Bietighem-Bissingen - Prilblume und Panton-Stuhl, Tapete und Toilettentür, Kinderwagen und Kreidler-Moped, Telefon und Töpfchen, Waffeleisen und Wandlampe. Und alles in Orange, beliebterweise auch in Kombination mit Braun, Gelb oder Grün: Babyboomer und Retro-Fans dürfte die neue Ausstellung im Bietigheimer Stadtmuseum im Hornmoldhaus in Verzückung versetzen. „Orange – Farbe und Lebensgefühl der 1960er/1970er-Jahre“ heißt sie, und sie kommt zur rechten Zeit: „Die düstere, graue Winterzeit kommt, und Corona haben wir jetzt auch noch“, sagt Museumsleiterin Catharina Raible hinter ihrer orangefarbenen Maske. „Da wollen wir einfach ein bisschen Lebensfreude vermitteln.“
Die Ausstellung ist eine wahre Farbexplosion. Experimentierfreudig und positiv seien die Leute damals gewesen, sagt Raible, obwohl es alles andere als eine heile Welt gewesen sei: Kalter Krieg, Mauerbau, Vietnam- und Korea-Krieg, RAF, Nato-Doppelbeschluss oder Ölkrise prägten das Leben, aber eben auch Wirtschaftswachstum, 68-er-Bewegung, Flower Power und Emanzipation. Kunststoff und Kunstfaser ermöglichten die Produktion günstiger Möbel, Gebrauchsgegenstände und Kleidungsstücke. Die ikonisch gewordenen, extravaganten Muster, Kreis-Kombinationen und Linienschwünge auf Tapeten, Krawatten und Handtüchern prägten eine ganze Generation, mit kompletten Kücheneinrichtungen in Orange, grüngefliesten Badezimmern, beigegekachelten Toilettenwänden oder braungestreiften Urlaubszelten wuchs man damals auf. „Besonders der prägnante, positive Orangeton steht für diese Zeit“, sagt Catharina Raible.
Catharina Raible: „Das schlug ein wie eine Bombe“
Ihm eine eigene Ausstellung zu widmen, schwebte ihr schon lange vor. Bereits als Museumsleiterin in Gerlingen sammelte sie charakteristische Exponate, „die wir jetzt ausleihen konnten“. Und es brauchte nur einen einzigen Zeitungsaufruf, um ihr eine ganze Flut weiterer Leihgaben zu bescheren. „Das schlug ein wie eine Bombe“, erzählt sie.
Leute, die Haushalte auflösten, andere, die Retro-Schätze in ihren Speichern oder Partykellern bewahren oder andere, die schlichtweg noch in ihren Einrichtungen von damals leben und Gebrauchsgegenstände aus jener Zeit benutzen, boten ihr Exponate an. Auch Spielzeug oder Relikte verflossener Firmengeschichte zeigt die Ausstellung: alte Werbung, Plastiktüten mit psychedelischen Mustern oder Fotos von knallig leuchtenden Fassadenelementen. Einen kleinen „Orange-in-der-DDR“-Schwenk gibt es, und wie die Farbe zum „Kommunalorange“ für Mülleimer, Bauhof- oder Autobahnmeisterei-Fahrzeuge wurde, streift die Schau ebenfalls.
Schwelgen im Orange-Rausch
Zu sehen ist die Ausstellung von Sonntag, 25. Oktober, an bis zum 18. April 2021 – falls die Corona-Entwicklung es zulässt, der beim Besuch mit Maskenpflicht und Abstandsregelung Rechnung getragen werden muss – montags, mittwochs und freitags von 13.45 bis 17.45, donnerstags von 13.45 bis 19.45 Uhr und samstags, sonntags und und feiertags von 10.45 bis 17.45 Uhr.
„Mir ist es wichtig, dass man Dinge auch noch in echt und nicht nur virtuell sehen kann“, sagt Catharina Raible. Sie könne es aber verstehen, wenn Interessierten die Regel-Öffnungszeiten derzeit zu riskant seien. „Sie sollen sich melden. Wir können auch zu anderen Zeiten einmal aufschließen.“ Für Besucher, die nicht zu viel Zeit vor Begleittexten verbringen wollen, werden diese auf der Museums-Homepage veröffentlicht.