Kult-Karte Das Rätsel um die Postkarten-Oma
Fast jeder kennt diese Scherzpostkarte. Doch wer ist eigentlich die Frau hinter dem sympathischen Knautschgesicht?
Fast jeder kennt diese Scherzpostkarte. Doch wer ist eigentlich die Frau hinter dem sympathischen Knautschgesicht?
Mariazell - So ganz sicher ist man sich nicht: Ist es ein verschmitztes Grinsen, eine schräge Grimasse oder blickt die Frau vielleicht immer so drein? Die alte Dame mit dem zerknautscht-fröhlichen Gesicht vor grünem Hintergrund sieht auf jeden Fall lustig aus, ein bisschen exzentrisch vielleicht, unbedingt aber liebenswert. Eine Oma zum Pferdestehlen, wie man sie sich nur wünschen kann. Wohl jeder hat ihr Gesicht schon mal an einem Postkartenstand gesehen. Das Foto ist ikonisch wie das von Che Guevara mit der Baskenmütze oder das von Albert Einstein mit herausgestreckter Zunge. Doch wer ist die Frau? Wie alt ist sie? Und warum zieht sie diese Grimasse?
Mehrere Verlage in Mitteleuropa haben die Witzkarte im Programm, sie sei „auf jeden Fall eine der bestverkauften Karten der vergangenen 40 Jahre“ sind sich Verleger auf Nachfrage einig. Mehrere Millionen – vielleicht sogar mehr als zehn Millionen – Exemplare des gedruckten Konterfeis hätten Käufer gefunden. Hinten auf den Karten steht „Büchsenmacher Rosl“, der Name der Oma. Als Fotograf ist der Name „Peter Cermak“ vermerkt.
Die Recherche führt nach Österreich, in die Nordsteiermark, in den Wallfahrtsort Mariazell. Dort lebt Cermak. Er ist inzwischen 78 Jahre alt. Jetzt, im Ruhestand, widmet er sich seinen Oldtimern. „Ja“, sagt er, und ein bisschen Stolz schwingt mit, „ich habe die Rosl entdeckt.“ 1966 habe er den Fotografenladen eines Herrn Machnitsch übernommen. Unter all den Glasnegativen einer alten hölzernen Plattenkamera habe er ein paar Jahre später das Schwarz-Weiß-Foto der lustigen Frau entdeckt, 1928 stand drauf als Datum. „Ich wusste gleich, dass das was Besonderes ist“, sagt Cermak.
Er habe einen Kunstmaler gefunden und ihn gebeten, einen Abzug des Porträts zu kolorieren. Das Farbfoto habe er angeboten: Tabakläden, Kiosken, Cafes. Zunächst lief es schleppend, „aber dann rief ein Verleger aus Kärnten an und wollte 12 000 Stück. Ich bin fast vom Stuhl gefallen.“ Spätestens seit 1972 sei es dann „richtig gelaufen“ mit der Karte. Eigentlich müsste die Rosl den Peter Cermak zum Millionär gemacht haben, oder? „Wohlhabend bin ich schon“, schmunzelt er, „aber reich? Der Flick bin ich nicht.“ So richtig gern redet Cermak nicht über seinen größten Coup. Aber glaubt man den Leuten im Ort, habe er „schon ein Geld“. „Finanzielle Sorgen“, sagt eine andere, „muss sich der nicht machen.“
Fritz Holzer (62) ist der stellvertretende Obmann des Hochschwabmuseums im nahegelegenen St. Ilgen. Er hat sich mit der Geschichte der sogenannten Büchsenmacher Rosl beschäftigt: „Die Rosl ist unsere Top-Attraktion.“ Nach allem, was man weiß, wurde Rosina Maria Friedrich 1858 im Örtchen Aflenz hier in der Nähe als Tochter eines Büchsenmachers (Schusswaffenherstellers) geboren. Sie schlug sich durch als Kellnerin, Kindermädchen, Wäscherin und Hebamme, als Kartenlegerin und Wahrsagerin.
Sie soll mehrere Kinder von mehreren Männern gehabt haben – geheiratet hat sie nie, die Kinder hat sie alle weggegeben, in fremde Obhut. Im Alter lebte sie in einer winzigen Köhlerhütte und verdiente sich gelegentlich durch Grimassenschneiden ein paar Groschen dazu. Das berühmte Foto zeigt also eine 70-Jährige. 1933 starb Rosl dann mittellos in einem Altersheim. Wo sie beerdigt liegt, ist unbekannt.
Die vermutlich letzte Enkelin der Rosl, Josefine Kammerhofer, starb 2013. In einem Interview aus dem Jahr 2005 beschrieb sie, wie ihre Mutter einst ein Bild von Rosl auf einer Almhütte entdeckt habe: „Wo ist die Frau?“ habe sie erregt gerufen. Auf Nachfragen habe sie gesagt, dass die Alte auf dem Bild ihre Mutter gewesen sei. Zeit ihres Lebens sei sie wütend auf Rosl gewesen. „Sie hätt die Kinder nicht weggeben müssen“, sagt Kammerhofer. Und stolz sei Kammerhofers Mutter auch nicht auf ihre Herkunft gewesen: „Wieso sollt ich stolz sein? Ich bin die Tochter von einem Kasperl.“
Erst in den vergangenen Jahren beginnt die Gemeinde sich ihrer berühmtesten Bürgerin zuzuwenden. Seit 2007 steht am Panoramaweg in St. Ilgen neben einem Ameisenlehrpfad, neben Motorsägen-Holzskulpturen von Adlern und Bären und einem „bio-sensorisch vermessenen Entspannungsplatz“ auch eine Bronzestatue der „Büchsenmacher Rosl“ und eine nachgebaute Köhlerhütte. Im Museum findet sich die alte Plattenkamera, mit der Österreichs vielleicht berühmtestes Foto aufgenommen wurde, an der Wand hängt Rosls Geburtsurkunde. Andrea Schneeberger (36) pflegte jahrelang die Facebook-Seite „Büchsenmacher Rosl“: „Viele Besucher von Aflenz fragen nach der Rosl. Schließlich ist sie Österreichs lustigstes Fotomodel.“
Zwar gibt es Rosl-T-Shirts, Rosl-Magnete und man kann sich im Museum beim Fratzenschneiden verewigen lassen. Ein touristischer Overkill, eine „Rosl World“ nach dem Muster von Disney World oder Heidi-Land, steht wohl nicht in den Sternen von Aflenz. Museumsmann Holzer sagt: „Unsere Rosl ist nicht Micky Maus. So berühmt ist sie nun auch wieder nicht.“ Er pausiert: „Aber vielleicht sollten wir ein Grimassenschneid-Festival starten.“