Kugelstoßer Niko Kappel Der schmerzhafte Weg zur WM-Medaille

Voller Fokus auf die WM: Kugelstoßer Niko Kappel. Foto: mago/Beautiful Sports

Niko Kappel, der kleinwüchsige Kugelstoßer vom VfB Stuttgart, will bei der Para-Leichtathletik-WM in Indien seinen Titel verteidigen – doch dafür muss er die Zähne zusammenbeißen.

Sport: Jochen Klingovsky (jok)

Besser hätte es nicht laufen können für die Leichtathletik-Abteilung des VfB Stuttgart: Am Sonntag krönte sich Leo Neugebauer zum König der Athleten, in Tokio holte der Zehnkämpfer WM-Gold. Kurz darauf geht der Blick schon wieder nach Asien, denn es ist gut möglich, dass die glänzende Bilanz in Neu-Delhi weiter aufpoliert wird. In der indischen Hauptstadt kämpfen drei kleinwüchsige VfB-Kugelstoßer um Medaillen: die Niederländerin Lara Baars, Yannis Fischer (beide Klasse F 40) und Niko Kappel (Klasse F 41). Ambitioniert sind alle drei, hinter den Chancen von Niko Kappel steht allerdings ein Fragezeichen – weil der Ellbogen schmerzt.

 

Niko Kappel (30) gehört fraglos zu den bekanntesten Para-Leichtathleten in Deutschland, er ist ein Gesicht seiner Sportart. Das liegt an seiner Ausstrahlung, seinem positiven Umgang mit der Kleinwüchsigkeit, seiner Eloquenz. Aber vor allem natürlich an seinen sportlichen Erfolgen. 2024 wurde er in Paris Zweiter, womit er zwar nicht ganz zufrieden war – zugleich komplettierte diese silberne Plakette allerdings nach Gold 2016 in Rio und Bronze 2021 in Tokio seinen Paralympics-Medaillensatz. Und kurz zuvor hatte der Weltrekordler (15,07 Meter) im japanischen Kobe einen weiteren Coup gelandet, sieben Jahre nach seinem ersten Triumph in London war er erneut Weltmeister geworden. „Diesen Titel will ich nun unbedingt verteidigen“, sagt Niko Kappel, „auch wenn’s weh tun wird.“

Niko Kappel: Freie Gelenkkörper im Ellbogen

Denn die Vorbereitung auf die WM in Neu-Delhi, die an diesem Samstag startet, lief alles andere als optimal. Nach dem Meeting in Biberach hatten Mitte Juli die Probleme mit dem rechten Ellbogen begonnen. Die Ärzte fanden freie Gelenkkörper, was angesichts der hohen Beanspruchung und des Verschleißes niemanden verwunderte. Der Zeitpunkt aber ließ eine Operation nicht zu, stattdessen war Niko Kappel ständig beim Physiotherapeuten, ließ sich dort auch mit Kälte und Strom behandeln,  schluckte hin und wieder sogar Schmerzmittel. Das Ergebnis war alles andere als optimal, aber zumindest akzeptabel. „Ich konnte zwar immer trainieren, doch aktuell fehlen mir rund 900 Stöße“, sagt der ehrgeizige Athlet, „ich hoffe, dass ich dies mit meiner Erfahrung ausgleichen kann.“ Denn an seinen hohen Zielen hat sich nichts geändert.

Kugelstoßer Niko Kappel: Auf die Weite kommt es an. Foto: Imago/Beautiful Sports

Obwohl er zuletzt auch im neuntägigen Trainingslager im türkischen Belek nicht so gut wie erhofft und alles andere als beschwerdefrei hatte arbeiten können und er zudem kein Gefühl dafür entwickeln konnte, welche Weite im Wettkampf in der Nacht auf Dienstag möglich sein wird, hat Niko Kappel seinen Optimismus nicht verloren. „Ich bleibe zuversichtlich“, sagt der Kugelstoßer vom VfB Stuttgart, „mein großer Traum ist weiterhin, wieder Weltmeister zu werden.“ Diesmal jedoch mit einem neuen Fahrplan.

Niko Kappel ist bereits in Indien

Im Mai 2024 flog Niko Kappel erst kurz vor seinem Start nach Japan, unterließ es bewusst, sich an die neue Zeitzone anzupassen, schnappte sich in Kobe Gold und reiste flugs wieder zurück nach Deutschland. Jetzt ist die Strategie eine andere. Niko Kappel weilt bereits in Indien, um sich gut akklimatisieren und in aller Ruhe auf den Saisonhöhepunkt einstimmen zu können – trotz der Temperaturen, der hohen Luftfeuchtigkeit und des Smogs. „Ich wollte mich diesmal ganz bewusst auf Land und Leute einlassen“, sagt Niko Kappel, „Indien ist nicht nur wirtschaftlich aufstrebend, sondern unfassbar sportbegeistert. Ich bin sehr gespannt auf die Atmosphäre im hoffentlich voll besetzten Stadion.“ Die ihn, wenn es optimal läuft, tragen wird.

Wer neben seinem usbekischen Dauerkonkurrenten Bobirjon Omonov, dem Paralympics-Sieger von Paris, noch um die Medaillen stoßen wird, vermag Niko Kappel nicht einzuschätzen:„Es gab zuletzt einen kleinen Generationswechsel. Ich bin sehr gespannt, was mich erwartet. Allerdings ist in diesem Jahr noch niemand über 14 Meter gekommen.“ Weshalb er selbst genaue Vorstellungen davon hat, wie der WM-Wettkampf im besten Fall ablaufen wird. „Mein Mindestziel ist, diese Marke zu übertreffen“, sagt Niko Kappel, „denn dann bin ich im Kampf um Gold gut dabei.“

Allen Schmerzen zum Trotz.

Zwei weitere VfB-Athleten bei der WM in Indien

Kugelstoßer
Neben Niko Kappel in der Klasse F 41 startet ein weiterer kleinwüchsiger Kugelstoßer vom VfB Stuttgart bei der Para-Leichtathletik-WM in Indien: Yannis Fischer (23) weiß, wie es ist, Weltmeister zu werden: 2023 holte er in Paris Gold in der Klasse F 40.

Kugelstoßerin
Ebenfalls mit hohen Zielen reist Lara Baars (28) nach Neu-Delhi: Die kleinwüchsige Niederländerin vom VfB Stuttgart wurde vor einem Jahr in Paris Paralympics-Siegerin in der Klasse F 40, nun will sie erstmals auch bei einer WM den Titel holen.

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