Das Weingut Kuhnle in Weinstadt-Strümpfelbach zeigt, wie Integration ganz praktisch funktioniert – mit Menschen, die einst um ihr Bleiberecht bangen mussten.
Werner Kuhnle ist kein Mann der langen Reden. Wenn ihn ein Schicksal berührt, handelt er. So auch, als er von der drohenden Abschiebung einer kasachischen Mutter im Landkreis Heilbronn erfuhr – sieben Kinder, bestens integriert, doch von der Bürokratie überrollt. Die Geschichte weckte Erinnerungen. Erinnerungen an Kämpfe um Aufenthaltstitel, an Nächte mit Anträgen, an Sorgen um Menschen, die längst Teil seiner Familie geworden sind.
Und es bewegte ihn genug, um unsere Redaktion einzuladen, von seiner Geschichte zu erzählen: der Geschichte eines Weinguts, das ohne seine kosovarischen Mitarbeiter längst nicht mehr denkbar ist.
„Wir essen zusammen, wir arbeiten zusammen – wir sind wie eine große Familie“, sagt Kuhnle. Und wenn er das sagt, dann meint er es genau so. Denn im Weingut Kuhnle ist Integration nicht bloß ein politischer Begriff. Sie ist gelebter Alltag zwischen Trollingerreben, Edelstahlfässern und einem großen Tisch in der guten Stube.
Erfolgsmodell Integration: Sami Mehmeti als „Keimzelle“
Begonnen hat alles Ende der 1990er Jahre. Werner Kuhnle spazierte durch die Weinberge bei Aichwald, als ihm ein Mann auffiel: Sami Mehmeti, Jahrgang 1958, aus dem südserbischen Lucane. Ein Gespräch, ein Lächeln, ein bisschen Neugier – und der Anfang einer besonderen Verbindung. Mehmeti hatte Erfahrung mit der Weinlese, also fragte Kuhnle im Rathaus nach, ob er ihn als Aushilfe einstellen dürfe. Heute sagt er: „Er war nicht nur für die Traubenlese Gold wert, sondern auch beim Umbau unseres Hauses und vielen anderen Dingen.“ Mehmeti wurde zum Allrounder, zum loyalen Begleiter, zum Ersten von vielen.
Über Mehmeti kam der Kontakt zu dessen Neffen. Männer, die jahrelang regelmäßig in der Erntezeit mit dem Bus nach Österreich gefahren waren, um dort zu arbeiten. 2003 kam Hazer Berisha aus dem kosovarischen Brestoc ins Remstal. „Ein gewissenhafter Fachmann aus dem heiligen Amselfeld“, sagt Kuhnle liebevoll über den Mann, der zunächst mit einem Visum für ein Weinbaupraktikum bleiben durfte. Seine Abschiebung hingegen konnte nur durch die Härtefallkommission abgewendet werden – ein zermürbender Prozess, den Kuhnle mit unermüdlichem Einsatz begleitete.
Heute lebt Hazer Berisha mit seiner Familie in Strümpfelbach. Sohn Besjan ist „Traktorfahrer, Weinverpackungskünstler und bei allen Veranstaltungen mit dabei“, sagt Kuhnle. Der jüngere Bruder Shani – einst ebenfalls vom Aus bedroht – ist inzwischen ausgebildeter Winzer und Kellermeister. „Ohne ihn läuft bei uns im Keller gar nichts mehr.“
Familie, Handwerk, Heimat – im Kuhnle-Weingut verschmelzen Kulturen
Wer an Integration denkt, stellt sich oft Deutschkurse, Sozialarbeiter und Behördenbriefe vor. Bei den Kuhnles sieht das anders aus. Hier zählt das Miteinander. „Wir passen zusammen, und wir brauchen uns“, sagt der Seniorchef. Sein Sohn Daniel ergänzt: „Früher war es schwer, herauszufinden, was rechtlich geht. Heute wissen wir besser, worauf man achten muss.“ Und: „Arbeiten dürfen ist wichtig. Man muss den Menschen die Chance geben, sich zu beweisen und ihren Unterhalt selbst zu verdienen.“
Der Integrationsweg der kosovarischen Familien war steinig. Mehrfach war der Aufenthalt bedroht, regelmäßig mussten Briefe geschrieben, Hilfsorganisationen eingeschaltet und neue Versuche gestartet werden. Das zehrt an den Nerven – nicht nur der Betroffenen, sondern auch ihrer Unterstützer.
Wer die Internetseite des Weinguts besucht, merkt schnell: Vielfalt ist hier kein Marketingtrick, sondern Realität. Neben den Familien Mehmeti und Berisha sind auch Roland Barothi aus Ungarn, Marek Przybyla und Krystian Maciantowicz aus den polnischen Beskiden feste Größen im Betrieb. Sie heißen dort nicht Aushilfen, sondern „treue Lesehelfer“ und „mehr als das“.
Vielfalt als Erfolgsrezept im Familienbetrieb
Im beschaulichen Strümpfelbach leben inzwischen rund 20 Familien aus dem Kosovo. Viele von ihnen haben durch das Weingut Fuß gefasst. In der Heimat, im Amselfeld – einst berühmt für Weinbau – ist an eine Zukunft im Beruf kaum zu denken. „Da schaut jeder nur, wie er selbst überlebt“, sagt Sami Mehmeti.
Mit Brief und Beharrlichkeit gegen die Bürokratie
In einem Brief an unsere Redaktion schreibt Werner Kuhnle: „Der Artikel über die Abschiebung wegen eines Formfehlers hat uns sehr berührt. Seit Jahrzehnten erleben wir ähnliche Kämpfe.“ Er berichtet von Telefonaten mit Behörden, von gescheiterten Anläufen, von Härtefällen. Und auch davon, dass es am Ende immer geklappt hat – mit Geduld, mit Ausdauer, mit Menschlichkeit.
Kuhnle ist keiner, der große Reden schwingt. Aber er weiß, was richtig ist. Und er kämpft dafür. Dass seine Mitarbeiter arbeiten und bleiben dürfen, dass ihre Kinder studieren können – Samis fünf Kinder haben es alle geschafft –, dass sie Teil der Gesellschaft sind. Nicht trotz, sondern wegen ihrer Herkunft.
Heute sitzen sie am großen Tisch: Kosovaren, Deutsche, Polen, Ungarn. Sie lachen, sie reden, sie teilen Brot und Geschichten. Die Arbeit im Weinberg ist fordernd – körperlich wie seelisch. Doch sie schenkt Sinn, Gemeinschaft und das vielleicht Wichtigste: eine Zukunft.