebracht hatte.

Programme für Kinder, Jugendliche, Familien und benachteiligte Menschen sollen wegen der angespannten Finanzlage gestrichen werden. Unter den Demonstranten fanden sich viele Mitarbeitende der Familientreffs, der Bildungsgewerkschaft GEW, des Deutschen Roten Kreuzes, des Haus der Familie in Göppingen, der Bruderhausdiakonie, der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung oder des VdK. Immer wieder erklären sie Passanten entlang der Strecke, wofür sie auf die Straße gehen.

Um gegen das Streichkonzert mobil zu machen, hat der Kreisjugendring (KJR) auch eine Petition ins Leben gerufen. „#Löwenherz statt Sparpolitik – Starke Jugend. Starker Landkreis“ lautet der Titel der Unterschriftensammlung auf der Online-Plattform openpetition.de, die noch bis 12. Dezember läuft. Der Kreisjugendring war es auch, der die Demonstration mit 500 Teilnehmern angemeldet hatte. „Wir haben den Verlauf und die Zeiten gut abgesprochen“, sagt Bosch. Die Polizei hat den Protestzug, der vom Bahnhof zum Landratsamt führte, begleitet. Teilweise mussten kurzzeitig Straßen gesperrt werden.

Achim Kuhn, Vorstandsvorsitzender des Kreisjugendrings, weiß, dass der Unmut über den geplanten Kahlschlag bei den Sozialverbänden groß ist. Wie viele ihrem Ärger aber Luft machen, indem sie wirklich zur Demonstration kommen, sei unklar gewesen, meinte er. Letztlich kamen viele. Die Polizei schätzte die Teilnehmerzahl auf 800, viele, die mitprotestierten, gingen eher von 1000 aus. Eine Mitarbeiterin der Suchtberatung verteilte Fähnchen. „Wir hoffen“, sagt sie im Vorbeigehen.

Landrat Möller: Der Kreis Göppingen steht finanziell desolat da

Das tut auch Anna Mlynarczyk, Leiterin des Familientreffs im Göppinger Bodenfeld. Es sei wichtig, gegen die Sparpläne mobil zu machen, „weil wir eine gute präventive Arbeit machen“. Hier komme man mit den Familien in Kontakt, „wir sehen, wo es brennt“. Wenn diese Angebote gestrichen werden, würden viele Menschen durch den Rost fallen. Menschen, die Hilfe bei finanziellen Angelegenheiten bräuchten oder bei Antragstellungen. Oder sogar bei häuslicher Gewalt, auch solchen Themen nähmen sich Familientreffs an, sagt Mlynarczyk.

„Wir sind hier, wir sind laut, weil man Familien die Zukunft klaut“, skandieren die Demonstranten. Kurz nach 13.30 Uhr erreicht sie das Landratsamt, wo Landrat Markus Möller wartet und das Gespräch sucht. „Das ist Ausdruck von Demokratie und eine Chance zur Begegnung, deshalb gehe ich auch bewusst raus“, bewertet der Chef der Kreisverwaltung den massiven Widerstand.

Er habe die Gegner der Sparpläne explizit zur Kreistagssitzung mit der zweiten Lesung des Haushaltsplanentwurfs 2026 eingeladen, die um 14 Uhr beginnt. 250 Teilnehmer werden hier Platz finden. Vorher erklärt Möller, dass der Landkreis finanziell desolat dasteht. Die Demonstranten machen deutlich, dass dieses Sparprogramm „ein ganzes Netz zerschlagen würde“.

Wer hinter dem Protest steht

Organisation
Eine Initiative aus führenden Wohlfahrts- und Jugendverbänden, Elternvertretungen, Freien Trägern und Kirchen hatte dazu aufgerufen, auf die Straße zu gehen, um gegen die geplanten Kürzungen und Streichungen im sozialen Bereich zu protestieren.

Auswirkungen
 Die geplanten Einsparungen betreffen unter anderem die Schulsozialarbeit, die sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren, die Familientreffs mit Beratungsangeboten, die Suchtberatung der Diakonie, die offene Kinder- und Jugendarbeit, die Ehe-, Familien- und Erziehungsberatung der Caritas, die Arbeit des Kreisjugendrings, die Unterbringung von Kindern bis sechs Jahren in der Tagespflege, die Pflegeberatung des Landkreises sowie die Schwangerschafts- und Familienberatung.

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