Kugelstoßer und Paralympics-Sieger Nico Kappel Inklusion treibt an

Von Ewald Walker 

Der 1,40 Meter kleine Niko Kappel (VfL Sindelfingen) ist ein Großer mit der Kugel und wird liebevoll „Bonsai“ genannt. ERist ein echtes Vorbild – auch weil er eine Gruppe starker Trainingspartner hat.

Der Wettkampf seines Sportler-Lebens: Kugelstoßer Niko Kappel vom VfL Sindelfingen gewinnt bei den Paralympics in Rio de Janeiro die Goldmedaille. Foto: dpa
Der Wettkampf seines Sportler-Lebens: Kugelstoßer Niko Kappel vom VfL Sindelfingen gewinnt bei den Paralympics in Rio de Janeiro die Goldmedaille. Foto: dpa

Sindelfingen - Immer wenn Olympia ist, dann erhalten auch die Behindertensportler reichlich Aufmerksamkeit. Vor allem, wenn sie erfolgreich sind. Der mediale Höhenflug des Kugelstoßers Niko Kappel begann am 9. September. Denn da gewann der Athlet des VfL Sindelfingen in Rio de Janeiro bei den Paralympics die Goldmedaille. Doch er setzte bald wieder zur Landung an. „Alles ging schnell zu Ende, als ich in meine Trainingsgruppe am Olympiastützpunkt Stuttgart zurückgekehrt bin“, sagt der 21-jährige Welzheimer beim Lehrgang in Schwäbisch Gmünd zum Thema Inklusion.

Dass „Bonsai“, wie die Trainingsgruppe den Kleinwüchsigen liebevoll nennt, in Rio über sich hinauswachsen konnte, liegt an den besonderen integrativen Fähigkeiten der Trainingspartner, die alle Spitzensportler sind: Tobias Dahm (VfL Sindelfingen), Lena Urbaniak (LG Filstal), beide deutsche Hallenmeister, Junioren-Weltmeisterin Alina Kenzel (VfL Waiblingen) und Lea Riedel (LG Filder), deutsche Juniorenmeisterin. Diese Kugelstoßer bilden das Biotop für Inklusion und Leistung zugleich. „Die Gruppe kann nur funktionieren, wenn wir alle dasselbe Ziel verfolgen, nämlich die Kugel weit zu stoßen, Leistung zu bringen“, sagt Tobias Dahm, Olympia- und Hallen-WM-Starter.

Der kleine Kugelstoßer macht seiner Gruppe die Integration leicht

„Es fällt auf, dass sich nichtbehinderte Sportler im Umgang mit behinderten schwertun“, sagt die zweifache deutsche Hallenmeisterin Lena Urbaniak. Als Niko Kappel vor zwei Jahren in die Trainingsgruppe von WLV-Landestrainer Peter Salzer kam, gab es keinerlei Berührungsängste. Der stets gut gelaunte kleine Mann aus Welzheim habe seiner Gruppe die Integration leicht gemacht, sagt Urbaniak. Seine Körpergröße (Kappel ist 1,40 Meter, Dahm 2,03 Meter) sei unerheblich.

Trainingskonstellationen wie in Stuttgart sind nicht unüblich im Leistungssport behinderter Sportler. Heike Drechsler hat Ende der 90er Jahre gemeinsam mit der armamputierten Catherine Bader-Bille in Jena bei Trainer Erich Drechsler trainiert. Beide sind 2000 in Sydney Olympia- bzw. Paralympics-Siegerin geworden. 2000 in Sydney erfuhr der Behindertensport spürbaren Aufwind, der sich in Peking 2008 fortsetzte. London 2012 aber brachte dank voll besetztem Olympiastadion auch den medialen Durchbruch, der in diesem Sommer in Rio anhielt.

„Bei meiner Gruppe in Stuttgart handelt es sich um etwas Einmaliges“, schwärmt Kappel. Fünfmal die Woche tauscht er den Schreibtisch in der Welzheimer Bank mit der Molly-Schauffele-Halle beim OSP Stuttgart, um gemeinsam mit Urbaniak, Dahm, Kenzel & Co. Sprints, Sprünge, Bankdrücken, Athletik- und Technik-Training zu machen. Die Gleichbehandlung mit den „normalen“ Athleten hat Trainer Peter Salzer auch dadurch zum Ausdruck gebracht, dass er Niko Kappel gemeinsam mit anderen auf die technisch schwierige Drehstoßtechnik des Kugelstoßens umgestellt hat und ihn so in die Erfolgsspur brachte.

Kappel ist der Spaßmacher, der andere im Training mitreißt

„Inklusion bedeutet für mich, dass innerhalb der Gruppe eine Gleichstellung auf Augenhöhe stattfindet und dass ich nicht mit einem tröstlichen Beigeschmack bevorzugt oder geduldet werde“, betont Kappel. Der kleinwüchsige Mann ist viel mehr: Er ist zum Kitt der Gruppe geworden, er ist der Spaßmacher, der andere im Training mitreißt. In Welzheim, Heilbronn, Bietigheim, Kirchheim und Lenningen gibt es weitere solche Trainingsgruppen.

Die Qualität des Teams um Paralympicssieger Niko Kappel liegt nicht nur in ihren sportlichen Leistungen. Sie praktiziert ein hohes Maß an sozialer Kompetenz – im Hochleistungssport, wohlgemerkt. Hier wird Inklusion gelebt. Aber wie sagt der Prothesen-Weitspringer Markus Rehm? „Erst wenn wir den Begriff ­Inklusion nicht mehr brauchen, sind wir angekommen.“